Warum Irlands Landwirte den Brexit fürchten | Wirtschaft | DW | 06.04.2019
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Brexit und die Folgen

Warum Irlands Landwirte den Brexit fürchten

Irland ist der sechstgrößte Rindfleischexporteur der Welt. Der Brexit aber ist eine Bedrohung für die ganze Branche, von der viele Existenzen abhängen. Arthur Sullivan berichtet aus Irland.

Joe Brady und seine Vorfahren bewirtschaften ihren Hof bei Drumnagar im irischen County Cavan schon seit etwa dreihundert Jahren, wenigstens seit 1725. "Soweit gehen die Aufzeichnungen zurück", sagt Brady. Nach so vielen Jahrhunderten, in denen der Hof in Familienbesitz war und von Generation zu Generation weitergegeben wurde, versteht man, warum er mehr als ein Geschäft für ihn ist.

An diesem sonnigen und windigen Aprilmorgen sieht die 81-Hektar-Farm gesund und blühend aus. Aber die Zeiten werden hart für Irlands Rindfleischproduzenten. Irisches Rindfleisch ist weltbekannt und wird allseits gerühmt. Rund 90 Prozent davon geht in den Export und mit Bildern von Landwirten wie Joe, wie er auf seinen fruchtbaren und sattgrünen Wiesen steht, wird es weltweit beworben.

Farm scene in Moynalty, Co Meath, Ireland (DW/Arthur Sullivan)

Wenigstens seit 1725 bewirtschaftet die Familie von Joe Brady den Hof in Cavan. Das könnte bald ein Ende haben.

Düstere Aussichten

Aber nun wirft die große, dunkle Wolke namens "Brexit" einen bedrohlichen Schatten auf Irlands Landwirtschaft. Denn fast die Hälfte (46 Prozent) des irischen Rindfleischexportes, der immerhin etwa 1,5 Milliarden Euro jährlich einbringt, geht nach Großbritannien.

Mit der immer noch hohen Wahrscheinlichkeit eines harten Brexit in naher Zukunft sind Farmer wie Brady zutiefst beunruhigt, wenn sie darüber nachdenken, was Zölle für Irlands wichtige Exportbranche bedeuten können.

"Wenn es einen harten Brexit gibt und unsere Fleischexporte, die nach England gehen - und das ist immerhin die Hälfte unserer Ausfuhren - nach WTO-Regeln verzollt werden müssen, wäre das das Ende der Fleischproduktion in diesen Land."

Ein hartes Geschäft

Eine Rinderfarm wie die von Joe Brady ist sehr konjunkturabhängig. Kälber werden das ganze Jahr hindurch geboren und auf den Weiden großgezogen. Ausgewachsen werden sie an Fleischverarbeiter verkauft, die das Rindfleisch auf den Markt bringen.

EU-Agrarsubventionen, Beihilfen und andere Wohltaten aus den Töpfen der CAP (Common Agricultural Policy), der gemeinsamen Agrarpolitik der Europäischen Union, haben kleinen und mittelgroßen Rinderfarmen jahrzehntelang geholfen zu überleben. Doch trotz dieser Hilfen müssen viele Farmer noch mit anderen Jobs Geld hinzuverdienen, weil sie einfach eine alternative Einnahmequelle brauchen.

Rinder so aufzuziehen, wie es die hohen Qualitätsstandards der irischen Rindfleischindustrie verlangen, ist teuer. Dazu kommt, dass der Preis, den Brady für sein Fleisch bekommt, höchst volatil ist, er muss immer ganz eng kalkulieren.

Farm scene in Moynalty, Co Meath, Ireland (DW/Arthur Sullivan)

Kälber werden das ganze Jahr über geboren - sie wachsen auf den Wiesen und Weiden von Joe Bradys Hof auf.

Milch statt Fleisch?

Irische Farmer hatten schon immer mit schwankenden Fleischpreise leben müssen. Aber der inzwischen seit fast drei Jahren andauernde Streit um den Brexit haben zu einer Unsicherheit geführt, die Joe Brady überhaupt noch nicht erlebt hat

Er glaubt, dass wenn die Briten die EU "ohne Deal" verlassen, es überhaupt keine profitable Zukunft für die Fleischproduktion mehr gibt, wie er sie betreibt. Das Geschäft wäre dann dauerhaft defizitär. Daher erwägt er für den Fall eines harten Brexit wieder etwas zu tun, was er seit vielen Jahren nicht mehr getan hat: sich der Milchproduktion zuzuwenden.

Wo die Milch fließt

Knapp 40 Kilometer südöstlich von hier liegt das Dorf Moynalty im County Meath. Hier ist das Land deutlich fruchtbarer als im Nachbar-County Cavan. In den vergangenen Jahren haben einige desillusionierte Rinderzüchter entschieden, die Fleischproduktion aufzugeben und stattdessen hier in die Milchwirtschaft zu investieren.

Einer dieser Farmer ist Sean Gilsenan. Im vergangenen Jahr hat er viel Gled in die Hand genommen und in eine automatische Melkanlage investiert. Zuvor war er "Mixed Farmer", hatte Fleischproduktion, Milchviehwirtschaft und Ackerbau gleichermaßen betrieben. Er betreibt immer noch alle drei Zweige, aber er sagt, in Zukunft wolle er sich auf die Milchproduktion konzentrieren.

Farm scene in Moynalty, Co Meath, Ireland (DW/Arthur Sullivan)

"Mixed Farmer " Sean Gilsenan betreibt Fleischproduktion, Milchviehwirtschaft und Ackerbau.

Er hält die Rindfleischproduktion in Irland bereits jetzt für zu teuer, um profitabel zu sein: "Man produziert das Fleisch auf eine Weise, die nicht gerade effizient ist", sagt er. "Es ist zu teuer. Du brauchst zu viel Geld für Investitionen. Wenn du das Geld zur Bank bringst, hast du einen höheren Ertrag, als du in mit einer Rinderfarm haben kannst."

Die Brexit-Unsicherheiten hätten das Fass nun zum Überlaufen gebracht. Obwohl er schon über 70 ist, hat er jetzt viel Geld geliehen, um es in seinen neuen, automatisierte Milchhof zu investieren. Er glaubt, nur so werde sein Hof profitabel bleiben, damit auch seine Söhne noch etwas davon haben: "Es ist eine Langzeit-Investition. Ich bewirtschafte 170 Hektar - und das ist der einzige Weg, das profitabel zu machen."

Das Ende einer langen Tradition?

Der Brexit wird auch Irlands dynamischen Milchmarkt, der die dominierenden Butterproduzenten von Kerrygold zu ihren erfolgreichsten Unternehmen zählt, Konsequenzen haben. Der Milchpreis kann, ähnlich wie der von Rindfleisch, recht unsicher sein und für Gilsenan können ein paar Cent mehr oder weniger für den Liter einen großen Unterschied in diesem aufkeimenden Geschäft ausmachen.

Aber so, wie die Dinge gerade stehen, ist die Fleischbranche das Geschäft, das am meisten unter den Launen und Winkelzügen Westminsters leidet. Und für zehntausende irischer Landwirte geht es um mehr als nur ums wirtschaftliche Überleben: Die ganze ländliche Struktur des Landes ist bedroht.

"Ich sehe bereits verlassenes Land", sagt Joe Brady, wenn er an ein schlimmes Ende denkt. "Wollen wir den amerikanischen Weg gehen?" fragt Sean Gisenan, "Wo sich alles auf riesige Landwirtschaftsbetriebe konzentriert und wo es keinen Platz mehr gibt für irgendein menschliches Miteinander?"

Farm scene in Moynalty, Co Meath, Ireland (DW/Arthur Sullivan)

Sean Gilsenan hat kürzlich viel Geld in seine Landwirtschaft investiert - er sieht die Zukunft in der Milchwirtschaft.

Angst vor amerikanischen Verhältnissen

Solche Sorgen machten sich viele Farmer in der Region, sagt Liz Ormiston, Vorsitzende der lokalen Sektion der Irish Farmers' Association (IFA): "Die Rinderfarmer sind desillusioniert."

Sie hat eine eigene Sicht auf das, was für die irische Landwirtschaft auf dem Spiel steht. Sie erinnert sich an ihre Hochzeitsreise 1981, auf der sie in den ländlichen Catskill Mountains in den USA einen Farmer getroffen habe, der erzählte, dass er immer mehr um sein wirtschaftliches Überleben kämpfen müsse.

Bei ihrem nächsten Besuch in der Gegend, 1998, erzählte er ihr, dass er nun zusammenpacke und sein Land an einen Agenten verkaufe. Als sie bei ihrem letzten Besuch, 2017, in die Gegend kam, war der Hof völlig verfallen.

"Es war sehr traurig zu sehen, wie das Land vernachlässigt und total überwachsen war und die Gebäude eingefallen. Das gleiche kann hier auch passieren. Familienfarmen, wie wir sie kennen; wie die, auf der ich aufgewachsen bin - ich glaube nicht, dass es so etwas noch lange geben wird."

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