Was wird bleiben vom Handball-Wintermärchen? | Sport | DW | 24.01.2019
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Handball-Euphorie in Deutschland

Was wird bleiben vom Handball-Wintermärchen?

Co-Gastgeber Deutschland steht im Halbfinale der Weltmeisterschaft. Und das ganze Land redet über Handball. Allerdings stellt sich die Frage, ob die Euphorie nicht - wie nach früheren Erfolgen - schnell wieder verfliegt.

Auch der Bundespräsident ist begeistert. "Das Halbfinale ist erreicht. Warum nicht auch mehr?", fragte Frank-Walter Steinmeier mit einem breiten Lächeln im Gesicht, nachdem die deutsche Handball-Nationalmannschaft das Halbfinale bei der Weltmeisterschaft erreicht hatte. Wie schon 2007, als das DHB-Team unter Leitung des damaligen Bundestrainers Heiner Brand bei der Heim-WM triumphierte, ist auch jetzt wieder eine Handball-Euphorie im Lande ausgebrochen, die auch das Staatsoberhaupt erfasst hat. Grund für die Begeisterung, so Steinmeier, sei nicht nur das erfolgreiche Auftreten der Mannschaft, sondern "auch die Typen, die Leistung zeigen und den unbändigen Ehrgeiz und die Freude am Spiel mitbringen". Wenn das Team von Bundestrainer Christian Prokop am Freitag in Hamburg gegen Norwegen (Beginn 20.30 Uhr MEZ) um den Einzug ins Finale spielt, wird der Bundespräsident wieder auf der Tribüne sitzen.

Handball als Quotenrenner

Das wiederentflammte Handballfieber lässt sich auch mit Zahlen belegen: Bereits vor den beiden Halbfinals und dem Endspiel melden die WM-Veranstalter Deutschland und Dänemark mit insgesamt 837.000 Zuschauern einen Besucherrekord. Die bisherige Bestmarke lag bei 750.000, aufgestellt bei der WM 2007 in Deutschland. Auch im Fernsehen ist die WM ein Quotenrenner: Zehn Millionen Zuschauer verfolgten am Montag im ZDF den 22:21-Krimi gegen Kroatien, das entspricht einem Marktanteil von rund 30 Prozent. Selbst das letzte Hauptrundenspiel am Mittwoch gegen Spanien, vor dem der Halbfinaleinzug bereits feststand und bei dem es nur noch um den Gruppensieg ging, verfolgten in der ARD neun Millionen Zuschauer.

Handball-Boom 2007 verpuffte

"Wir sind jetzt da, wo wir hinwollten", sagt Bob Hanning, Vizepräsident des Deutschen Handball-Bunds und fügt mit Blick auf den Fußball hinzu: "Wir wollen den Abstand zur Lieblingssportart verkürzen." Das wollte der DHB auch schon nach dem WM-Erfolg 2007, doch die Handball-Euphorie verpuffte damals ebenso schnell wie nach dem sensationellen EM-Titel 2016. "Da wird ein kurzzeitiges Hoch erzeugt, das vielleicht auch ganz kurzzeitig einen Mitgliederzuwachs erzeugt", analysierte zuletzt der Philosoph und Publizist Wolfram Eilenberger im Deutschlandfunk, "aber die Gesamtinteressenlage ist so stark verankert, so stark verhärtet, dass man nicht annehmen kann, dass Handball jetzt einen extrem hohen Zuwachs erfahren wird." Eilenberger hatte nach dem EM-Triumph 2016 für einen Aufschrei unter den Fans gesorgt, als er in einem Essay Handball als "Sport volkstümelnder Reihenhausspießer" bezeichnet hatte.

Handball WM 2019 Hauptrunde Deutschland vs. Spanien (picture-alliance/AP Photo/M. Meissner)

Deutschlands Handballer begeistern das Publikum - nicht nur in der Halle

Mutterland des Handballs

Obwohl das erste Regelwerk 1906 in Dänemark, dem anderen Gastgeberland der aktuellen WM, entworfen wurde, gilt Deutschland als Mutterland des Handballs. Als Geburtsstunde der Sportart gilt der 29. Oktober 1917. Damals legte der Berliner Oberturnwart Max Heiser fest, dass "Torball" - ein Spiel, das er zwei Jahre zuvor für Frauen entworfen hatte - künftig "Handball" heißen solle. Mit über 750.000 Mitgliedern ist der DHB heute der größte Handball-Verband weltweit. Außerhalb Europas ist Handball in einigen Ländern Nordafrikas, wie zum Beispiel in Tunesien und Ägypten, in Teilen Südamerikas (Brasilien, Argentinien) und Asiens (Südkorea, Japan) und neuerdings auch im arabischen Raum (Katar) populär.

"Entwicklungsland" Großbritannien

Im angelsächsischen Raum ist die Sportart dagegen kaum verbreitet. Großbritannien etwa ist nach wie vor ein Handball-Entwicklungsland. Als London den Zuschlag für die Olympischen Sommerspiele 2012 erhielt, wurde weltweit nach Handballern mit britischen Wurzeln gefahndet. Die Nationalmannschaft, die dann antrat, war eine Mischung aus talentierten Hobbyspielern, Basketballern, Rugby-, American-Football- und Fußballspielern. Die Zeitung "Sun" klärte damals ihre Leser so auf: "Handball ist wie Wasserball ohne Wasser."

"Wir müssen jünger werden"

Deutschland Handball-WM 2019 | Stefan Kretzschmar (picture-alliance/SvenSimon/E. Kremser)

Kretzschmar fordert neues Handball-Image

Obwohl es sicher auch in Deutschland viele Menschen gibt, die sich mit den Handballregeln nicht genau auskennen, muss man der Öffentlichkeit hierzulande die Sportart an sich nicht erklären. Damit die Euphorie diesmal aber nachhaltig wirkt, bedarf es nach Ansicht von Handballexperten Reformen. Viktor Szilagyi, Sportchef des deutschen Rekordmeisters THW Kiel, schlägt vor, im Sommer Handball-Camps für Jugendliche anzubieten. Die Vereine müssten zudem ihr Scouting verstärken. "Wir müssen das Image unserer Sportart verändern", sagt Ex-Nationalspieler und Handball-Ikone Stefan Kretzschmar. "Das heißt, wir müssen jünger werden, interessanter für die Kids. Das ist die Herausforderung für die nächsten Jahre."

Die Redaktion empfiehlt