Welt-AIDS-Tag: ″Warum lebe ich noch?″ | Deutschland | DW | 30.11.2020
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HIV

Welt-AIDS-Tag: "Warum lebe ich noch?"

Gerhard Malcherek ist ein Überlebender. Vor mehr als 30 Jahren hat er sich mit dem AIDS-Virus angesteckt. In den 1980er Jahren war eine HIV-Diagnose oftmals ein Todesurteil.

"Zuerst wollte ich gar nicht wissen, ob ich HIV-positiv bin", erinnert sich Gerhard Malcherek (Artikelbild). Die schlechte Nachricht überbrachte man ihm trotzdem.

Heute lebt Malcherek wie viele andere Rentner. "Im Alter zieht man schon mal eher aufs Land", lacht er in seiner Wohnung in Köln-Sürth in den Hörer. Der 68-Jährige mag lange Spaziergänge mit seinem Hund, leistet ehrenamtliche Arbeit und verbringt Zeit mit seinem Partner.  

Dieses geradezu idyllische Älterwerden genießen zu können, war für Malcherek keine Selbstverständlichkeit: 1986 - vor 34 Jahren - wurde bei ihm als einem der ersten Menschen in Köln das Humane Immundefizienz-Virus (HIV) diagnostiziert. Bis heute lebt Malcherek mit dem Virus, das so viele andere Leben gefordert hat.

Die Anfänge von HIV

HIV ist ein Virus, das die Immunabwehr des Körpers angreift. Infizierte werden so anfälliger für andere Infektionen und Krankheiten. Unbehandelt kann HIV zu der oft tödlichen Krankheit AIDS (Acquired Immune Deficiency Syndrome - Deutsch: Erworbenes Abwehrschwächesyndrom) führen.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) überleben AIDS-Kranke ohne medikamentöse Behandlung in der Regel rund drei Jahre.

Der junge Gerhard Malcherek in den 1980er Jahren in Köln

Der junge Gerhard Malcherek in der Zeit seiner HIV-Diagnose

Die Ursprünge der Epidemie sind unklar, aber identifiziert wurde sie erstmals 1981 in den USA unter schwulen Männern. Weil das Virus sich durch den Austausch von Körperflüssigkeiten verbreitet, sind schwule Männer, die ungeschützten analen oder oralen Geschlechtsverkehr haben, besonders gefährdet. Infizieren kann sich allerdings Jede und Jeder - unabhängig von der sexuellen Orientierung. Hohe Infektionsraten gibt es auch unter Drogenkonsumenten und Sexarbeiterinnen und -arbeitern.

Das Virus verbreitete sich schnell auf der ganzen Welt. Es entwickelte sich zu einer der schlimmsten Epidemien in der Menschheitsgeschichte. Die Folgen können ernst sein - und rasch eintreten. In den 1980er Jahren sei eine HIV-Diagnose "quasi ein Todesurteil" gewesen, erklärt Malcherek.

Das Virus kommt nach Köln

Vor der deutschen Wiedervereinigung war Köln das Herz der westdeutschen Homosexuellen-Szene. Er sei zu dieser Zeit einer von vielen Männern gewesen, bei denen das Virus diagnostiziert wurde. Doch er habe sich dadurch nicht weniger einsam gefühlt, sagt Malcherek.

"Ich habe sechs Jahre lang gesagt: Ich will nicht mehr. Ich bin nicht mehr raus gegangen, war nur noch zu Hause. Zu dieser Zeit hatte ich einen Freund, aber wir hatten keinen Geschlechtsverkehr mehr. Wir lebten wie ein altes Ehepaar", erinnert er sich.

Ein junger Mann führt einen HIV-Heimtest durch. Man sieht eine Hand, eine Spritze und einen Tropfen Blut

Seit 2018 sind HIV-Selbsttests in Deutschland erhältlich

Malcherek nahm das antivirale Medikament AZT, um das Virus in Schach zu halten. Eine Pille, die er alle vier Stunden nehmen musste, Tag und Nacht. "Es war einem ständig übel, man hatte immer so einen Eisengeschmack im Mund", schaudert er noch heute.

Die körperliche Erschöpfung und andere Symptome waren das Eine. Das Andere: Malcherek war auch mit dem Stigma konfrontiert, mit dem noch heute HIV-positive Menschen zu kämpfen haben.

Malcherek verheimlicht teilweise seine Erkrankung. "Dann bin ich zur Deutschen Aidshilfe gegangen und habe gesagt: 'Was mache ich denn nur?' Ich brauchte irgendwie Hilfe. Ich merkte, ich kam nicht weiter mit mir." Bei der Organisation traf Malcherek andere Menschen mit einer HIV-Diagnose. Er lernte Techniken, wie er anderen Menschen davon erzählen - oder sichereren Sex haben konnte.

13 Jahre lang arbeitete er ehrenamtlich als Vorstand der Aidshilfe in Köln, organisierte Veranstaltungen und Beratungen für Menschen, die mit der Diagnose lebten, besuchte Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen. In den 2000ern wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Doch seine Freunde starben weiter. "Es sind unheimlich viele Leute gestorben in der Zeit", sagt Malcherek - und erschaudert bei der Erinnerung. "Es war so weit, dass man sich die Frage stellte: Warum lebe ich noch? Es gibt noch zwei, drei Leute in Köln, die ich gut kenne, die auch noch leben und die sich irgendwann mal die gleiche Frage gestellt haben. Ich habe sie mir bis heute nicht beantwortet."

HIV als Stigma

In Deutschland sind die Infektionsraten vergleichsweise niedrig. In einer im November veröffentlichten Schätzung geht das Robert-Koch-Institut von etwas mehr als 90.000 HIV-Infizierten in Deutschland aus. Demnach gab es im vergangenen Jahr 2600 neue Infektionen, etwas mehr als im Jahr davor.

In den 1980ern zögerten die konservativen Regierungen in den USA unter dem republikanischen Präsident Ronald Reagan und in Großbritannien unter der konservativen Premierministerin Margaret Thatcher zu Beginn der Epidemie schwulen Männern zu helfen. Sie machten den Lebensstil der Opfer für die Situation verantwortlich oder stellten die Krankheit als angebliche höhere Gewalt dar, mit der Homosexualität bestraft werden sollte.

Auch in Deutschland wurden einige HIV-Infizierte stigmatisiert. "Es gab Leute, die einen angepöbelt haben oder Leute, die keine Wohnung bekommen haben", sagt Malcherek. "Aber ich hatte solche Probleme nie." 

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Ein besonderes Kinderheim für HIV-Infizierte

Anlässlich des Welt-AIDS-Tags 2020 haben die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), die Deutsche Aidshilfe und die Deutsche AIDS-Stiftung eine Kampagne gegen Stigmatisierung ins Leben gerufen. Die gibt es in Deutschland noch immer: Laut einer Umfrage im Auftrag des Verbands der Privaten Krankenversicherung (PKV) hätte fast jeder Fünfte in Deutschland Vorbehalte, sich mit einem HIV-positiven Menschen das Büro zu teilen.

Malcherek hatte Glück: Er hatte einen guten Job, bekam immer seine Medikamente. Als er in den frühen 1990ern sehr krank wurde, ging er in Rente - mit 40. Sein Chef sei sehr verständnisvoll gewesen, erzählt er. Malchereks Partner, der aus den USA kommt, ließ sich unter anderem wegen der besseren Gesundheitsversorgung für HIV-Positive in Deutschland nieder.

Keine Heilung, aber Prävention und Behandlung

Seit Malchereks Diagnose hat sich vieles verändert: HIV ist nicht mehr das Todesurteil, das es in den meisten westlichen Ländern einmal war, aber in Teilen Afrikas und anderen Entwicklungsländern noch sehr oft ist. Rund 38 Millionen Menschen weltweit leben mit ihr.

Zwar gibt es noch immer keine Heilung, aber heute kann eine HIV-Infektion mit Medikamenten behandelt werden. Mehr als 90 Prozent aller HIV-Positiven nehmen Medikamente, die das Virus erfolgreich unterdrücken und können so ein ganz normales Leben führen. Zudem sind in vielen Ländern Medikamente kostenfrei erhältlich, die eine HIV-Infektion verhindern, auch in Deutschland. Deren Einnahme wird als PrEP bezeichnet, kurz für Prä-Expositions-Prophylaxe.

PrEP - Medikamente zur Vorbeugung von HIV, eine blaue Pille in der Hand eines Patienten

Ein Medikament zur HIV-Vorbeugung (Prä-Expositions-Prophylaxe, kurz PrEP)

"Wenn ich das gehabt hätte, was die junge Generation jetzt hat, wäre mir Leid und Elend erspart worden", sagt Malcherek. Er leidet unter einer schmerzhaften chronischen Nervenerkankung, die mit seiner HIV-Diagnose zusammenhängt.

Dennoch engagiert er sich weiterhin politisch und gesellschaftlich. Für die Verschwörungstheorien, die in diesem Jahr im Kontext der Corona-Pandemie verbreitet wurden, hat Malcherek wenig Verständnis.

Als jemand, der als Opfer eines schrecklichen Virus so viel Zeit in Krankenhäusern verbracht hat, fehlt ihm die Geduld für Menschen, die die Echtheit von Bildern aus Corona-Intensivstationen anzweifeln. "Man kann die Bilder ja sehen, die Krankenhäuser sind ja nicht umsonst überfüllt. Dass es dann immer noch Menschen gibt, die sagen, das ist alles fake, das ist Wahnsinn", sagt Malcherek traurig. Die Menschen täten sich schwer, über Krankheiten zu sprechen, glaubt er.

"Aber ich bin daran gewöhnt." Manchmal frage er sich, wie sein Leben ohne die Krankheit verlaufen wäre. "Aber mein Leben ist gut gewesen."

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