Eine Welt zerbricht – Wenn Eltern sich trennen | Wissen & Umwelt | DW | 14.05.2019
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Kinderpsychologie

Eine Welt zerbricht – Wenn Eltern sich trennen

Eltern mögen gute Gründe haben, doch Kindern zieht die Trennung oft den Boden unter den Füßen weg. Das muss allerdings keine endlose Katastrophe sein, wenn die Erwachsenen eines nicht vergessen: Sie bleiben Eltern.

Der Entwicklungspsychologe Harald Werneck erinnert sich noch gut an den Zwölfjährigen, der das vom Vater geschmierte Schulbrot nicht gegessen hatte. Daraufhin, so erklärte es sich der Junge, sei der Papa so wütend geworden, dass er sich habe scheiden lassen und ausgezogen sei.

Kinder haben ihre ganz eigenen Perspektiven, wenn die Eltern sich trennen. Sie ziehen Schlüsse, die dem erwachsenen Kopf absurd vorkommen mögen. Den Kindern prägen sich solche Schlussfolgerungen allerdings tief ein.

Tatsache ist: Die Kinder werden im Eifer des Trennungsgefechts oft vergessen. Das ist die Beobachtung der Psychologen, die in diesem Artikel zu Wort kommen. Es ist aber auch die Erfahrung der Trennungskinder selbst, deren Geschichten in diesem Text auftauchen.

Was können Eltern, die sich entschieden haben, dass eine Trennung unumgänglich ist, für ihre Kinder tun? Und was sind die Dinge, die sie nicht tun sollten – egal, wie wütend, traurig und verletzt sie auch sein mögen?

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Trennung muss sein

"Es war eigentlich ein ziemlich normaler Morgen", erzählt Corinna. Bis die Mutter die damals Neunjährige ins Wohnzimmer bat und mitteilte, dass der Vater ausziehen würde. Und zwar schon heute. Zurück blieb ein verwirrtes und ängstliches Mädchen, das die Welt nicht mehr verstanden hat. 

Ist eine Trennung nicht immer ganz schlimm für Kinder? "Nein", sagt Psychologin und Familientherapeutin Beatrice Wypych. "Wenn sich die Eltern während der Beziehung viel gestritten haben, dann kann eine Trennung zur Entspannung beitragen."

Sich permanent bekriegende Eltern vergifteten nicht nur die Atmosphäre zu Hause, sie seien auch so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie die Kinder überhaupt nicht wahrnehmen würden, sagt Wypych. Endet die Beziehung und damit auch der ewige Konflikt, kann der Nachwuchs wieder in den Fokus rücken.

Mit vielen Kindern wird allerdings zu wenig gesprochen. Sie spüren die Anspannung und die Feindseligkeit zwischen ihren Eltern, verstehen sie aber nicht. "Wird mit den Kindern nicht kommuniziert, bleiben sie mit ihren Gefühlen allein und versuchen, sich Dinge herzuleiten", sagt Familientherapeutin Wypych.

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Du trägst keine Schuld!

Anica erzählt, dass ihre Eltern sich vor der Trennung viel gestritten hätten. "Meine Mama war immer traurig und als Kind denkst du, du seist Schuld daran", sagt die heute 28-Jährige.

Für den Entwicklungspsychologen Harald Werneck ist diese kindliche Annahme keine Überraschung. "Insbesondere im Vorschulalter denken Kinder sehr egozentrisch. Sie glauben, dass sie alles, was in der Welt passiert, mehr oder weniger mitverursacht haben."

Viele Eltern vergäßen schlichtweg den Kindern zu sagen, dass sie keine Schuld am Scheitern der Beziehung tragen, sagt Werneck.

Infografik Trennungskinder sind häufiger verhaltensauffällig DE

Corinna hat sich zwar nie die Schuld an der Trennung ihrer Eltern gegeben, es wurde allerdings erwartet, dass sie sich positioniert. Schließlich hatte ihr Vater die Mutter verlassen.

"Meine Mutter hat erwartet, dass wir böse auf unseren Vater sind. Das war der größte Fehler meiner Mutter. Sie hat ihre Probleme mit meinem Vater zu unseren gemacht", sagt Corinna.

Obwohl die Trennung das Ende der Paarbeziehung der Erwachsenen markiert, bedeutet sie noch lange nicht das Ende der Wut, der Trauer und der Enttäuschung. Und vor allem: Die Trennung ist nicht das Ende der Elternschaft.

Emotionale Waisenkinder

"Kinder, deren Eltern nur noch im Streit verhaftet sind, verlieren am Ende beide Elternteile. Sie sind wie emotionale Waisen", sagt Wypych, die auch als Rechtspsychologin tätig ist.

Die Mutter redet schlecht über den Vater, der Vater schlecht über die Mutter. Die Kinder stehen dazwischen und werden zerrissen. Eine gestörte Eltern-Kind-Beziehung ist die natürliche Konsequenz.

Vivian hat den Kontakt zu ihrem Vater abbrechen müssen, weil sie dessen Lästerei über ihre Mutter, seine Exfrau, nicht mehr ertragen konnte.

Wer vor dem Kind über den Expartner lästert, bedenkt nicht, dass jedes böse Wort über Mama oder Papa auch das Kind selbst trifft. "Ein Teil des Kindes wird also permanent schlecht gemacht", erklärt Wypych. Deshalb können auch die Folgen für den Selbstwert des Kindes massiv sein.

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"Eltern sein" bedeutet "Eltern bleiben"

Feindseligkeit zwischen den Eltern schadet den Kindern. Punkt. Mögen die Erwachsenen ihre kleinen Racheakte, Aggressionen oder Lästereien über den Ex-Partner für noch so gerechtfertigt halten, für die Kinder ist es grausam. Das bestätigen alle, die ihre persönlichen Erfahrungen für diesen Artikel geteilt haben. 

"Entscheidend ist, ob die Eltern es schaffen, die Paar-Ebene von der Eltern-Ebene zu trennen", sagt Wypych. Es ist ein Kraftakt, der oft unmöglich zu sein scheint. An dem aber dennoch kein Weg vorbeiführen sollte.

Die Therapeutin empfiehlt deshalb, eine Trennungsberatung in Anspruch zu nehmen. Viele gemeinnützige Organisationen bieten so etwas an. Es sei wichtig, den Kindern auch weiterhin zu vermitteln, dass sie sich sicher fühlen und mit allem zu ihren Eltern kommen können.

"Es gibt Kinder, die Angst haben, dem einen Elternteil etwas aus dem Alltag mit dem anderen zu erzählen", weiß Wypych aus Erfahrung.

Wenn es bei Papa besonders schön war, könnte das Mama sehr traurig machen. Wenn Papa erfährt, was Mama mir erlaubt hat, wird er wütend und es gibt wieder Streit.

"Diesen Test müssen Eltern bestehen", sagt Wypych. Nur dann könne sich das Kind wirklich sicher fühlen.

Mutter mit Kind (picture-alliance/dpa/K.-J. Hildenbrand)

Für Kinder sind Sicherheit und Stabilität das Wichtigste - vor allem, wenn die Eltern auseinandergehen

Redet mit mir!

Anicas Vater hat seinen Kindern gerne Geschichten von der einen, wahren Liebe erzählt. Die Märchenblase platzte, als er zum wiederholten Male fremd ging und die Eltern sich schließlich trennten.

"Ich hätte mir gewünscht, dass man uns Kinder früher einbezogen und nicht diese Märchen aufgetischt hätte", sagt Anica.

"Eine kindgerechte Kommunikation über die Konflikte" ist auch für den Entwicklungspsychologen Werneck ein Muss für Eltern, die sich trennen. Vor allem, um die bereits angesprochene Schuldfrage restlos zu klären.

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Eltern und Freunde

Für alle getrennten Eltern, die bis hierhin gelesen haben und nun erleichtert aufatmen, weil sie sich trotz Trennung freundschaftlich verbunden fühlen und alle Konflikte überwunden haben: Auch das ist für Kinder nicht immer leicht.

"Als Erwachsene und vor allem als Psychologen würden wir das natürlich als die bessere Ausgangssituation beschreiben", sagt Werneck. "Die Kinder fragen sich allerdings, warum haben sich meine Eltern überhaupt getrennt?"

Kinder, deren schreiende Eltern das Handtuch werfen und getrennte Wege gehen, erleben eine Verbesserung des Alltags. Kinder, deren Eltern kein für sie offenkundiges Problem haben und dennoch auseinander ziehen, empfinden dies in erster Linie als einen großen Verlust. 

Es ist nie zu spät

Sind Trennungskinder also zum Unglücklichsein verdammt? "Nein", beruhigt Beatrice Wypych. "Ich kann immer wieder das Buch 'Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben' empfehlen."

Es gehe darum, sich als Erwachsener mit den Dingen auseinanderzusetzen, die wir als Kinder erlebt haben, und sie einzuordnen.

Eine Möglichkeit sei, sich ausschließlich als Opfer inkompetenter Eltern zu empfinden, sagt Wypych. Oder doch einmal die Frage zu stellen: Welche Kompetenzen habe ich durch die schwierigen Erlebnisse erworben, die mir trotz allem zu einem erfüllten Leben verhelfen?

Psychologen seien sich einig, dass die negative oder positive Deutung der Lebensgeschichte entscheidend für das gegenwärtige Glück sei. "Das hört sich natürlich viel simpler an, als es ist", räumt Wypych ein.

Eine Trennung muss also keine endlose Katastrophe für Kinder sein. Wenn die Eltern die Welt zwischendurch mit den Augen ihrer Kinder sehen und es schaffen, weiterhin Eltern zu bleiben.

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