Viren aus der Tiefe des Dschungels | Wissen & Umwelt | DW | 17.08.2011
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Wissen & Umwelt

Viren aus der Tiefe des Dschungels

Viruserkrankungen kommen wie aus dem Nichts und können in kürzester Zeit eine Pandemie auslösen. Neue Studien zeigen, dass der Ursprung vieler Viren in Afrika liegt. Und oft Fledermäuse die Überträger sind.

Ein ausgewachsener Flughund in Ghana (Foto: DW/Aygün Cizmnecioglu)

Ein Flughund

Es ist tiefste Nacht und doch herrscht eine drückende, feuchte Hitze. Vorsichtig wischt sich Stefan Klose die Schweißperlen von der Stirn. Die Kopflichter sind ausgeschaltet. Er und sein Team warten mucksmäuschenstill vor einer riesigen Höhle im ghanaischen Dschungel.

Niedlich und gefährlich

Nur Flügelschläge sind aus der Dunkelheit zu hören. Der leichte Luftzug ums Gesicht verrät – die Fledermäuse fliegen ziemlich nah um einen herum. "Da haben wir die erste gefangen", jubelt der promovierte Zoologe. In den Nylonmaschen des Netzes hat sich ein 10cm großes, flauschiges Tier mit großen Augen und rötlich schimmerndem Fell verfangen.

Der deutsche Zoologe Stefan Klose spannt ein Fangnetz auf, um in Ghana Fledermäuse zu fangen, die er später auf Virenbefall untersucht (Foto: DW/Aygün Cizmnecioglu)

Klose spannt Netze zum Fledermausfang

Zum Knuddeln denkt man, bis die messerscharfen Zähne aufblitzen. "Fledermäuse sind die idealen Überträger für Viren, weil sie als Säugetiere dem Menschen sehr ähnlich sind", erklärt Stefan Klose. "Sie können weite Strecken fliegen und haben Sozialverbände von bis zu einer Million". Der 33-jährige, der für die Universitätsklinik Bonn arbeitet, leitet seit einem Jahr das deutsch-ghanaische Fledermaus-Projekt.

Um die Erreger später im Labor nachweisen zu können, ist der Kot der Fledermäuse essentiell. Klose fängt die nachtaktiven Tiere erst, nachdem sie bereits ihr abendliches Futter gejagt haben. Vorsichtig steckt er sie dann in weiche Fleecebeutel. Penibel messen und katalogisieren Stefan Klose und sein Team später jedes einzelne Tier.

Unter einer Plastikplane haben sie sich auf Campingstühlen und Tischen eine mobile Forschungsstation aufgebaut. Der Fledermaus-Kot aus dem Beutel wird in kleine Röhrchen abgefüllt. Erst danach dürfen die Tiere wieder in die Nacht entschwinden.

Der deutsche Zoologe Stefan Klose hält in Ghana eine Fledermaus in der Hand, die er auf Virenbefall untersucht und danach wieder freilässt (Foto: DW/Aygün Cizmnecioglu)

Die knuddeligen Säugetiere haben scharfe Zähne

Fledermäuse unter Stress

Einige haben kleine Ortungschips auf der Haut. Damit können die Forscher verfolgen, wie sich die Fledermäuse in ihrer Umwelt bewegen. Und welche Auswirkungen z.B. die Abholzung des Regenwaldes auf sie hat. "Das erhöht den Stress und macht die Tiere womöglich anfälliger für Viren und damit auch gefährlicher für den Menschen", so Stefan Klose. Je weniger Vielfalt in einem Ökosystem herrsche, umso instabiler sei es.

Bei der Übertragung von Viren spielen auch die Ernährungsgewohnheiten der Menschen eine zentrale Rolle. Fledermaus-Fleisch gilt in Ghana als besonders gesund und wird für wenig Geld auf den Fleischmärkten im Busch verkauft. Wird das Fleisch nicht richtig durchgebraten, kann man sich mit Viren infizieren. "Aber auch Wasser ist eine Gefahrenquelle", wirft Stefan Klose ein. In den Höhlen gäbe es oft kleine Bäche, in denen Kot von Fledermäusen lande. "Viele Dorfbewohner schöpfen ihr Trinkwasser daraus, ohne zu wissen, dass darin womöglich Viren lauern."

ie Ghanaische Anthropologin Dr. Olivia Agbenyega, die am Fledermausforschungsprojekt von Stefan Klose beteiligt ist (Foto: DW/Aygün Cizmnecioglu)

Olivia Agbenyega klärt Menschen über Viren auf

Kampf gegen den Aberglauben

Genau deshalb ist Aufklärung ein Ziel des Projektes. Olivia Agbenyega, eine ghanaische Soziologin, ist dafür zuständig. Eine groß gewachsene Frau, die sich immer wieder die filigran geknoteten Zöpfe aus dem Gesicht streicht. Für sie ist besonders der weit verbreitete Glaube an Naturgötter ein Problem.

"Wenn Menschen hier erkranken, sehen sie darin eine Strafe von oben. Dass virenverseuchtes Fleisch oder Wasser der Grund sein könnte, ist vielen nicht klar", so die 48jährige. Dieser fatale Naturglaube sei besonders auf dem Land weit verbreitet.

Deswegen wirbt Olivia Agbenyega um das Vertrauen der einflussreichen Häuptlinge. Sie sind das spirituelle Zentrum jeder ghanaischen Gemeinde. Mit deren Hilfe will sie Workshops in den Gemeinschaften veranstalten und den Dorfbewohnern einfache Alltagstipps geben. Das Abkochen von Wasser und das Durchbraten von Fleisch könne da schon Leben retten.

Globales Problem

"Prävention ist unglaublich wichtig", betont die engagierte Soziologin. "Wenn eine Krankheit erst einmal ausbricht, ist es oft zu spät. Viele Patienten sterben schon auf dem Weg zum nächsten Krankenhaus." Zu schlecht ausgebaut seien die Straßen. Und die wenigsten könnten sich die teuren Medikamente leisten. "Deswegen müssen wir Infektionen verhindern, bevor sie wüten", so Olivia Agbenyega.

Und genau dafür haben Stefan Klose und sein Team die Nacht hindurch gearbeitet. "Wir haben rund 150 Fledermäuse gefangen und untersucht", erklärt der Ökologe mit müden Augen. Bei Tagesanbruch geht es für die deutschen und ghanaischen Forscher wieder zurück. Für sie ist das Projekt ein Austausch auf Augenhöhe. Sie wissen, wie wichtig internationale Kooperationen sind. Denn Viren kennen keine Ländergrenzen.

Autorin: Aygül Cizmecioglu
Redaktion: Fabian Schmidt

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