War der Thalys-Attentäter ein ″einsamer Wolf″? | Europa | DW | 24.08.2015
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Europa

War der Thalys-Attentäter ein "einsamer Wolf"?

Die Hintergründe sind noch unklar, aber die französische Regierung ist sicher: Der Angreifer im Thalys war ein Terrorist. Vier mutige Passagiere konnten ein Blutbad verhindern und wurden vom Präsidenten dafür geehrt.

Mit allem Pomp und Pathos der französischen Republik ernannte Präsident Francois Hollande die vier "Helden des Thalys" am Montagvormittag zu Rittern der Ehrenlegion. Er lobte einmal mehr den Mut und die Entschlossenheit der beiden US-Soldaten Alex Skarlatos und Spencer Stone, des Studenten Anthony Sadler sowie des britischen Staatsbürgers Chris Norman, die am Samstag "eine Tragödie, ein Massaker" verhindern konnten. Sie hatten sich auf den bewaffneten Attentäter gestürzt, ihn zu Boden gerungen und gefesselt, bis der Zug im nordfranzösischen Arras einlief und die Polizei eingreifen konnte. Und für den französischen Präsidenten gibt es keinen Zweifel daran, dass es sich hier um eine Terrorattacke handelte:"Ein Mann hatte entschieden, einen Anschlag zu begehen. Er hatte genug Waffen und Munition, um ein Blutbad anzurichten".

Täter aus kriminellem Milieu

Seit Sonntag verhören französische Anti-Terror-Spezialisten in einem Pariser Untersuchungsgefängnis den 26-jährigen Marokkaner Ayoub El-Khazzani zu den Hintergründen der Tat. Seine Identität wurde inzwischen anhand von Fingerabdrücken bestätigt. Schritt für Schritt entsteht ein erstes Bild des Täters: Die Familie war 2007 aus Marokko nach Spanien gekommen, wo El-Kazzhani bis 2014 in der Hafenstadt Algeciras legal lebte. Dort wurde er mehrfach wegen Drogenhandels verhaftet und fiel der Polizei wegen seiner Verbindung zu radikalen Predigern einer örtlichen Moschee auf. 2012 trugen die spanischen Sicherheitsbehörden seinen Namen in eine EU-weite Datenbank möglicher Terrorverdächtiger ein, weil er durch Aufrufe zum bewaffneten Kampf aufgefallen war. 2014 wechselte der junge Marokkaner dann nach Frankreich, er soll dort vorübergehend gearbeitet haben.

Der Thalys nach dem Nothalt in Arras (Foto: Nicolas Maeterlin)

Der Thalys nach dem Nothalt in Arras

In der Zeitung "El Mundo" erklärte ein spanischer Polizeivertreter, man habe zu dem Zeitpunkt die französischen Kollegen über El-Khazzani informiert: "Die Franzosen hatten ihn im Blick, bis er entschied, nach Syrien zu gehen." Von dem Zeitpunkt an verläuft sich die Spur. Die deutsche Polizei registrierte schließlich am 10. Mai 2015 einen Flug von Berlin nach Istanbul: Möglicherweise wollte El-Kazzhani erneut nach Syrien reisen. Ende Mai tauchte er dann in Belgien auf, bis er schließlich am vergangenen Samstag in Brüssel den Thalys zwischen Amsterdam und Paris bestieg, um nach Überzeugung der französischen Ermittler ein Attentat auf die Reisenden zu verüben.

Diese Abläufe zeigen, wie schwierig es für die Polizei in Europa ist, mehrere Tausend Terrorverdächtige mit Verbindungen zum "Islamischen Staat" (IS) in Syrien und anderen extremistischen Organisationen kontinuierlich zu überwachen. Die Frage wird vor allem in Frankreich gestellt: Auch die Charlie-Hebdo-Attentäter waren wie El-Khazzani auf den Listen der Sicherheitsbehörden - ohne dass diese jedoch die Anschläge verhindern konnten.

Drehscheibe Belgien?

Auch die belgischen Behörden ermitteln, um festzustellen, ob El-Kazzhani Beziehungen zu der Terrorzelle in der südbelgischen Stadt Verviers hatte, die im Januar ausgehoben worden war. Belgien habe sich - so wird befürchtet - wegen seiner guten Verkehrsverbindungen zu allen Nachbarländern zu einer Art Drehscheibe des europäischen Islamismus entwickelt. Jedenfalls erscheint das Land als Zentrum des einschlägigen Waffenhandels: So soll ein belgischer Krimineller den Attentätern von Paris die Waffen verkauft haben, mit denen sie Anfang des Jahres 17 Menschen ermordeten.

Anti-Terror Einsatz der belgischen Polizei in Verviers Januar 2015 (Foto: Reuters)

Anti-Terror-Einsatz der belgischen Polizei in Verviers (Januar 2015)

Ayoub El-Khazzani hat inzwischen der französischen Polizei erklärt, dass auch seine Waffen aus Brüssel stammen. Allerdings behauptet er, die Kalaschnikow und die Pistole in der Nähe des Bahnhofs Midi gefunden zu haben. Der Marokkaner leugnet darüber hinaus jede terroristische Absicht: Er habe lediglich den Zug überfallen und Reisende ausrauben wollen. Diese Erklärung halten die Ermittler wie auch die Retter aus dem Thalys für unglaubwürdig: "Dafür braucht man keine neun Magazine für die Kalaschnikow", sagte einer der beteiligten US-Bürger. Glücklicherweise habe der Täter wohl Probleme mit der Waffe gehabt, fügte der amerikanische Soldat Alex Skarlatos hinzu, der ihn außer Gefecht gesetzt hatte. Der belgische Innenminister Jan Jambon erklärte inzwischen im Radiointerview, El-Khazzani sei der Polizei des Landes zwar bekannt gewesen, sie hätte ihn aber für ungefährlich gehalten.

Fragen nach mehr Sicherheit

Als erste Reaktion richteten die französischen Behörden Polizeipatrouillen in einigen internationalen Fernzügen ein. Eventuell wollen sich die Niederlande und Belgien daran beteiligen. In Frankreich gilt seit den Terroranschlägen Anfang des Jahres nach wie vor eine erhöhte Sicherheitsstufe, viele öffentliche Plätze und Einrichtungen werden von bewaffneten Polizisten überwacht. Allerdings sei nach Angaben der Behörden eine umfassende Kontrolle des Zugverkehrs technisch nicht möglich.

Auch in Deutschland gibt es den Ruf nach mehr Polizeipräsenz in Zügen und Bahnhöfen. Auf EU-Ebene beginnt eine Debatte über das Schengen-System und offenen Grenzen in Europa. Sprecher in Brüssel wiesen darauf hin, dass gezielte Polizeikontrollen auf der Suche nach Verdächtigen auch bisher schon möglich seien.

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