Hitzewelle in USA und Kanada wurde durch Klimawandel 150 mal wahrscheinlicher | Wissen & Umwelt | DW | 10.07.2021
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Erderwärmung

Hitzewelle in USA und Kanada wurde durch Klimawandel 150 mal wahrscheinlicher

Wissenschaftler haben in Modellen berechnet, wie durch Verbrennen von Öl, Kohle und Gas die extreme Hitzewelle Kanada und der USA heißer und wahrscheinlicher wurde.

Als Ende Juni die Hitzewelle über Kanada und den USA hereinbrach, starben alte Menschen allein in ihren Häusern und Waldbrände zerstörten komplette Dörfer. Wissenschaftler sagten da schon, dass das Verbrennen fossiler Brennstoffe das Klima bereits so stark verändert habe, dass die Temperaturen immer extremer werden.

Eine Woche später wissen lässt sich dies auch beziffern.

Laut einer Schnellstudie von 27 Wissenschaftlern der World Weather Attribution Initiative (WWA), machte der Klimawandel den heißesten Tag der Hitzewelle in Nordamerika 150-mal wahrscheinlicher und 2 Grad heißer.

In den US-Bundesstaaten Oregon und Washington wurde Hitzerekorde gebrochen, ebenso im kanadischen British Columbia. Messungen zeigten bis zu 49,6 Grad Celsius. Ohne den Klimawandel wären diese Werte "nahezu unmöglich” in der Region, so die Wissenschaftler.

Die Studie wurde bisher noch nicht in einem wissenschaftlichen Magazin veröffentlicht. Doch sie das jüngste Beispiel dafür, wie schnell man mit Hilfe von Klima-Modellen bestimmen kann, welche Rolle Treibhausgasemissionen bei extremem Wetter spielen.

Infografik Erderwärmung Extremwetter DE

 

Die Modelle räumen auch mit vor allem im globalen Norden weit verbreiteten Mythen auf: Dass der Klimawandel vor allem Menschen vom anderen Ende der Welt betrifft oder noch in ferner Zukunft liegt

"Wir betreten hier Neuland”, sagt die Co-Autorin der Studie Sonia Seneviratne vom Institut für Atmosphäre und Klima der ETH Zürich. "Es werden noch viel höhere Temperaturen erreicht, wenn wir es nicht schaffen die Emissionen von Treibhausgasen zu stoppen und den Klimawandel aufhalten.”

Welche Rolle spielt der Klimawandel bei der Hitze in den USA und Kanada?

Die hohen Temperaturen - Behörden gehen davon aus, dass sie inzwischen Hunderten von Menschen das Leben gekostet haben - waren so weit über den historischen Wetteraufzeichnungen, dass die Wissenschafler Schwierigkeiten haben, genau zu beziffern wie oft mit derartigen Extremen zu rechnen ist. Sie vermuten, dass es ohne Klimawandel unter den derzeitigen klimatischen Bedingungen nur etwa einmal in tausend Jahren zu solchen Ausnahmen kommen würde. 

Eine Erklärung, warum es gerade jetzt so heiß wurde, könnte sich aus der Kombination extremer Dürre in der Region mit ungewöhnlichen Bedingungen in der Atmosphäre ergeben haben. Durch die Klimaerwärmung verlangsamte Luftbewegungen des Jet-Streams könnten die Kuppel aus heißer Luft ungewöhnlich lange festgehalten haben, und die extrem hohen Temperaturen verursacht haben.

Eine mögliche andere, noch beunruhigendere Möglichkeit ist, dass das Klimasystem bereits einen Schwellenwert überschritten hat. Bereits kleinere Anstiege der Durchschnittstemperatur könnten demnach schon zu extremeren Temperaturen führen als bisher. Wenn das stimmt, würde das bedeuten, dass solche extremen Hitzewellen schon jetzt wahrscheinlicher geworden sind, als es bisherige Klimamodelle vorhersagen.

Ein Mann liegt am Boden in einem Park, Polizisten versorgen ihn mit Wasser

Hitzewellen sind vor allem für ältere Menschen gefährlich

"Was wir hier sehen, ist beispiellos", sagt die Co-Autorin der Studie Friederike Otto vom Environmental Change Institute der Universität Oxford. "Dies ist ein so außergewöhnliches Ereignis, dass wir nicht ausschließen können, dass wir heute Hitzeextreme erleben, die wir erst bei einer stärkeren Erderwärmung erwartet hätten."

Frühere Hitzerekorde wurden mit dieser aussergewöhlichen Hitzewelle so deutlich "pulverisiert", dass "etwas anderes im Gange sein muss", sagt Stefan Rahmstorf, Leiter der Erdsystemanalyse am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung in Deutschland, der nicht an der Studie beteiligt war. "Die Studie ist valide und auf dem neuesten Stand.”

Was hat der Klimawandel mit Hitzewellen zu tun?

Der Klimawandel hat Hitzewellen heißer, länger und häufiger gemacht. Durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe, die Gase freisetzen, die die Wärme der Sonne wie in einem Treibhaus einschließen, hat der Mensch den Planeten bereits um etwa 1,1 Grad über dem vorindustriellem Niveau erwärmt. Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit von Rekordtemperaturen. 

Lytton, ein Dorf in der kanadischen Provinz British Columbia, brach am 2. Juli den Hitzerekord des Landes. Die Temperaturen schossen fast 5 Grad über den bisherigen Rekord von 45 Grad. Am nächsten Tag ging das Dorf in einem Waldbrand in Flammen auf.

Waldbrände in Kanada

In British Columbia, Kanada, zerstörten die Feuer ein ganzes Dorf

"Wir sind eine kleine, ländliche, indigene, einkommensschwache Gemeinde und wir sind an der Speerspitze des Klimawandels", sagt Gordon Murray, der vor den Flammen in Lytton geflüchtet ist am Freitag in einem Interview mit dem öffentlichen Sender CBC News. "Aber das hier wird auf alle zukommen. Wir sind der Kanarienvogel in der Kohlenmine."

Wie wirkt sich Hitze auf unsere Gesundheit aus?

Hitzewellen gehören zu den tödlichsten Katastrophen der letzten Jahre, denn sie belasten den menschlichen Körper enorm. Heißes Wetter verschlimmert bestehende Krankheiten wie Herz-, Lungen- und Nierenerkrankungen, sowie Diabetes. Besonders ältere Menschen, kleine Kinder, Bauarbeiter und Obdachlose sind davon betroffen. 

In den Regionen im Nordwest-Pazifik herrscht kühles, oft regnerisches Klima. Im Vergleich zu den südlichen Bundesstaaten verfügen weniger Menschen über Klimaanlagen. Allein in Oregon schätzten die Behörden, dass 107 Menschen, die meisten über 60, jetzt an hitzebedingten Todesursachen starben.

Leute liegen in einer Turnhalle auf Matten

Schulen, große Hallen und sogar Teile der Amazon-Konzernzentrale wurden in Kühlstationen umgewandelt

Weil die Temperaturen in Oregon über Nacht stetig hoch geblieben seien, konnten sich die Menschen nicht abkühlen und erholen, erzählt Brandon Maughan, Notfallmediziner an der Oregon Health and Science University in der größten Stadt des Bundesstaates, Portland. Die Stadt erlebte Ende Juni drei Tage lang sengende Hitze mit Spitzenwerten von 46,7 Grad Celsius: "Viele Menschen gingen davon aus, dass sie das durchstehen würden, wie in früheren Sommern. Das hier ist was völlig anderes."

In einem durchschnittlichen Jahr, sagt er, würden die Krankenhäuser in Oregon viele Menschen wegen Hitzeerschöpfung behandeln. Das ließe sich auch zu Hause durchstehen, auch wenn man sich unwohl fühlt. Nur wenige Menschen kämen mit den Symptomen des ernsteren Hitzschlags in die Notaufnahme. "Wir haben dieses Jahr einfach mehr davon gesehen." 

Eine im Mai in der Zeitschrift Nature Climate Change veröffentlichte Studie fand heraus, dass einer von drei Hitzetoten während der warmen Jahreszeiten seit 1991 auf den Klimawandel zurückzuführen ist. Die Hitzewelle in Nordamerika zeigt, dass "die derzeitigen Anpassungssysteme nicht auf solche sehr extremen Ereignisse vorbereitet sind", sagt Ana Vicedo, Leiterin der Forschungsgruppe für Klimawandel und Gesundheit an der Universität Bern, sie ist Mitautorin der Studie. 

Ein Mann sitzt in einer Schulaula mit einem Kaninchen in einer Transportkiste

Ärzte riefen dazu auf, auf gefährdete Nachbarn zu achten und sich im Schatten aufzuhalten

Im Sommer 2003 starben in Europa bei einer Hitzewelle mehr als 70.000 Menschen. Durch die Erderwärmung wurde sie damals schon doppelt so wahrscheinlich. Allein in Paris erhöhte der Klimawandel damals schon das Risiko an Hitze zu sterben um 70 %, mehr als 500 Menschen starben deshalb in der Stadt.

Wie man einen kühlen Kopf bewahrt

Menschen können einen kühlen Kopf bewahren, indem sie öffentliche Plätze mit Schatten oder Klimaanlage aufsuchen, Wasser trinken und ein Auge auf ältere und gefährdete Nachbarn haben. 

Dies kann in Städten schwieriger sein, da Betongebäude und asphaltierte Straßen Wärme absorbieren, das lässt die Temperaturen sogar noch höher steigen lassen als in ländlichen Regionen. Mehr Bäume, Parks und Wasserwege können helfen, die Belastungen in Städten zu verringern.

Obwohl sich die Menschen an heißere Temperaturen anpassen können, betonen Wissenschaftler, dass die Klimapolitik zur Begrenzung der Emissionen über Länge, Stärke und Häufigkeit von Hitzewellen entscheiden wird. 

Im Jahr 2015 versprachen die Staats- und Regierungschefs der Welt, die globale Erwärmung auf deutlich unter 2 Grad über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Laut der in Deutschland sitzenden Forschungsgruppe Climate Action Tracker wird ihre derzeitige Politik den Planeten aber um etwa 3 Grad aufheizen. 

Die WWA-Studie fand heraus, dass eine globale Erwärmung von 2 Grad derzeitige Hitzewellen in den USA und Kanada so wahrscheinlich machen würde, dass sie alle fünf bis 10 Jahre auftreten könnten.

Dieser Text wurde aus dem Englischen adaptiert.