Kein Leben ohne Liebe | Wissen & Umwelt | DW | 04.01.2019
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Evolutionspsychologie

Kein Leben ohne Liebe

Die Evolution hat den Menschen nicht umsonst mit der Fähigkeit zu lieben ausgestattet: Ohne den Sieg der Liebe über unsere Rationalität wäre das Leben nicht nur langweiliger, es wäre auch gefährlicher.

Etwas Positives zu Jahresbeginn, beschließen wir in unserer Redaktionskonferenz. Ich könnte über die Liebe schreiben, höre ich mich sagen. Darüber, was Liebe ist, wo sie entsteht und wie und warum.

Toll, sagen die Kollegen. Ich Idiot, denke ich nur wenige Minuten später. Denn wer über die Liebe schreibt, muss auch über ihr Scheitern schreiben. Über den Schmerz der nicht erwiderten Liebe. Über das Ende von Liebesbeziehungen. Über gebrochene Herzen. Und schon ist klar, warum mir die Idee überhaupt kam.

Liebe ist überall. Sie ist universell. Es gibt keine Kultur, die Wissenschaftler bisher untersucht haben, die die Liebe nicht kennt. Trotzdem befassen sich Forscher erst seit den 1980er Jahren mit dem Phänomen. Psychologen, Neurowissenschaftler und Soziologen versuchen seither, der Liebe auf die Spur zu kommen. Und finden unterschiedliche Antworten darauf, was Liebe überhaupt ist.

Am Anfang ist das (Hormon-)Chaos

Liebe ist das Resultat eines uralten Cocktails aus Neuropeptiden und Neurotransmittern, schreibt der indische Wissenschaftler Krishna Seshadri in seiner Veröffentlichung "The neuroendocrinology of love" völlig unromantisch. Liebe durchlaufe verschiedene Stadien, während derer jeweils unterschiedliche Regionen im Gehirn aktiviert seien, die unsere Körper mit zahlreichen Hormonen fluten.

Symbolbild: Hetero Paar mit Fahrrad im Kornfeld (picture-alliance/R. Märzinger)

Verliebt zu sein ist so schön! Und gleichzeitig so anstrengend

Alles beginnt damit, dass jemand plötzlich eine besondere Bedeutung für uns bekommt: Er ist einzigartig! Sein Lachen ist wundervoll, seine Art auf die Welt zu schauen so besonders. Sie ist humorvoll und natürlich besonders hübsch. Mit ihr zu reden tut gut. Er ist perfekt! Sie ist perfekt! Kennt man, nicht wahr? Genau, wir sind verliebt.

In diesem Stadium sind wir extrem auf das Objekt der Begierde fixiert, alles was er oder sie tut, verfolgen wir mit größter Aufmerksamkeit. Stärken werden überhöht, Fehler entweder komplett ignoriert oder für irrelevant befunden. Für unser Umfeld sind wir in diesem Zustand eine absolute Zumutung.

Verliebt sein: Stress pur!

Dabei können wir gar nicht anders: neurobiologisch herrscht absoluter Ausnahmezustand. Vergleichbar mit einer extremen Stresssituation - allerdings im positiven Sinne. Laut Seshadri ist der erhöhte Cortisolspiegel der Verliebten wichtig für die Bildung der Bindung, die sie so heiß herbeisehnen.

Verliebt zu sein hat was. Die Intensität der Gefühle gleicht einem Drogenrausch. Kein Wunder, denn in beiden Fällen wird das Belohnungssystem des Gehirns aktiviert. Wir verspüren weniger Angst, die Stimmung steigt, von Depressionen keine Spur mehr. Unser Urteilsvermögen können wir in dieser Phase dagegen getrost in die Tonne treten.

Meist geht der emotionale Höhenflug mit extremer sexueller Lust einher. Denn zusätzlich steigen die Geschlechtshormone Testosteron und Östrogen mit in den Ring und strecken uns permanent nieder, im wortwörtlichen Sinne.

Oxytozin gegen den Rausch

Psychologen sind sich uneins darüber, wie lange der Zustand des Verliebtseins anhalten kann. Klar ist nur, irgendwann ist er vorbei. Für die, die dann nicht das Handtuch schmeißen, geht es ruhiger weiter. Und liebevoller.

Das Bindungshormon Oxytozin beendet den schönen aber stressigen Rausch und sorgt für Ruhe. Die Bindung der beiden Liebenden kann sich vertiefen. Wer sich traut, darf sich nun fallen lassen. Die Partner halten und unterstützen sich gegenseitig. Auch in schlechten Zeiten.

Mehr zu Liebesbeziehungen: Streit in der Partnerschaft: Wer kämpft, verliert

Liebe schlägt Ratio

Für den Evolutionspsychologen David Buss ist genau das die Schlüsselfunktion der Liebe: Sie bindet zwei Menschen, die sich für ein gemeinsames Leben inklusive Verpflichtungen, Kindern und Kompromissen entscheiden, in besonderer Weise aneinander.

Entscheiden sich zwei Menschen aus rationalen Gründen füreinander, besteht die Gefahr, dass jederzeit jemand um die Ecke kommen könnte, der schöner, stärker, besser ist. Die Liebe ist es, die uns davor schützt, dass uns der Partner in solchen Momenten einfach davonläuft.

Symbolbild Multikulti-Familie (Imago/Westend61)

Wenn Mama und Papa sich lieben, kann der Nachwuchs behütet groß werden

"Liebe siegt über die Rationalität", schreibt Buss in "The Evolution of Love in Humans". Die bedingungslose Liebe ist also mehr als eine romantische Vorstellung. Sie ist ein überlebenswichtiger Schutz der Familie. Sie verhindert, dass beide Partner in permanenter Alarmbereitschaft und Sorge sein müssen, der nächstbeste Rivale könnte den gesamten Lebensentwurf zerstören.

Die monogame Lebensweise, der sich die meisten Menschen in Paarbeziehungen – zumindest theoretisch – verschrieben haben, gibt der Partnerschaft und der Familie zusätzliche Stabilität. Alle vorhandenen Ressourcen werden in nur eine Familie investiert, um das eigene Überleben und das der Kinder zu sichern. Auch exklusiver Sex ergibt in diesem Zusammenhang Sinn: Während des Orgasmus wird Oxytozin ausgeschüttet, das die Verbindung des Paares vertieft.

Mehr zu Monogamie: Monogamie ist nur eine Erfindung

Ohne Liebe kein Leben

Und trotzdem: Beziehungen scheitern und werden beendet. Der Sturz kann tief sein: "Der Verlust der Liebe gehört zu den schlimmsten Erfahrungen, die eine Person machen kann. Übertroffen wird dieser psychische Schmerz nur von furchtbaren Ereignissen wie dem Tod eines Kindes", so Evolutionspsychologe Buss.

Vielleicht rührt der Schmerz daher, dass der Verlust der Beziehung nicht bedeutet, dass auch die Liebe plötzlich verschwunden ist. Liebe schlägt Rationalität: Sie ist das, was bleibt, auch wenn es keinen Grund mehr gibt.

Für Buss ist die Liebe überlebenswichtig. Das könnte der Grund sein, weshalb wir immer wieder von vorne beginnen und das Leid in Kauf nehmen, dass die Liebe so häufig mit sich bringt.


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