Wegen Nähe zu Putin: München entlässt Dirigent Gergiev | Musik | DW | 01.03.2022
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Russlands Krieg gegen die Ukraine

Wegen Nähe zu Putin: München entlässt Dirigent Gergiev

Der russische Stardirigent kam der Forderung nicht nach, sich von seinem Freund Waldimir Putin zu distanzieren. Jetzt verliert er sein Amt als Chefdirigent der Münchener Philharmoniker.

Dirigent Valery Gergiev beim Dirigieren

Valery Gergiev bei einem Auftritt mit dem London Symphony Orchestra im Jahr 2016

Valery Gergiev wurde am Dienstag von seinem Posten als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker mit sofortiger Wirkung enthoben. Es werde ab sofort keine weiteren Konzerte der Münchner Philharmoniker unter seiner Leitung geben, erklärte der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter. "Valery Gergiev hat sich trotz meiner Aufforderung, sich eindeutig und unmissverständlich von dem brutalen Angriffskrieg zu distanzieren, den Putin gegen die Ukraine und nun insbesondere auch gegen unsere Partnerstadt Kiew führt, nicht geäußert", so Reiter weiter. 

Der renommierte Dirigent ist seit den 1990er-Jahren eng mit Wladimir Putin befreundet und zeigte sich schon in der Vergangenheit stets loyal gegenüber dem russischen Präsidenten und seiner Politik. So unterschrieb er im Jahr 2014 einen offenen Brief, aufgesetzt von russischen Kulturschaffenden, in dem die Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim unterstützt wurde. Auch in einem Wahlkampf-Video des russischen Präsidenten trat Gergiev 2012 auf. 

Valery Gergiev und Wladimir Putin bei einem Konzert des Marjinsky-Orchesters

Valery Gergiev (links) gilt als Unterstützer von Wladimir Putins Politik

Verstrichenes Ultimatum

Wegen seines Schweigens zum Ukraine-Krieg war Gergiev in den vergangen Tagen immer mehr in Bedrängnis geraten. Der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter hatte dem Star-Dirigenten am Freitag (25.02.) ein Ultimatum gesetzt: Wenn er sich nicht bis Montag von Putin und dessen Angriffskrieg auf die Ukraine distanziere, könne der Russe nicht weiter Chefdirigent der Münchner Philharmoniker bleiben. 

Nach Angaben der Stadt hätte Gergiev bis Mitternacht am Montagabend Zeit gehabt, sich zu äußern. Gergiev ließ die Frist verstreichen, was man in München zum Anlass nahm, einen Schlussstrich zu ziehen: "Ich hätte erwartet, dass er seine sehr positive Einschätzung des russischen Machthabers überdenkt und revidiert", so Oberbürgermeister Reiter. "Das hat er nicht getan." In der aktuellen Situation sei ein klares Signal für das Orchester, sein Publikum, die Öffentlichkeit und Stadtpolitik unabdingbar gewesen, um weiter zusammenarbeiten zu können. 

Gergievs Vertrag als Chefdirigent in München wäre eigentlich noch bis 2025 gelaufen. Ob eine Kündigung aus politischen Gründen rechtens ist, bedarf der juristischen Prüfung. Es könnte also sein, dass der Dirigent Schadenersatzforderungen an die Stadt stellt. 

Bereits am Sonntag (27.02.) hat sich auch Gergievs Künstleragentur von ihm getrennt. Gergiev sei ein visionärer Künstler, "den viele von uns lieben und bewundern", und "einer der größten Dirigenten unserer Zeit", schrieb Agenturchef Marcus Felsner auf Twitter. Doch in Anbetracht des russischen Angriffskrieg sei es der Agentur unmöglich, Gergievs Interessen weiter zu vertreten. Die Entscheidung breche ihm das Herz, so Felsner. Seine Gedanken seien bei dem Dirigenten, aber noch mehr bei den "Millionen Opfern eines Kriegsverbrechens":

Absagen häufen sich

Der 68-jährige Dirigent wurde in den vergangenen Tagen bereits von mehreren Konzert- und Festivalbetreibern ausgeladen, unter anderem aus Rotterdam und Luzern. Die erste Absage kam vergangene Woche aus New York: für die drei Auftritte mit den Wiener Philharmonikern in der berühmten New Yorker Carnegie Hall wurde er durch den Dirigenten Yannick Nézét-Seguin ersetzt. Die Carnegie Hall sagte zudem zwei Aufführungen im Mai ab, bei denen Gergiev mit seinem Mariinsky-Orchestra auftreten sollte. Auch das Edinburgh International Festival, dessen Ehrenvorsitz er innehatte, trennte sich von ihm.

Darüber hinaus wurde Gergiev mitgeteilt, dass er nicht mehr die Aufführungen von Tschaikowskys Oper "Pique Dame" in der Mailänder Scala dirigieren dürfe, wenn er den Krieg in der Ukraine nicht öffentlich verurteilen würde. Der Bürgermeister von Mailand und Präsident der Scala, Giuseppe Sala, sagte am Montag, Gergiev habe "nicht reagiert". Am Mittwoch erklärte die Scala dann, dass sein 27-jähriger Landsmann Timur Zangiev die Aufführungen dirigieren werde.

Solidarisch mit Gergiev zeigte sich zunächst Opernsängerin Anna Netrebko: Auf Instagram postete sie ein Foto, das die beiden Hand in Hand zeigte. Mittlerweile ist der Link allerdings gelöscht.

Seit 1988 ist Valery Gergiev künstlerischer Leiter und Generaldirektor des Mariinsky-Theaters in Sankt Petersburg. Von 2007 bis 2015 war er Chefdirigent des London Symphony Orchestra. 2015 wurde er dann als Chefdirigent der Münchner Philharmoniker eingestellt - seine Unterstützung für den russischen Präsidenten und dessen Politik waren damals schon bekannt. 1996 wurde ihm der Ehrentitel "Volkskünstler" der Russischen Föderation verliehen, seit 2004 ist er auch "Volkskünstler" der Ukraine.

mjs,ash  (AFP, dpa)

Dieser Artikel wurde am 02. März aktualisiert und ergänzt.

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