Volle Wartezimmer, keine Ärzte: Not in Rumänien und Bulgarien | Aktuell Europa | DW | 04.07.2018
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Europa

Volle Wartezimmer, keine Ärzte: Not in Rumänien und Bulgarien

Manche sprechen von einem Exodus: Tausende von Ärzten und Krankenschwestern verlassen die beiden Balkanstaaten, weil sie andernorts auf bessere Jobs hoffen. Die Krise des Gesundheitssystems daheim setzt sich fort.

Florina Venera ist erst elf Jahre alt. Sie stammt aus dem Ort Bunesti in Zentral-Rumänien. Vor sieben Jahren wurde bei dem Mädchen Knochenkrebs in ihrem Bein diagnostiziert. Florina wurde operiert. Nun, Jahre später, macht sich ihre Mutter Adriana Rusu erneut Sorgen. Denn ihre Tochter klagt wieder über Schmerzen im Bein.

Was die Sorge verstärkt: Florinas letzte Untersuchung war 2014. Ihre Mutter sagt, sie wisse überhaupt nicht, wo sie nun noch hingehen solle. Denn der Hausarzt der Familie, der Florina an einen Onkologen überweisen könnte, hat im letzten Frühjahr seine Praxis geschlossen. Einen Ersatz gibt es bislang nicht.

Ärzte-Mangel in Ost-Europa (DW/J. Hilton)

Arzt gesucht: Ihre Familie sorgt sich um die elfjährige Florina (Bildmitte)

Bunesti ist - nach westlichen Maßstäben - für die Familie ohnehin kein besonders hoffnungsvoller Ort. Die beiden Eltern, zwei Brüder, Florina selbst und eine kleine Schwester - ein Baby - leben in einer Ein-Zimmer-Wohnung. Die Straßen vor der Tür sind ungepflastert. Die Gasleitungen funktionieren nicht. Die Familie hält sich gerade so über Wasser. Eine private Gesundheitsvorsorge ist völlig undenkbar.

Für einen Arztbesuch müssen die Rusus 30 Kilometer in den Ort Sighisoara reisen. Aber: Eine Buslinie gibt es nicht. Die einzige Option wäre, sich einen Wagen zu mieten, was die Familie etwa 20 Euro kosten würde. Ein Vermögen für die meisten Menschen hier.

Bessere Chancen anderswo

Der Mangel an medizinischem Personal in Rumänien und auch im benachbarten Bulgarien ist offensichtlich. Tausende Ärzte, Arzthelferinnen und Krankenschwestern, die aus den beiden Balkan-Staaten stammen, leben und arbeiten gegenwärtig im Ausland, in westeuropäischen Ländern oder anderswo.

Die Zahlen: Seit 2007 haben 45.000 Beschäftigte aus dem medizinischen Bereich ein Zertifikat beantragt, um im Ausland arbeiten zu dürfen. Bereits 14.000 Ärzte aus Rumänien und fast 50.000 Krankenschwestern und -pfleger haben sich einen Job in einem anderen Land gesucht. Und in Bulgarien verlassen jedes Jahr etwa 450 Ärzte und etwa 1000 Krankenschwestern das Land, um eine besser bezahlte Stelle irgendwo in Westeuropa zu finden.

Dabei geht es nur auf den ersten Blick um das Geld. Die Mediziner ergreifen auch die Flucht vor einem Gesundheitssystem, das nicht mehr funktioniert. In dem die meisten Menschen chronisch überarbeitet sind und damit umgehen müssen, dass es vielerorts an Medikamenten und anderen Hilfsgütern fehlt.

Gergana Georgieva ist eine von ihnen. Die 31-Jährige ist Internistin und hat sich schon 2012 entschieden, ihre Heimat zu verlassen. Kurz nach ihrem Abschluss zog sie aus Bulgarien nach Deutschland. "Damals hat man bis zu zwei Jahre auf eine solche Chance warten müssen", erzählt sie. Schon während ihrer Facharzt-Ausbildung hätte sie in Deutschland 2500 Euro verdienen können. In Bulgarien wären es 200 Euro gewesen.

Ärzte-Mangel in Ost-Europa (DW/J. Hilton)

Fand ihr Glück in Deutschland: Gergana Georgieva

Allerdings haben sich die Bedingungen für junge Ärzte seitdem leicht verbessert. Aber selbst wenn sie zugeben muss, dass ihr Arbeitstag als Ärztin in Deutschland sehr lang ist - auf die Idee, nach Hause zurückzukehren, käme Gergana Georgieva nicht. Denn sie weiß: Das Gesundheitssystem Bulgariens ist finanziell unzureichend ausgestattet. Es fehlt überall Personal. Und die Korruption hinterlässt ebenfalls Spuren. Nein, nach Bulgarien will die junge Frau nicht zurück.

Deutschland als Vorbild

"Medizin ist doch ein ehrbarer Beruf. Das sollte man nicht auf ein unternehmerisches Vorhaben reduzieren", sagt die Internistin der DW. "Ich mag es, dass es strikte Vorschriften in Deutschland gibt. Es gibt eine sehr gute medizinische Ausstattung. Und die Rahmenbedingungen in unserem Krankenhaus sind exzellent." In Bulgarien führt der Exodus der jungen Mediziner zu einer stetigen Verschlechterung der Lage. Der Druck auf ein System, das ohnehin nahe am Kollaps steht, steigt weiter. Es ist ein Teufelskreis.

Zurück in Rumänien. Adina Lariu ist Manager des Krankenhauses von Rupea. 5000 Menschen leben in dem Ort. Aber die Klinik ist auch für die Einwohner von Bunesti zuständig. Und seitdem dort die Hausärztin Ana Sestacovici aufgegeben hat, ist der Unterschied in der Klinik deutlich zu spüren. Das Wartezimmer in der Notaufnahme ist oft überfüllt, die beiden Krankenwagen häufiger unterwegs.

Die Klinik in Rupea ist überbelegt und braucht dringend mehr Ärzte. Lariu sagt, es gebe etliche offene Stellen, die seit Jahren ausgeschrieben sind. In der Not muss man auf Ruheständler zurückgreifen. Oder auf Teilzeitbeschäftigte, die entsprechende Qualifikationen mitbringen.

Das Krankenhaus muss sich mit der Lage arrangieren. Der Operationssaal war sechs Jahre praktisch außer Betrieb, weil es zum Beispiel an Anästhesisten fehlte. Inzwischen kann wieder operiert werden - allerdings nur an Freitagen oder am Wochenende, wenn der Teilzeit-Anästhesist ins Haus kommen kann. Die Auswanderer hätten den Personalmangel verursacht, sagt Klinikchef Lariu. Er konnte die Ärzte, die vorwärts kommen oder ins Ausland gehen wollten, nicht halten.

Hausärzte - eine aussterbende Art

Traditionell bilden die Hausärzte auch in Rumänien die Basis des Gesundheitssystems. Sie kümmern sich um ihre Patienten, überweisen schwierige Fälle an die Spezialisten. Aber die Hausärzte sind eine aussterbende Art. Gegenwärtig arbeiten 11.250 solcher Doktoren in Rumänien. Das sind 25 Prozent weniger als noch vor sieben Jahren, wie aus Zahlen der rumänischen Vereinigung der Hausärzte hervorgeht. Und: Nur wenige Mediziner wählen diese Fachrichtung neu.

Die Krise ist besonders in den dörflichen Gebieten greifbar. Die Hälfte der 20 Millionen Einwohner Rumäniens lebt auf dem Land - aber diese Menschen werden gerade einmal von 38 Prozent der Hausärzte versorgt. Krankenhäuser gibt es in den ländlichen Gebieten kaum - und wenn es sie gibt, sind sie veraltet und in keinem guten Zustand.

Im benachbarten Bulgarien macht sich der Mangel an medizinischem Personal schon in den Kliniken am Rand der Hauptstadt Sofia bemerkbar.

Ärzte-Mangel in Ost-Europa (DW/J. Hilton)

Ivan Ivanov, Neurologe und Klinikchef

Ivan Ivanov, seit mehr als 30 Jahren Neurologe, leitet das einzige Hospital in Gorna Oryahovitsa. Die Stadt mit ihren etwa 30.000 Einwohnern liegt im Norden Bulgariens. "Es geht hier nicht nur um den Gehaltsunterschied, der allein schon signifikant ist. Es geht auch darum, bessere Arbeitsbedingungen zu finden, Karrierechancen. Und schließlich darum, sich auch fachlich zu verbessern", erklärt Ivanov.

Viele Ärzte haben hier mehrere Jobs, um ihren Lebensstandard zu halten. Auch so wird dem Mangel begegnet. Jede Woche fährt Ivanov in drei benachbarte Ortschaften, um dort nach Patienten zu sehen.

Und Lösungen?

In seinem Krankenhaus liegt das Durchschnittsalter der Ärztinnen und Ärzte bei 55 bis 60 Jahren. Ein Drittel der Schwestern hat bereits die Pensionsgrenze überschritten. Nur zwei Ärzte sind unter 30. "Es fehlt eigentlich in jeder Abteilung", sagt Ivanov. Besonders bedrohlich sei aber die Lage auf der Intensivstation und auf der Neugeborenenstation.

In der Internistischen Abteilung ist die 60-jährige Chefärztin Yordanka Drumeva noch die jüngste der drei Mediziner. Ihre Kollegen sind 64 und 65. "Ich mache mir schon große Sorgen. Wenn ich mich entscheide, in den Ruhestand zu gehen, werden wir Schwierigkeiten haben, die Stelle neu zu besetzen.", sagt Drumeva. "Kein junger Arzt möchte in einem kleinstädtischen Hospital wie unserem arbeiten."

Diese Reportage entstand im Rahmen des "Reporters in the Field"-Programms, das von der Robert-Bosch-Stiftung unterstützt wird.

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