Was bedeutet Chinas Nullzollregelung für Afrika?
25. Mai 2026
Die ersten Avocado-Lieferungen aus Kenia sind Anfang Mai im Rahmen der neuen NullzollregelungPekings in China eingetroffen. Die Regelung, die am 1. Mai in Kraft trat, gewährt 53 Volkswirtschaften Afrikas für die nächsten zwei Jahre zollfreien Zugang zum chinesischen Markt.
"Chinas Einführung der zollfreien Importe aus Afrikas ist sehr, sehr ermutigend", sagt Olive Gichuri, eine kenianische Kaffeebäuerin, der DW.
"Wenn unser Kaffee wettbewerbsfähiger wird, bedeutet das mehr Nachfrage, mehr Absatzmöglichkeiten und mehr Einnahmen für die Bauern."
Sinkende Zölle, sinkendes Handelsbilanzdefizit?
Laut Expertin Lauren Johnston ist die Marktöffnung Chinas "eigentlich vor allem ein Geschenk an die stärkeren Volkswirtschaften Afrikas".
"Diese Länder gehören zur Staatengruppe mit mittlerem Einkommen und sind gut positioniert, um ihre Exporte zu steigern", erklärt Johnston, die am Zentrum für Chinastudien der Universität in Sydney lehrt.
Der Warenhandel zwischen China und Afrika erreichte 2025 laut der chinesischen Zollbehörde einen Rekordwert von 348 Milliarden US-Dollar (312 Milliarden Euro). China ist seit 16 Jahren in Folge Afrikas größter Handelspartner.
Afrikanische Länder exportierten Waren im Wert von rund 123 Milliarden US-Dollar nach China, hauptsächlich Öl, Mineralien und andere Rohstoffe. Im Gegenzug kauften sie Produkte im Wert von rund 225 Milliarden US-Dollar aus China, hauptsächlich Industriegüter, Elektronik, Fahrzeuge und Maschinen.
Afrikas Handelsdefizit gegenüber China ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen und erreichte 2025 einen Rekordwert von 102 Milliarden US-Dollar. 2024 betrug es noch rund 62 Milliarden US-Dollar. Das geht aus offiziellen chinesischen Daten hervor.
"Der Exportpreis ist niedrig, weil wir unseren Exporten keinen Mehrwert verleihen", erklärt Adu Owusu Sarkodie, Wirtschaftswissenschaftler und Dozent an der University of Ghana, im Gespräch mit der DW.
"Der beste Weg, uns zu positionieren, besteht darin, dies zu ändern, damit wir höhere Preise und höhere Einnahmen erzielen und so die Armut verringern können."
Kenia, Südafrika und Ghana gewinnen
Kenia gehört zu den eindeutigen Nutznießern der neuen Regelung. China gewährte kenianischen Produkten im Rahmen des Early-Harvest-Abkommens einen zollfreien Marktzugang von etwa 98,2 Prozent.
"Wenn man die Bevölkerungszahl Chinas und den dortigen Konsum bedenkt, bedeutet dies, dass wir in China mehr Geschäfte mit Kaffee machen können", erklärt der kenianische Landwirt Frederik Gathuma im Gespräch mit der DW.
Die Kluft ist groß, aber Kenias hohe landwirtschaftliche Standards, seine Kühlkettenlogistik und seine Exportbeziehungen könnten dazu beitragen, dass das Land seine Exporte schneller steigern könnte als andere afrikanische Länder.
Noch allerdings fallen die kenianischen Exporte nach Peking deutlich geringer aus als die Importe aus China. Sie konzentrieren sich auf Tee, Kaffee, Schnittblumen und frische Erzeugnisse.
Im Jahr 2024 importierte Kenia laut der COMTRADE-Datenbank der Vereinten Nationen Waren im Wert von 4,31 Milliarden US-Dollar aus China.
Südafrika ist eine der stärksten Volkswirtschaften des Kontinents. Auch südafrikanischer Rooibos-Tee genießt nun zollfreien Zugang, und der Bergbausektor, einschließlich Gold, Platin und Chrom, könnte von niedrigeren Einstiegskosten in chinesische Lieferketten profitieren.
Ghana erreichte 2025 einen Rekordwert von 14,1 Milliarden US-Dollar im Handel mit China. Viele Ökonomen drängen die Regierung in Accra, sich nicht nur auf den Export von rohen Kakaobohnen zu konzentrieren, sondern in die Verarbeitung zu investieren, um Kakaobutter und fertige Schokolade exportieren zu können.
Denn Nullzölle auf verarbeitete Waren kämen den ghanaischen Arbeitnehmern zugute. Von Nullzöllen auf rohe Bohnen hingegen profitierten chinesische Fabriken, so die Ökonomen.
Teurer Transport innerhalb Afrikas
Mali und Niger zeigen die Grenzen des Abkommens für ressourcenabhängige Binnenstaaten auf. Beide Sahelstaaten sehen sich mit hohen Logistikkosten konfrontiert, die etwaige Zollersparnisse zunichtemachen.
Ihre Waren müssen Hunderte von Kilometern zurücklegen, um einen Hafen zu erreichen, was zusätzliche Kosten und Zeit verursacht. Außerdem verfügt keines der beiden Länder über große Exportindustrien, die Chinas Anforderungen hinsichtlich Volumen und Zertifizierung erfüllen könnten
Anpassung an chinesische Standards
"Wir schulen Exporteure darin, die chinesischen Zollstandards einzuhalten", erklärt Erick Rutto, Präsident der kenianischen Handelskammer, im Gespräch mit der DW. "Auch in Bezug auf pflanzengesundheitliche Standards schulen wir sie und verschaffen ihnen Marktzugang sowie angemessene Preise für Waren und Rohstoffe."
Analysten zufolge müssen afrikanische Produzenten in Tests und Zertifizierungen investieren, um Chinas Standards für Lebensmittelsicherheit und Pflanzengesundheit zu erfüllen.
Der Großteil des Schiffsverkehrs zwischen Afrika und China läuft nach wie vor über Häfen in Dubai oder Singapur. Das verursacht zusätzliche Kosten und schmälert den Nutzen niedrigerer Zölle. China investiert in direkte Schiffsverbindungen, doch dies wird Zeit brauchen.
Von China lernen
Die Nullzollregelung für 53 afrikanische Staaten ist für die meisten Staaten ein Ansporn. "Afrikanische Länder wollen in gewisser Weise Chinas Wachstumsgeschichte nachahmen", meint Expertin Lauren Johnston.
"Sie müssen herausfinden, wie sie ihre Volkswirtschaft aus diesem Prozess heraus industrialisieren können, so wie es China aus demselben Prozess mit anderen aufstrebenden Ländern mit hohem Einkommen getan hat."
Langfristig könne die Politik Chinas die wirtschaftlichen Beziehungen zu Afrika vertiefen und die Handelsströme zwischen beiden Seiten ausweiten.
Andrew Wasike in Nairobi hat zu diesem Bericht beigetragen.