Warum Kinder spielen müssen | Wissen & Umwelt | DW | 01.06.2020
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Psychologie

Warum Kinder spielen müssen

Erwachsene sehen im kindlichen Spiel oft nicht mehr als eine bloße Beschäftigung. Könnte der Nachwuchs nicht stattdessen irgendetwas Sinnvolles tun? Falsche Frage! Nichts ist sinnvoller für Kinder als zu spielen.

"Mama, guck mal!", ruft der Sohn aus dem Garten herüber. Zusammen mit dem Nachbarskind hat er einen Parcours aus Gartenstühlen und anderen Dingen gebaut, die ein Garten so hergibt. Jetzt gilt es, den Hürdenlauf so schnell wie möglich zu absolvieren. Mit Begeisterung legen die Jungs los.

Ich bin weniger begeistert. Das sind schließlich Stühle, keine Turngeräte - wie ich sehr erwachsen feststelle. Den Impuls, das Spiel mit einem ihr-dürft-nicht-auf-den-Stühlen-herumspringen-Verbot jäh zu beenden, unterdrücke ich trotzdem.

Denn im selben Moment fallen mir die Worte von Renate Zimmer, Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Osnabrück, wieder ein: "Ich wünsche mir für Kinder immer viel mehr Raum zum Spielen. Der vorhandene Raum wird häufig zu sehr reglementiert."

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Welche Eltern sehen es schon gerne, wenn Sofa und Bett als Trampolin, Tisch und Stühle als Klettergerüste genutzt werden? Nicht nur, dass die guten Möbel kaputtgehen könnten. Die Frage, die Erwachsene sich stellen, ist: Muss das sein?

Deutschland Junge, 7 Jahre alt, turnt an einem Klettergerüst (picture-alliance/imageBROKER/W. G. Allgöwer)

Müssen sie überall draufklettern? Sie müssen!

Das Herumturnen, Klettern, Rennen, Springen, Höhlen bauen? Das ständige Zweckentfremden von Haushaltsgegenständen? Es muss sein, sagt Renate Zimmer. Denn im Spiel bereitet sich das Kind auf die Anforderungen des Lebens vor.

Die Welt - ein Experimentierfeld

"Ein Kind, das mit seiner Umgebung experimentiert, entdeckt Naturgesetzmäßigkeiten", sagt Zimmer. Ein Ball schwimmt auf dem Wasser, ein Stein geht unter. Im Handeln entdecke das Kind, wie die Dinge funktionieren.

"Dafür muss ein Kind Freiraum haben. Das lernt es nicht beim Brettspiel oder beim Hören von Hörspielen", sagt die Erziehungswissenschaftlerin. Mit dem Freiraum ist das allerdings so eine Sache – vor allem in Städten.

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Zwar ist das Recht des Kindes auf Freizeit und Spiel in Artikel 31 der UN-Kinderechtskonvention festgeschrieben. Der UN-Kinderrechtsausschuss hebt zudem hervor, dass dieses Spiel freiwillig und eigenständig ausgeübt und nicht durch Erwachsene angeregt werden soll. Die Realität sieht allerdings vielerorts anders aus.

Video ansehen 02:11

Smartphone-Sucht bei Kindern

Umzäunte Spielplätze mit phantasielosen Klettergerüsten, meist halb kaputt - so stellt sich der kindliche Freiraum in vielen Städten dar. Gleichzeitig bin ich schon froh und dankbar, wenn mein Sohn auf dem Weg zum Kunstrasen-Fußballplatz nicht überfahren wird.

Laut einer Analyse der Konrad-Adenauer-Stiftung aus dem Jahr 2018 kamen 1950 in Deutschland drei Kinder auf ein Auto. 2013 hatte sich das Verhältnis zugunsten der Fahrzeuge verkehrt: Vier Autos pro Kind. Die Tendenz dürfte steigend sein.

Wer den Spielplatz sicher erreicht, muss sich oft nicht nur mit langweiligen Spielgeräten, sondern auch noch mit übervorsichtigen Eltern herumschlagen.

Viel Angst, wenig Vertrauen

"Zunehmende Anonymität und ein steigendes Unsicherheitsgefühl mit einer Angst vor Kontrollverlust führen dazu, dass Eltern nicht mehr selbstverständlich davon ausgehen, dass das unbeaufsichtigte Spielen im Freien in sicheren Bahnen und konfliktfrei verläuft", heißt es in der Analyse der Konrad-Adenauer-Stiftung.

Auch ich kenne dieses Gefühl. Wenn mein Sohn irgendwo hochklettert, schaue ich weg. Eine Strategie, die insofern hilfreich ist, als dass ich ihn machen lasse. Denn im Spiel erfährt das Kind nicht nur etwas über seine Umwelt und deren Gesetze, sondern auch über sich selbst.

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Wer bin ich und was kann ich (nicht)?

"Das Spiel hat großen Einfluss auf die persönliche Entwicklung eines Kindes", sagt Renate Zimmer, die auch Sportwissenschaftlerin ist. "Kinder testen spielerisch permanent aus, was sie können und was sie vielleicht noch nicht können." Die durchs Spielen in Gang gesetzten wichtigen psychischen Prozesse hätten großen Einfluss auf das Selbstbewusstsein.

Auch Spielkameraden sind für diesen Selbsterfahrungstrip unerlässlich. "Regeln, Kooperationen, Abstimmungen, mit- oder gegeneinander zu spielen - all das fördert die soziale Entwicklung", sagt Zimmer.

Video ansehen 06:23

Wie Kinder lernen

Die vielen positiven Wirkungen des Spielens seien von wissenschaftlichen Studien untermauert, so die Erziehungswissenschaftlerin. Ein Umstand, der vermutlich auch den pädagogisch wenig versierten Erwachsenen von der Bedeutung des Bauklötzchenturms, der Sandburg und des wackligen Baumhauses überzeugen kann.

Weniger leicht begreift das den Kinderschuhen entwachsene Hirn allerdings, dass etwas, das so lehrreich und wichtig ist wie kindliches Spielen, gleichzeitig so viel Spaß bereiten und glücklich machen kann.

Ich bin – hier und jetzt

"Für Kinder geht es beim Spielen nicht darum, irgendetwas zu lernen oder zu erreichen", sagt Theo Toppe, Psychologe am Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Kein Kind klettere auf dem Spielplatz herum, um motorisch fit zu werden. Spielen sei immer freiwillig und komme aus dem Kind selbst.

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"Wenn Kinder spielen, sind sie im Hier und Jetzt und in unmittelbarem Austausch mit ihrer Umwelt", erklärt Toppe. Das Kind wirke auf seine Umwelt, indem es beispielsweise ein Tor aus Klötzen baue. Genauso wirke die Umwelt auch zurück, denn nun könne das Kind eine Figur bauen, die durch das Tor gehen kann.

"Dieser ständige Austausch mit der Umwelt ist unglaublich belohnend und erzeugt eine enorme Entspannung und gleichzeitig eine hohe Konzentration", sagt Toppe. Das sei es, was die Kinder lernen ließe.

Fröhliche Kinder spielen auf einem Klettergerüst (picture-alliance/Zoonar/R. Kneschke)

Spielen fördert Entspannung und Konzentration - und schafft so perfekte Lernbedingungen

Lernen ohne Leistungsdruck

Dem Lerneffekt zuträglich sei es außerdem, dass es im Spiel um nichts geht. "Wenn ich ein Spiel verliere, dann kann ich immer noch sagen, dass es ja nur ein Spiel war", so der Psychologe. Sich selbst auszuprobieren, motorisch und kognitiv, Strategien zu versuchen und wieder zu verwerfen, kreativ zu werden - Spielen macht's möglich.

"Im Hier und Jetzt zu sein fällt Erwachsenen unglaublich schwer", sagt Toppe. Wir sind mit unseren Gedanken meist überall, nur nicht bei dem, was wir gerade tun. "Deswegen glaube ich, dass es uns sehr schwer fällt, Kinderspiel zu verstehen."

Infografik So verbringen Kinder ihre Freizeit DE

Dieses mangelnde Verständnis ist es letztlich, das die kindlichen Spielräume bedroht und schrumpfen lässt. Wie weit es reicht, wurde im Zuge des Corona-Lockdowns deutlich, als den Kindern der Zugang zu ohnehin schon rar gesäten Spiel- und Bewegungsplätzen gänzlich verwehrt wurde.

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Renate Zimmer hatte für diese Maßnahmen kein Verständnis. "Mir scheint, wir müssen zunächst einmal mehr Spielraum in unseren Köpfen entfalten", sagt die Erziehungswissenschaftlerin. Hätte man nicht auch hier - wie in den Supermärkten - die Zahl der Kinder begrenzen können?

Stattdessen drehte sich die Debatte lange ausschließlich um die Schließung und Öffnung der Bildungseinrichtungen. Als hingen Lernen und Spielen nicht eng zusammen. Als sei Spielen ein Luxus, den man sich leisten können muss.

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