Viele Züge in Frankreich bleiben stehen | Aktuell Europa | DW | 04.04.2018
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Frankreich

Viele Züge in Frankreich bleiben stehen

Der zweite Tag von drei Monaten: In Frankreich fallen am Mittwoch wieder viele Züge aus, nachdem am Vortag eine dreimonatige Streikwelle gegen die Bahnreform von Präsident Macron angelaufen war.

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Streikwelle in Frankreich

Nur jeder siebte TGV, Frankreichs Hochgeschwindigkeitszug, sollte am Mittwoch starten. Auch im Regionalverkehr sieht es nicht viel besser aus. Hier wird wohl nur jeder fünfte Zug die Bahnhöfe verlassen, wie die staatliche Bahngesellschaft SNCF mitteilte. Dadurch sind wieder viele Pendler betroffen.

Am Dienstag hatten mehr als drei Viertel der Lokführer nach Angaben der Bahngesellschaft SNCF landesweit die Arbeit niedergelegt. Die Gewerkschaft CGT sprach von einem "sehr massiven" Streik. Im Schnitt beteiligten sich nach Angaben der staatlichen Bahngesellschaft SNCF rund 34 Prozent der Beschäftigten an dem Ausstand. Bei den Lokführern waren es aber mehr als doppelt so viele. Zudem kam es durch weitere Streiks zu Ausfällen bei der Fluglinie Air France und bei der Müllabfuhr.

 

Frankreich Bahnstreik (Reuters/E. Foudrot)

Bahnbeschäftigte protestierten in Lyon gegen Macrons Reformvorhaben

Zwar sprach die französische Presse von einem "schwarzen Dienstag". Das befürchtete Chaos blieb aber aus, da sich viele Franzosen nach den Ostertagen frei genommen hatten, von zuhause aus arbeiteten oder Mitfahrgelegenheiten nutzten. In vielen großen Bahnhöfen waren im Berufsverkehr deutlich weniger Reisende unterwegs als für gewöhnlich.

Wie am Vortag dürften auch am Mittwoch einige Fernzüge in Richtung Deutschland wegen der Streikaktionen ausfallen.  Insgesamt war am Dienstag der internationale Verkehr aber nicht so stark beeinträchtigt. Die Eurostar-Züge von Paris nach London und die Thalys-Verbindungen nach Deutschland oder Amsterdam verkehrten überwiegend normal.

Clevere Streiktaktik

Präsident Macron will den Personenverkehr ab 2020 wie von der EU beschlossen für den Wettbewerb öffnen. Dafür müsse das Unternehmen reformiert werden, argumentiert die Regierung. Schließlich koste es in Frankreich rund 30 Prozent mehr, einen Zug zu betreiben, als anderswo in Europa.

Wirtschaftsminister Bruno Le Maire betonte, aus der französischen Bahn solle ein "weltweiter Mobilitäts-Champion werden". Dazu sollen bei dem hoch verschuldeten Staatsunternehmen die Kosten gesenkt werden. Die Bedeutung des Konflikts geht aber weit über die Zukunft der SNCF hinaus - er gilt als Test für Macrons Fähigkeit, seinen Reformkurs zu halten.

Die Gewerkschaften setzen auf eine Zermürbungstaktik: Sie wollen immer im Wechsel zwei Tage streiken und drei Tage arbeiten. Bis Ende Juni sind somit 36 Streiktage bei der SNCF angedroht - parallel zur Parlamentsdebatte über die Reform. Entscheidend dürfte nun sein, ob die Eisenbahner einen langen Atem beweisen - und wie die Franzosen reagieren, wenn sich überfüllte Vorortzüge, Ausfälle und Staus häufen.

Frankreich Bahnstreik (picture-alliance/dpa/MAXPPP/G. Plesse)

Volle Bahnhöfe, aber kein Chaos in Frankreich

Gewerkschaften pochen auf Privilegien

Die Gewerkschaften protestieren vor allem gegen die geplante Abschaffung des beamtenähnlichen Status der Bahnbeschäftigten. Er macht betriebsbedingte Kündigungen unmöglich und garantiert ein Rentensystem, unter dem Lokführer im Schnitt mit 54 Jahren in Ruhestand gehen. Bei Neueinstellungen sollen diese Privilegien künftig nicht mehr gelten. Die Gewerkschaften fürchten zudem, die angepeilte Öffnung des Marktes und die Sanierung würden letztlich auf eine Privatisierung hinauslaufen.

Verkehrsministerin Elisabeth Borne versicherte, die Regierung werde nicht nachgeben. Sie setze "auf die Abstimmung und den Dialog" mit den Gewerkschaften. Macron will die Reform mit Hilfe von Verordnungen im Schnellverfahren bis zur Sommerpause durchsetzen.

Die Gewerkschaften kritisieren ferner, dass die Regierung keinen Plan zum Abbau des Schuldenbergs bei der Bahn vorgelegt hat. Alleine die Schienensparte SNCF Réseau schiebt Verbindlichkeiten von 46,6 Milliarden Euro vor sich her. Zum Vergleich: Die Schulden der Deutschen Bahn werden dieses Jahr mit 20 Milliarden Euro wohl einen Rekordstand erreichen. Auch hier reichen die Erlöse nicht aus, um Investitionen zu bezahlen. In Deutschland ist der Markt gerade im Regionalverkehr allerdings seit Jahren geöffnet. Konkurrenten - auch aus Frankreich - haben hier einen Anteil von etwa einem Drittel.

kle/ar/sam (afp, rtr, dpa)

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