Vor 100 Jahren: Geburt eines toten Staates | Europa | DW | 01.12.2018
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Geschichte und Gegenwart

Vor 100 Jahren: Geburt eines toten Staates

1918 wurde das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen proklamiert, elf Jahre später hieß es "Jugoslawien". Vor einem Vierteljahrhundert zerbrach der Vielvölkerstaat. War er zum Scheitern verurteilt?

Serbien Belgrad Regierungspalast des Präsidenten (picture-alliance/imageBROKER/M. Moxter)

Der ehemalige Königspalast der jugoslawischen Könige in Belgrad ist heute Sitz des serbischen Präsidenten

Jugoslawien ist seit einer ganzen Generation tot. Doch der Begriff hat bis heute für viele Menschen eine Bedeutung - nicht nur für solche, die in diesem Land geboren sind, auch für Deutsche, die dort Urlaub gemacht oder eines der zahlreichen  jugoslawischen Restaurants besucht haben, die seit den 60er Jahren in vielen Orten der Bundesrepublik entstanden.

Die meisten aber verbinden Jugoslawien heute wohl vor allem mit dem Bürgerkrieg, in dem das Land in den 1990er Jahren zerfiel, und dessen Nachwirkungen bis heute die Staaten prägen, die aus dem zerfallenen Land entstanden sind. 

Auch die Gründung des ersten Staates Jugoslawien, am 1. Dezember 1918, war Folge eines Krieges. Als am Ende des Ersten Weltkrieges die Habsburgermonarchie Österreich-Ungarns zusammenbrach und große Teile Europas neu geordnet wurden, ergab sich die Chance, einen alten Traum umzusetzen.

Fataler Geburtsfehler

Bereits im 19. Jahrhundert hatten Intellektuelle - vor allem in Kroatien - die "Illyrische Bewegung" vorangetrieben. Sie basierte auf dem Mythos, dass die Jugoslawen, also die Südslawen, allesamt vom antiken Volk der Illyrer abstammten und daher natürlicherweise in einem Staat zusammen leben sollten. 1917 trafen sich auf der griechischen Insel Korfu Vertreter der Südslawen Österreich-Ungarns - darunter Serben, Kroaten und Slowenen - und Vertreter des bereits 1835 gegründeten serbischen Staates. Gemeinsam einigte man darauf, die Gründung eines gemeinsamen Staates anzukündigen.

König Peter I. von Serbien (picture alliance/Heritage Images)

König Peter I. von Serbien wurde 1918 König des gemeinsamen Staates. Jugoslawien hieß es erst später

Doch die "Deklaration von Korfu" hatte ein entscheidendes Defizit, erklärt die Münchner Historikerin Marie-Janine Calic: "Darin steht, dass Namen, Symbole und Religionen der orthodoxen Serben und der katholischen Slowenen und Kroaten gleichberechtigt sein sollten - aber die Frage, wie das politisch in einer Verfassung umgesetzt werden sollte, blieb offen."

Das erwies sich als fataler Geburtsfehler. Schon damals prägten die heftigen Gegensätze zwischen dem zentralistischen Staatskonzept Serbiens und den föderalen Wünschen bei Kroaten und Slowenen die politische Debatte.

Bund oder Kerker?

Auch deshalb wird verstärkt seit den 1990ern vor allem in Kroatien behauptet, Jugoslawien sei - wie die Habsburgermonarchie und das Osmanische Reich - ein "Völkerkerker" gewesen, in dem Kroaten und Slowenen von Serben unterdrückt wurden. Historiker widersprechen dieser Sichtweise: "Das Königreich Jugoslawien hat sich nicht aus dem Nichts gebildet", sagt etwa Ulf Brunnbauer von der Universität Regensburg. "Es gab ja politische Eliten in Serbien, Kroatien und Slowenien, die - aus unterschiedlichen Motiven - ein Interesse am gemeinsamen Staat hatten und an diesen Staat glaubten."

Während Serbien sich als Siegermacht des Ersten Welkriegs sah, das die Unabhängigkeit des neuen, gemeinsamen Staats blutig erkämpft hatte, wollten Kroaten und Slowenen sich von der österreichisch-ungarischen Herrschaft befreien, um endlich in einem Land leben, in dem sie gleichberechtigt waren, erklärt Brunnbauer: "Slowenen und Kroaten hatten 1918 tatsächlich wenig oder gar keine Alternative zu Jugoslawien. Eigenstaatlichkeit war nicht sehr populär. Jugoslawien wurde von vielen gewollt."

Josip Broz Tito im Partisanenkampf (picture-alliance/dpa/Tanjug)

1942: Im Partisanenkampf gegen die deutschen und italienischen Besatzer stieg Staatsgründer Tito zum Anführer auf

Zwist der Eliten

Vielleicht brach der neue Staat genau deshalb auch nicht an den inneren Spannungen auseinander. Zerstört wurde er 1941 von außen, als Deutsche und Italiener Jugoslawien besetzen. Aus dem Kampf gegen die Besatzer entstand 1943 dann das zweite Jugoslawien. Doch auch der zweite Staat der Südslawen kämpfte mit ähnlichen Problemen wie der erste, vor allem nach dem Tot seines Gründers und Präsident auf Lebenszeit Josip Broz Tito (1892-1980).

Neben gewaltigen sozialen und ökonomischen Unterschieden zwischen dem Norden - also Slowenien und Kroatien - und dem Süden - Serbien, Mazedonien, Kosovo - mangelte es nach Ansicht von Marie-Janine Calic an der Bereitschaft der Eliten in den verschiedenen Republiken der Sozialistischen Föderation, ihre Partikularinteressen dem gemeinsamen Staat unterzuordnen: "Politisch war entscheidend, dass der Konsens, den die Eliten 1917/1918 gefunden hatten - nämlich einen gemeinsamen Staat aufzubauen -, in den 1980ern zerbrach."

Der angeblich jahrhundertealte Hass zwischen den nationalen Gemeinschaften Jugoslawiens dagegen, der seit Anfang der 1990er oft als Erklärung für Zerfall und Krieg angeführt wird, sei damals kaum vorhanden gewesen, betont der Historiker Hannes Grandits von der Berliner Humboldt Universität: "Untersuchungen zeigen, dass bis zum Anfang der 1990er Animositäten zwischen verschiedenen Völker mit Ausnahme des Verhältnisses von Serben und Albanern nicht stark ausgeprägt waren. Das änderte sich erst nach Beginn der Kampfhandlungen 1991."

Jugoslawien ist tot

Erst im Verlauf der Kriege in Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo und Serbien (1991-99) wuchs also die Kluft zwischen den südslawischen Völkern auf ihr heutiges Niveau. Über ein neues Jugoslawien spricht zwischen Slowenien und Mazedonien heute quasi niemand mehr.

Belgrad Tito Anhänger mit Jugoslawien Fahne (Getty Images/AFP/A. Isakovic)

Die Idee eines gemeinsamen Staates aller Südslawen ist wohl vorerst gescheitert

"Die Idee des Jugoslawismus ist tot", sagt Geschichtsprofessor Brunnbauer. "Dabei wäre es schön, wenn das nicht so wäre, weil ökonomisch und politisch alles für eine enge Kooperation der postjugoslawischen Länder spricht. Sie verbindet nach wie vor viel, auch wenn die Nationalisten das leugnen." Daher gebe es keinerlei realistische politische Projekte, die auf eine regionale Integration zielen. Das einzige, was die Länder der Region, die heute "Westbalkan" genannt wird, heute verbindet, ist der Wunsch nach der Mitgliedschaft in der Europäischen Union.

Genau darin sehen Historiker die einzige Chance Ex-Jugoslawiens. Hannes Grandits sagt das so: "Die Integration der Westbalkanstaaten in die EU würde dazu führen, dass sich viele Probleme, mit denen diese Länder zu kämpfen haben, von alleine lösen. Nicht alle aber sehr viele."