Was hat Amazon mit der Inflation zu tun? | Wirtschaft | DW | 26.07.2018
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Geldpolitik

Was hat Amazon mit der Inflation zu tun?

Einige Notenbanker wundern sich über die niedrige Inflation trotz guter Konjunktur. Andere haben Amazon als Schuldigen ausgemacht. Aber: Kann der "Amazon-Effekt" sich wirklich volkswirtschaftlich derart stark auswirken?

Die japanische Notenbank hat ein Problem. Sie flutet seit Jahren die Märkte mit irren Mengen Geld. Ziel ist es, die Inflation zu ihrem Ziel von rund zwei  Prozent zu treiben. Doch die Preise zeigen sich ziemlich unbeeindruckt. Im Juni lag die Inflation in Japan bei 0,8 Prozent. Und diese aus Sicht der Notenbank noch angenehm hohe Rate verdankt die Inflation zum Großteil dem sprunghaften Anstieg der Ölpreise. Ohne den lag die Teuerungsrate bei 0,2 Prozent - und das ist gefährlich nahe an einer Deflation. Einer Situation, vor der Notenbanker sich fürchten, weil sie eine Spirale aus fallenden Preisen und sinkenden Investitionen auslösen kann, die in einer Rezession münden kann.

Doch nicht nur in Japan, auch in anderen Regionen der Welt arbeiten die Notenbanken mit vollem Einsatz daran, die Inflation in Richtung ihres Zielwertes in die Höhe zu treiben. Die Europäische Zentralbank beispielsweise kauft zu diesem Zweck noch bis mindestens September jeden Monat europäische Anleihen im Volumen von 30 Milliarden Euro auf. Doch auch hier wird sich deren Chef Mario Draghi mit Blick auf die Preisteuerung nicht zufrieden zeigen; auch in Europa liegt die Kerninflation weit unter zwei Prozent. In Zeiten, in denen die Dinge nicht so laufen, wie sie laufen sollten, sind Erklärungen gefragt. Und die japanische Notenbank hat eine gefunden.

Japanische Zentralbank Tokio Kredit Wirtschaft Japanische Notenbank 07.04.2011 (picture-alliance/dpa)

Die Japanische Notenbank kämpft gegen eine Rezession

Einmal- oder Dauereffekt?

Pünktlich zu ihrer letzten Sitzung hat sie eine Studie zitiert, nach der sie zumindest einen Teilschuldigen benennen kann: Amazon. Dieser und andere Internethändler sorgten demnach für Preisschlachten und die Vergleichbarkeit von Preisen. In der Folge stiegen die Preise langsamer als zu anderen Zeiten - und auch langsamer, als die Theorien der Volkswirtschaft es eigentlich vorhersagen. 0,1 bis 0,2 Prozent soll Amazon & co. die Inflation demnach drücken. "Für mich ist das schwer vorstellbar, dass dadurch die Preise so stark sinken sollen", hält der Chefvolkswirt der Privatbank Julius Bär, David Kohl, dagegen. "Denn im Grunde könnte man da zwar einen Einmaleffekt feststellen, aber nicht einen Dauerhaften."

Das ist unzweifelhaft richtig. Denn die Inflation gibt die Veränderungsrate des Preisniveaus gegenüber den Preisen im gleichen Vorjahreszeitraum an. Aus diesem Grund kann ein über das Jahr steigender oder fallender Ölpreis beispielsweise erhebliche Auswirkungen auf die Inflation haben. Das ist aktuell übrigens auch der Fall. Denn seit vergangenem Sommer haben sich die Ölpreise verdoppelt, deswegen liegt die Inflation inklusive der Ölpreise aktuell vergleichsweise hoch. Und deswegen schaut EZB-Präsident Mario Draghi auch nicht gerne auf diese allgemeine Inflationsrate, sondern nur die Kerninflation, aus der unter anderem die Ölpreise heraus gerechnet sind.

Andererseits aber sind das Auftreten und die Wirkung von Onlineportalen wie Amazon auch mehr als nur eine einmalige Erscheinung. Und mit zunehmender Digitalisierung verschlanken sich auch viele Produktionsprozesse - in der Folge können Unternehmen allgemein effizienter und preiswerter produzieren, was tendenziell sinkende Preise zur Folge hat. "Der Internethandel und die zunehmende Digitalisierung wirken sich auf jeden Fall volkswirtschaftlich aus", meint daher auch Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING Diba. "Das sind jetzt erst die Anfänge. Durch den Internethandel, die zunehmende Konkurrenz und Transparenz werden die Preise eher fallen. Und das ist natürlich etwas, was den Notenbanken Kopfzerbrechen macht."

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Australien führt "Amazon-Steuer" ein

Oder sind es die "Geiz-ist geil"-Kunden?

Die japanische Notenbank jedenfalls verweist darauf, dass Amazon die Zahl seiner Versandzentren in Japan stark aufgestockt hat im vergangenen Jahrzehnt. Dadurch verkürzen sich Lieferketten, die Kosten sinken. Da der Online-Händler zudem keine Filialen betreibe, sondern über Lagerhaltung und schnelle Lieferung die Ware zum Kunden bringt, ist er auch gegenüber dem stationären Handel im Preisvorteil. Und selbst wenn er es nicht ist: Auch stationäre Händler leiden darunter, dass die Amazon-Preise via Smartphone jederzeit abrufbar sind. Im Zweifel müssen sie ihren Kunden ähnlich niedrige Preise bieten.

Deswegen schließlich stellen mehr und mehr Ökonomen die Frage, ob die von vielen Notenbanken angestrebte Teuerung von rund zwei Prozent nicht längst obsolet ist. Denn egal, ob der Amazon-Effekt in seiner eng verstandenen Variante als Online-Preisvergleich sich bemerkbar macht oder weniger ins Gewicht fällt: Im Zusammenspiel mit der zunehmenden Digitalisierung dürfte der Druck auf die Inflation anhalten. Und das vermutlich mehr, als das über längere Perioden in der Vergangenheit der Fall war.onlinehandel

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