DHB-Team: Im Kollektiv liegt die Kraft | Sport | DW | 21.01.2019
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Handball-WM in Köln

DHB-Team: Im Kollektiv liegt die Kraft

Vor der Handball-WM hieß es: Deutschland fehlen die echten Typen für den ganz großen Coup. Nach dem vorzeitigen Halbfinaleinzug ist klar: Das DHB-Team hat sie - aber vielleicht anders als erwartet.

Hendrik Pekeler strahlt. "Wir stehen im Halbfinale", sagt er, so, als müsste er es sich selbst noch erklären. Erst vor ein paar Augenblicken hat er die tobende Kölner Arena verlassen und steht nun in einem Tunnel irgendwo im Innern der Mehrzweckhalle. Der Schweiß tropft ihm noch vom kurzen Haar, doch er trägt bereits seine wärmende Trainingsjacke. Jetzt bloß nicht erkälten so kurz vor dem ganz großen Ziel.

Mit drei Treffern hat der schlaksige Kreisläufer mitgeholfen, Deutschland ins WM-Halbfinale zu führen. Pekeler braucht einen Moment, bis er sich sortiert hat, dann spricht er in ruhigem Ton von verpassten Chancen in der Offensive und einem kräftezehrendem Ringen mit den Kroaten. In einer engen, nicht immer glanzvollen, aber mutigen Partie ringt Deutschland Kroatien mit 22:21 (11:11) nieder. "Es war ein zähes, kampfbetontes Spiel und beide Teams haben sich offensiv schwergetan." Das kann man wohl sagen.

Die Nervosität war der deutschen Mannschaft zu Beginn deutlich anzusehen. Nach großem Empfang durch die 19.250 Zuschauer in der Kölnarena flatterten die Nerven. Kroatien hatte bei den ersten Angriffen leichtes Spiel, während Deutschland Abspielfehler unterliefen. Die Konzentration war in der Kabine geblieben. Erst in der vierten Minute war es Uwe Gensheimer, der unwiderstehlich von Linksaußen nach innen zog und zum 1:2 traf. Eine starke Parade und kurz darauf noch ein gehaltener Siebenmeter von Keeper Andreas Wolff weckten die Zuschauer und das Team. 

Martin Strobel fällt für den Rest der WM aus

Doch dann der Schock: Aufbauspieler Martin Strobel rutschte bei einer Offensivaktion aus und musste in der achten Minute verletzt vom Feld getragen werden: ein Innenbandriss - ein herber Verlust für die DHB-Auswahl. Dennoch gelang Fabian Wiede die erste Führung für Deutschland nach zehn Minuten (4:3). Kroatiens Kapitän Domagoj Duvnjak trieb im Anschluss seine Mitspieler an, setzte der deutschen Abwehr zu. Mit schönem, geradlinigem Handball zog der Olympiasieger von 1996 und 2004 wieder an den WM-Gastgebern vorbei.

Und es blieb eine umkämpfte Partie. Mehrmals wechselte die Führung, ehe Hendrik Pekeler, der mit seinen 2,03 Metern zu den größten Spielern dieser WM zählt, ein echter Big-Point gelang: Weit vor dem eigenen Neun-Meter-Kreis stibitzte er einen gegnerischen Pass und stürmte unaufhaltsam zur nächsten deutschen Führung (8:7, 20.). Auszeit Kroatien. Die Körpersprache der deutschen Bank: unbedingter Wille.

Einer wollte es an diesem Abend aber vielleicht zu sehr: Patrick Groetzki vergab zunächst kläglich und völlig frei vor Kroatiens Keeper Marin Sego und handelte sich anschließend seine zweite Zwei-Minuten-Zeitstrafe ein. Dass Deutschland dennoch auf zwei Tore davon zog, war Keeper Wolff und einem cleveren Distanzwurf von Patrick Wieneck zu verdanken - 10:8 (26.). Doch im Angriff versagten Groetzki und auch Uwe Gensheimer die Nerven, während Kroatien immer effektiver wurde - Halbzeitstand: 11:11. "Dass es vorne klemmt, wissen wir", sagte Hendrik Pekeler später. "Aber so lange wir hinten weniger Tore fangen, ist das relativ egal." Eine simple, wie zutreffende Analyse des deutschen Spiels.

Die unerklärliche Schwäche des Patrick Groetzki

Bundestrainer Christian Prokop (2.v.l.) schaut seinem Team skeptisch zu (Reuters/W. Rattay)

Bundestrainer Christian Prokop (2.v.l.) schaut seinem Team skeptisch zu

In Sachen Fehler blieben sich beide Teams auch in Halbzeit zwei treu. Und auf der deutschen Seite rieb man sich weiter verdutzt die Augen, wie Patrick Groetzki weitere Chancen vergab. Der sonst so sichere Rechtsaußen der Rhein-Neckar-Löwen haderte sichtlich mit sich. Auch Kapitän Gensheimer blieb eher blass. Ausgerechnet die Stars zeigten Schwächen. Doch für sie sprangen andere in die Bresche: Kai Hafner etwa mit seinem Treffer zum zwischenzeitlichen 15:13 für Deutschland (41.). Oder Jannik Kohlbacher, der am Kreis seine ganze Wucht ausspielte, sowie Fabian Wiede, der mit einem 101-Km/h-Strahl erstmals auf drei Tore Vorsprung erhöhte (18:15, 46.). Und natürlich Wolff, immer wieder Wolff.

Der bärtige Torhüter ist mit seinen Reflexen und der unbändigen Freude über gehaltene Bälle ohnehin längst der Liebling des heimischen Publikums. Und so war es wieder einmal das Kollektiv, dass Deutschlands Handball-Auswahl bei diesem Turnier eine Runde weiter brachte.

Der Vorwurf der Kritiker vor dem Turnier, dem aktuellen Team fehle es einfach an echten Typen, kontert diese Mannschaft einfach mit Teamgeist. Im Vergleich zum WM-Team von 2007 fehlen vielleicht die überragenden Charaktere, doch das Ensemble ist ähnlich stark, vor allem in der Defensive. Und die Fans in der Kölnarena feierten das Team mit Standing Ovations - allerdings etwas zu früh: Denn Deutschlands Offensive ließ nun zahllose Gelegenheiten liegen und biss sich an Marin Sego förmlich die Zähne aus. Der kroatische Keeper hatte einen glänzenden Abend und hielt seine Mannschaft im Spiel.

Am Ende ein Zittersieg

Knapp zehn Minuten lang gelang den Spielern von Bundestrainer Christian Prokop kein Tor. Kroatien schien die Partie an sich gerissen zu haben, doch Deutschland antwortete mit einer Energieleistung: Im Fallen hielt Andreas Wolff einen Ball von Rechtsaußen und leitete sofort den Tempogegenstoß ein, den Hendrik Pekeler zur erneuten Führung verwandelte (21:20, 59.). Ein weiterer schneller Treffer von Gensheimer brachte die Entscheidung, ehe Kroatien noch zum 21:22-Endstand verkürzen konnte. Deutschland zitterte sich am Ende zum Sieg.

Im letzten Gruppenspiel am Mittwoch gegen Spanien kann sich Deutschland sogar einen Niederlage leisten. Ernst wird es dann im Halbfinale am Freitagabend in Hamburg, bei dem Deutschland um den Einzug ums Endspiel im dänischen Herning spielt.

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