Viagra: Darum bleibt das Potenzmittel in Deutschland rezeptpflichtig | Wissen & Umwelt | DW | 26.01.2022
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Viagra: Darum bleibt das Potenzmittel in Deutschland rezeptpflichtig

Ein Sachverständigenrat hat entschieden, dass es den Viagra-Wirkstoff Sildenafil in Deutschland auch weiterhin nur mit Rezept geben soll. Ein Grund: Erektionsstörungen können Vorboten eines Herzinfarkts sein.

Medikamente mit dem Wirkstoff Sildenafil - Viagra

Pharmaindustrie und Apotheken drängen schon lange auf einen Wegfall der Rezeptpflicht.

In Deutschland bleibt der Viagra-Wirkstoff Sildenafil weiterhin verschreibungspflichtig. Ein Sachverständigenausschuss beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) lehnte einen Antrag auf Aufhebung der Verschreibungspflicht einstimmig ab. 

Dies betrifft nicht nur die bekannte Potenzpille Viagra vom Pharma-Riesen Pfizer, sondern auch sogenannte Nachahmerpräparate mit dem Wirkstoff Sildenafil, beispielsweise Tadalafil (Cialis), Vardenafil (Levitra) oder Avanafil (Spedra). Entscheiden muss letztlich das Bundesgesundheitsministerium, aber gewöhnlich folgt es der Empfehlung des Ausschusses. 

Die Pharmaindustrie und auch Apotheken hatten schon lange auf einen Wegfall der Rezeptpflicht gedrängt. Denn mit Potenzmitteln lässt sich viel Geld verdienen.  Pfizer erzielte 2019 mit seinem Produkt Viagra einen weltweiten Umsatz von rund 497 Millionen US-Dollar, und das obwohl seit Ablauf des Patentschutzes 2012 zahlreiche Generika der blauen Pfizer-Pille kräftig Konkurrenz machen.

In einigen europäischen Ländern wie Polen, Großbritannien, Schweden und Norwegen können Viagra und andere Sildenafil-haltige Tabletten ohne Rezept bezogen werden, wenn die Apothekerinnen und Apotheker speziell geschult sind und so eine kompetente Beratung stattfinden kann.

Und diese Beratung sei enorm wichtig, so Dr. Ursula Sellerberg, Sprecherin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA): "Das sind keine Bonbons, die man einfach so einnimmt. Die Beratung von geschulten Pharmazeuten ist wie bei allen anderen Medikamenten unerlässlich."

Gefährlicher Schwarzmarkt

Diese wichtige Beratung fehlt allerdings, wenn man sich die vermeintliche Wunderpille ohne Rezept illegal übers Internet bestellt.

Außerdem werden auf dem Schwarzmarkt viele verunreinigte Produkte verkauft, so Prof. Frank Sommer, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit: "Wir haben vor einigen Jahren eine Studie gemacht, da haben wir 22 Produkte, die man im Internet frei bestellen kann, untersucht und festgestellt, dass bei über 80 Prozent nicht das drin war, was angegeben war. Wir hatten zum Beispiel eine Gruppe, da war die Dosis viermal so hoch."

Wenn man das regelmäßig einnehme, habe man ein sehr hohes Risiko für Herzschädigungen. Einige Präparate enthielten zudem Verunreinigungen etwa mit Schwermetallen, so Prof. Sommer.

Im Internet gibt es aber nicht nur gefälschten Markenprodukte, sondern auch Online-Angebote von Medizinern, bei denen der Interessent zunächst einen medizinischen Fragebogen ausfüllt und dann gegebenenfalls Viagra oder ein anderes Mittel aus dem Ausland zugeschickt bekommt.

In der Regel handele es sich dabei tatsächlich um das Originalprodukt - für den stolzen Preis von ca. 60 Euro für vier Potenz-Tabletten.

Erektionsstörung als Vorbote eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls

Grundsätzlich sollten Männer Erektionsstörungen nicht unterschätzen, betont Mediziner Sommer. Eine erektile Dysfunktion steht häufig auch im Zusammenhang mit Diabetes. Oder mit Herzproblemen."Eine Erektionsstörung ist, wenn sie gefäßbedingt ist, Vorbote eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls. Wir erkennen das bei der Untersuchung der Blutgefäße ungefähr acht Jahre vorher. Und da hat man dann eben noch Zeit, entsprechend gegenzusteuern. Kommt es aber erst gar nicht zum Arztbesuch, fällt das weg", so der Professor für Männergesundheit.

Werde die Grunderkrankung nicht behandelt, verschlimmere sich die Erektionsschwäche immer weiter. "Da können Nerven geschädigt sein, die Infrastruktur des Penis, die Blutgefäße, die zum Penis führen", so Sommer. Werde die Ursache nicht gefunden, "verschlimmert sich das Leiden immer weiter. Und man braucht deshalb eine immer höhere Dosis, um doch noch eine Erektion zu erreichen. Bis irgendwann auch die höchste nicht mehr reicht. Wenn man aber dann erst zum Arzt geht, ist es für eine Heilung oft zu spät."

Impotenz - unser Experte im Gespräch

Wechselwirkung mit anderen Medikamenten

Ohne kompetente Beratung wissen Patienten möglicherweise auch nicht, welche Medikamente mit Sildenafil nicht verträglich sind. "Es gibt Herzmedikamente, die Nitrate haben." In Kombination hat dies einen verstärkten blutdrucksenkenden Effekt, was schlimmstenfalls zum Schock und sogar Tod führen kann.

"Falls den Patienten etwa Probleme mit dem Herzen bekannt sind oder die Vermutung besteht, sollte das im Gespräch mit dem Apotheker offen kommuniziert werden", so die Sprecherin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, Dr. Ursula Sellerberg.

Sildenafil "ein Geschenk des Himmels"

Insgesamt sei die Entdeckung von Sildenafil als Potenzmittel durch den US-Konzern Pfizer "ein Geschenk des Himmels" gewesen, so der Mediziner Sommer.

Noch in den 1980er Jahren herrschte die Ansicht vor, dass 90 Prozent der Erektionsstörungen psychisch bedingt seien. "Heute ist Stand der Wissenschaft, dass es genau umgekehrt ist: 80 bis 90 Prozent haben körperliche Ursachen, und dann kommt die Versagensangst vielleicht noch oben drauf."

Durch die umfangreiche Berichterstattung über die blaue Wunderpille sei das Thema Erektionsschwäche aus der Tabuzone herausgekommen. Außerdem gebe es seitdem eine ganze Serie von wissenschaftlichen Untersuchungen zu Potenzproblemen.

"Da hat sich dann eben erst gezeigt, dass der Zustand der Penisgefäße einen Herzinfarkt voraussagen kann. Auch Zuckererkrankungen werden seitdem viel früher diagnostiziert."