Bulgarien: Ein junger Mediziner will bleiben | Europa | DW | 19.06.2018
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Ärztemangel in Südosteuropa

Bulgarien: Ein junger Mediziner will bleiben

Wer in Bulgarien Medizin studiert, will meistens anderswo arbeiten. Auch Sheip Panev packt seinen Arztkoffer. Statt nach Westeuropa zu fahren, geht er zu den alten Menschen in die Dörfer. Rayna Breuer hat ihn besucht.

Oma Milka hat Bluthochdruck. Das könne an den Seifenopern liegen, die sie täglich guckt, sagt sie. Einige erlebe sie sehr emotional und andere seien ganz schlecht und das nerve sie. Abschalten? Kommt auch nicht in Frage. Wahrscheinlich liegt es aber an den Medikamenten, die sie nicht richtig einnimmt.     

"Sie müssen täglich die Medikamente nehmen, das ist sehr wichtig. Und immer morgens, nicht erst spät am Tag", rät ihr Sheip Panev. Er befindet sich im Endspurt seines Medizinstudiums. Am heutigen Sonntag ist er in ein kleines Dorf gereist, etwa 100 Kilometer nordwestlich von der Hauptstadt Sofia. Dort untersucht er die wenigen alten Menschen, die noch geblieben sind. Der Nordwesten des Landes ist eine der ärmsten Regionen in der EU. Junge Menschen gibt es hier höchstens am Wochenende, sonst haben Hunde und Hühner das Sagen. In diese Dörfer kommt einmal im Monat ein Arzt - wenn man Glück hat. In den Wintermonaten hängt das vom Wetter ab. 

Das Versagen des Staates

"Meiner Tochter sage ich immer: Wenn mir was passiert, bis ich dich angerufen habe und du aus Sofia hierher gekommen bist, musst du mich eigentlich direkt begraben. Wir haben hier keinen Arzt. Wie oft habe ich gebetet, dass wir irgendeinen finden, der wenigstens montags, mittwochs und freitags kommt. Da oben lebt nur eine Hebamme, die ihre Mutter pflegt. Wenn ich Beinschmerzen habe, gehe ich zu ihr, damit sie mir eine Spritze geben kann", beklagt sich Oma Milka.

Milka aus Ljuti Brod (DW/R. Breuer)

Oma Milka freut sich über die Besuche des Mediziners aus Sofia

Solche Zustände konnte Sheip Panev nicht länger hinnehmen. Er wollte handeln. Genau deswegen ist er hier - freiwillig und ehrenamtlich. Zusammen mit Ärzten aus einem Krankenhaus in der Hauptstadt besucht er Dörfer im Nordwesten des Landes. Für Sheip Panev geht es nicht nur darum, als angehender Arzt praktische Erfahrung zu sammeln: "Wir müssen den Menschen hier helfen, weil der Staat das offensichtlich nicht leisten kann. In jeder Oma sehe ich meine Oma und es wird mir warm ums Herz. Diese Menschen hier schätzen unsere Arbeit und es freut mich, wenn ich etwas Gutes tun kann, wenn ich nützlich bin. So lebe ich nicht umsonst."

Soziale Dienstleistungen - Fehlanzeige 

Diese ehrenamtliche Arbeit der Mediziner ist für die Nichtregierungsorganisation "Projekt Nordwest" ein Segen. Seit drei Jahren kümmert sich Jana Rupeva um die vergessenen Menschen in der Region. "Neben unserer Tätigkeit mit den alten Menschen versuchen wir, Jugendliche mit geistiger Behinderung, die ihr ganzes Leben in einem Heim gelebt haben, in die Gesellschaft zu integrieren. Wir müssen denen ganz einfache Sachen beibringen: Wie gehe ich aus dem Heim auf die Straße, wie fahre ich mit dem Zug, wie lese ich die Uhr", sagt Jana Rupeva von der NGO "Projekt Nordwest". In den entfernten Regionen gebe es kein funktionierendes System für soziale Dienstleistungen. Sie hat eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung aufgebaut - ausschließlich mit Spenden. Vom Staat kommt nichts. Außerdem plant sie, eine Tafel zu gründen, in der Menschen mit Behinderung für Senioren Essen zubereiten und ihnen dieses auch liefern.

"Die alten Menschen können es kaum fassen, dass sich jemand überhaupt um sie kümmert. Sie sind unheimlich dankbar, dass sie dadurch ein menschenwürdiges Leben im hohen Alter führen können", sagt Jana Rupeva. 

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Medizinische Hilfe für Senioren in bulgarischen Dörfern

Wer bleibt am Ende, wenn alle gehen?

Ärzte wie Sheip Panev sind überlebensnotwendig in diesen Regionen. Es geht um Minuten, um ein Leben retten zu können. "In Büchern lesen wir von den goldenen fünf bis zehn Minuten, in denen man den Patienten behandeln muss. In der Realität kommt der Krankenwagen erst nach zwei, drei oder manchmal erst vier Stunden - vor allem in die entfernten Dörfer. Menschen sterben, die man unter normalen Umständen hätte retten können", sagt Sheip Panev. Doch es fehlt an Personal. Die meisten jungen Ärzte zieht es weniger in die Provinz, sondern nach Westeuropa.

"Die Öffnung der Grenzen, die wir zunächst begrüßt haben, brachte auch negative Konsequenzen mit sich. Heute haben wir das Problem, dass unsere Ärzte gehen. Aber morgen werden bulgarische Patienten nach Deutschland kommen und das wird das deutsche Gesundheitssystem unter Druck setzen", sagt die stellvertretende Vorsitzende des bulgarischen Ärzteverbandes. Daran müsse man heute schon denken, bevor man sich billige Arbeitskräfte aus Bulgarien hole. Mehr als 1.600 bulgarische Ärzte arbeiten derzeit in Deutschland. Für Sheip Panev kommt es nicht in Frage, auszuwandern. "Man lebt nur einmal und jeder trifft seine Entscheidung. Ich kann meine Kollegen nicht verurteilen, dass sie gehen. In Bulgarien ist es schwieriger für die jungen Ärzte", sagt der Medizinstudent. "Ich könnte mir vorstellen, nach Deutschland zu gehen, aber nur um mich zu spezialisieren, nicht um dort zu bleiben. Ich fühle mich den Menschen in Bulgarien gegenüber verpflichtet. Ich will die Menschen hier behandeln. Das ist meine Mission. Denn wenn alle gehen, wer bleibt dann am Ende übrig?"  

Nach dem Arzttermin tritt Oma Milka im Nachbardorf auf - sie singt in einem Chor. Die Knie machen nicht mehr mit, aber Hauptsache die Stimme ist da. Um die Knie müsse sich Sheip Panev bei seiner nächsten Visite kümmern, sagt Oma Milka.

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