Wahldebakel: Was ist aus der SPD geworden?
9. März 2026
Nach der Landtagswahl in Baden-Württemberg schwanken die Sozialdemokraten zwischen blankem Entsetzen und purer Ratlosigkeit. Mit 5,5 Prozent der Wählerstimmen hat es die SPD gerade noch ins Parlament geschafft, es ist das schlechteste Ergebnis in der Nachkriegsgeschichte.
Ebenfalls nur einstellige Ergebnisse gab es für die SPD seit 2021 in vier weiteren Bundesländern. Auch auf Bundesebene bleiben die Erfolge aus. Schon lange dümpelt die SPD hier zwischen nur noch 13 und 16 Prozent. Was ist aus der einstigen Volkspartei geworden, die in ihren besten Zeiten fast jeden zweiten Wähler in Deutschland für sich einnehmen konnte?
Der SPD sind die Arbeiter abhandengekommen
Um zu verstehen, was in der SPD schiefgelaufen ist, muss man weit zurückblicken. Gegründet wurde sie als klassische Arbeiterpartei in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts - als politische Interessenvertretung der damals praktisch rechtelosen Fabrikarbeiter. Lange Arbeitszeiten, niedrige Löhne, unsichere Jobs, fehlender Arbeitsschutz und Wohnungsnot prägten deren prekäres Leben.
Einfache Arbeiter blieben bis weit hinein in die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland die klassischen Wähler der SPD. Die Sozialdemokraten standen für eine Politik, die Bildung, Aufstieg und Erfolg unabhängig von der Herkunft versprach. Inzwischen gibt es die klassische Arbeiterschaft nicht mehr. Gut verdienende Industriearbeiter bilden längst den Mittelstand der Gesellschaft.
Die Linke: eine Abspaltung von der SPD
Laut dem Meinungsforschungsinstitut infratest-dimap haben bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg nur noch fünf Prozent der Arbeiter die SPD gewählt. 37 Prozent wählten die Alternative für Deutschland (AfD). Wer das Gefühl hat, gesellschaftlich benachteiligt zu sein, sympathisiert heute mit der in in Teilen rechtsextremen Partei. Ähnliche Zahlen wie in Baden-Württemberg haben Umfragen auf Bundesebene gezeigt.
Auch zur Linkspartei sind viele ehemalige SPD-Wähler gewechselt. Bitter für die Sozialdemokraten: Die Linke entstand auch aus der Unzufriedenheit über die Sozialpolitik der SPD unter dem früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder.
Mit seiner SPD hatte Schröder 1998 die Bundestagswahl mit fast 41 Prozent der Stimmen gewonnen. Sein Credo: Wahlen gewinnt man nicht links, sondern in der Mitte der Gesellschaft. Angesichts einer hohen Arbeitslosigkeit und einer darniederliegenden Wirtschaft setzte er eine radikale Reform des Sozialstaats durch: die "Agenda 2010". Staatliche Sozialleistungen wurden gekürzt, der Kündigungsschutz gelockert, der Niedriglohnsektor ausgebaut.
Die SPD hat die Hälfte ihrer Wähler verloren
Von den konservativen Parteien CDU/CSU kam begeisterter Beifall für die Reform-Agenda. Für die deutsche Wirtschaft war sie ein Erfolg. Innerhalb der SPD hingegen kam es zu massivem Streit. Der linke Parteiflügel rebellierte und wollte Schröders Politik nicht mehr mittragen. 2005 gründeten prominente ehemalige SPD-Mitglieder und Gewerkschafter eine eigene, linke Partei.
Innerhalb von zehn Jahren verlor die SPD fast die Hälfte ihrer Wähler, auch an die Grünen und die CDU. Angela Merkel, CDU-Vorsitzende und Bundeskanzlerin, rückte die CDU inhaltlich in die politische Mitte. Kritiker sprachen von einer Sozialdemokratisierung der CDU.
Fehlendes Profil in der "großen Koalition"
Für die Wähler wurde es immer schwerer, zwischen Union und SPD inhaltlich zu unterscheiden. Zumal CDU, CSU und SPD von 2005 bis 2021 die meiste Zeit zusammen in einer Koalition regierten. Die SPD ging in dieser Zeit viele politische Kompromisse ein und verlor zunehmend an Profil.
Forderungen nach einer inhaltlichen Neuausrichtung kamen angesichts des massiven Vertrauensverlusts bei den Wählern vom linken Parteiflügel. Mehr linke Sozial- und Steuerpolitik sollte helfen. Gutverdiener und Vermögende sollten über höhere Steuern und Abgaben stärker in die Pflicht genommen, Abstriche bei den Sozialleistungen verhindert werden. Doch in den Koalitionsregierungen, in denen die SPD steckte, war davon kaum etwas durchzusetzen.
Die "Ampel-Regierung": Intermezzo mit negativen Folgen
Vor der Bundestagswahl 2021 lag die SPD in den Umfragen bei 16 Prozent. Doch dann machte die CDU große Fehler, die SPD holte auf und gewann. Die Partei hoffte, nun endlich wieder auf der Erfolgspur zu sein.
Das Gegenteil war der Fall. In der von SPD-Kanzler Olaf Scholz geführten Koalition mit den Grünen und der wirtschaftsliberalen FDP kam es rasch zu massivem Streit und Blockaden. Die sogenannte Ampel-Koalition platzte vorzeitig und das Ansehen der SPD war weiter ramponiert. Bei der Bundestagswahl 2025 kam sie nur noch auf rund 16 Prozent. Der Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, Manfred Güllner, sprach nach der Wahl von einer "existenzbedrohenden" Situation für die SPD.
Neues SPD-Grundsatzprogramm geht nach links
Trotzdem gingen die Sozialdemokraten erneut als Juniorpartner in eine Koalition mit CDU/CSU - und haben nun die alten Probleme. Wieder laufen sie Gefahr, neben der Union kein eigenes Profil zeigen zu können. In der SPD wird bis 2027 ein neues Grundsatzprogramm erarbeitet, in dem viel linke Sozialpolitik vorkommen soll. Doch wie glaubwürdig ist das? Gegenüber dem Koalitionspartner sind solche Forderungen nicht durchsetzbar.
Die CDU ist unter ihrem Parteichef und Bundeskanzler Friedrich Merz wieder deutlich konservativer geworden und nach rechts gerückt. Angesichts leerer Staatskassen und einer sehr schwachen Wirtschaft werden Kürzungen bei den Sozialausgaben und ein erneuter "Agenda-Moment" verlangt. Eine große Reform des Sozialstaats, bei Rente, Gesundheit und Pflege sei nötig, die Menschen müssten mehr und länger arbeiten, heißt es bei der CDU.
Kein Streit im Superwahljahr
Reformen hält auch die SPD für nötig, aber sie fordert, dass es niemandem hinterher schlechter gehen dürfe. Daher müssten Reiche höher besteuert werden und mehr Sozialabgaben zahlen. Die Union lehnt das ab. Einen offenen Streit haben die Koalitionäre wegen der Landtagswahlen bislang vermieden. 2026 ist ein Superwahljahr, Baden-Württemberg hat nur den Auftakt gemacht. Weitere vier Landtagswahlen stehen Ende März und im September an.
Auf die Wähler macht der Stillstand in Berlin allerdings keinen guten Eindruck. Das wissen die Koalitionäre, und sie wissen auch, dass sie die nötigen Sozialreformen nicht weiter hinauszögern können. Eine Umsetzung wird beiden Seiten jedoch ein hohes Maß an Kompromissbereitschaft abverlangen. Streit würde nur der in Teilen rechtsextremen Alternative für Deutschland (AfD) in die Karten spielen, die in Umfragen in den ostdeutschen Bundesländern schon jetzt mit Abstand stärkste Kraft ist.
Die Union kann nur hoffen, dass die SPD sich stabilisiert. Denn je schlechter die SPD abschneidet, umso mehr wird der Druck in der Partei wachsen, wieder mehr linkes Profil zu zeigen, und das wird die Zusammenarbeit deutlich schwerer machen. Vielleicht kann man es mit einem Bild vergleichen: Wer zu ertrinken droht, der schlägt immer stärker um sich.