Unicredit will Commerzbank: Eine Bank mit Übernahmehunger
17. März 2026
"Wenn der richtige Zeitpunkt kommt und die Konditionen stimmen, dann wird es auf die richtige Weise passieren", sagte der Chef der italienischen Unicredit, Andrea Orcel, Anfang Februar in einem Interview mit dem TV-Sender CNBC. Angesprochen wurde er da auf die Übernahme von Deutschlands zweitgrößter Privatbank, der Commerzbank.
Für Hans-Peter-Burghof, Professor an der Universität Hohenheim ist die Sache klar: "Das ist eine Übernahmeschlacht. Es geht um viel Geld und die Unicredit will den Eindruck vermitteln, dass sie am Ende sowieso gewinnt."
Seit 2024 läuft der Übernahmekampf bereits und geht nun in die nächste Runde. Denn anscheinend ist für Orcel nun der richtige Zeitpunkt gekommen, denn seit Montag, dem 16.03., hat er den Aktionären der Commerzbank ein Angebot gemacht: Sie sollen ihre Aktien gegen Aktien der Unicredit eintauschen können. Damit das für die Aktionäre auch attraktiv ist, stellt er ein Plus von vier Prozent in Aussicht. Die Entscheidung muss er sich aber noch von einer Hauptversammlung im Mai absegnen lassen.
Ist das eine feindliche Übernahme?
"Das ist die klassische Form einer feindlichen Übernahme", sagt Bankexperte Burghof im DW-Gespräch. Denn bisher hat sich der Vorstand der Commerzbank konsequent gegen Fusion ausgesprochen. Auch die Gewerkschaften und der deutsche Staat, der an der Commerzbank beteiligt ist, sind gegen die Übernahme.
Auch das jüngste Angebot hat daran nichts geändert. "Wir sind überzeugt von der Stärke und dem Potenzial unserer Strategie, die auf Eigenständigkeit und profitables Wachstum setzt", sagte Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp als Reaktion. Auch ein Sprecher des Bundesfinanzministeriums bekräftigte: "Der Bund unterstützt die Strategie der Eigenständigkeit der Commerzbank."
Was ist die Strategie von Unicredit?
Die Übernahmebemühungen der Unicredit laufen nun seit 18 Monaten - ohne konkrete Gespräche. Deshalb sei das Angebot nun ein Versuch, "Bewegung in die festgefahrene Situation zu bringen", schreibt Florian Heider, Direktor des Leibniz-Instituts für Finanzmarktforschung SAFE, auf DW-Anfrage.
Hinzukommen aber auch technische Details. Firmen können sich in beliebiger Höhe bei aktiennotierten Unternehmen einkaufen. Hat der Angreifer aber mehr als 30 Prozent, muss er den Aktionären ein Pflichtangebot für eine Übernahme machen. Derzeit hält die Unicredit bereits fast 30 Prozent an der Commerzbank. Mit dem Übernahmeangebot kommt sie also einem wohl deutlich teureren Pflichtangebot zuvor.
Außerdem kauft die Commerzbank derzeit eigene Aktien zurück, um den Kurs zu stärken. Diese zurückgekauften Aktien werden eingezogen und damit die Zahl der insgesamt vorhandenen Aktien reduziert. Das war auf der Hauptversammlung 2025 beschlossen worden. Damit muss die Unicredit wiederum immer wieder Aktien verkaufen, um nicht aus Versehen die 30 Prozent-Schwelle zu überschreiten.
Ist das Angebot der Unicredit überzeugend?
Das Angebot von circa vier Prozent Aufschlag ist laut Experten relativ niedrig. Burghof spricht deshalb auch von einem "Fake-Angebot". Unicredit-CEO Andrea Orcel wisse, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit die Übernahme damit nicht erreiche. "Es geht der Unicredit lediglich darum, die rechtlichen Hürden aus dem Weg zu räumen", so Burghof. Dennoch werden ein paar der Anleger das Angebot annehmen. Die Strategie sei, dass man so "preiswert" über die 30 Prozent komme und danach weitere Anteile hinzukaufen könne, um die Commerzbank so langfristig zu kontrollieren.
Für den Finanzwissenschaftler Florian Heider vom SAFE ist es in Übernahmeprozessen allerdings nicht ungewöhnlich, "dass ein erstes Angebot vergleichsweise niedrig ausfällt." Das sei Teil der Verhandlungsdynamik.
Was erhofft sich die Unicredit von der Übernahme?
Die Unicredit hat im deutschen Markt mit der Hypovereinsbank bereits ein Standbein. Durch die Übernahme der Commerzbank sieht die Mailänder Bank Chancen in einem kombinierten Geschäft mit Privat- und Mittelstandskunden. Gewerkschaftler befürchten, dass durch eine Übernahme 10.000 Arbeitsplätze in Gefahr geraten könnten.
Das Hauptargument des Unicredit CEOs Orcel ist, dass Europa im Wettlauf mit den starken US-Geldhäusern größere Banken benötige. Professor Hans-Peter-Burghof hält dagegen: "Ginge es der Unicredit wirklich darum, eine große europäische Bank zu formen, hätte die Unicredit dies auch mit der Übernahme der Hypovereinsbank erreichen können." Doch stattdessen habe man das deutsche Bankhaus kleiner gemacht und lediglich auf Gewinnmaximierung gesetzt.
Er geht deshalb davon aus, dass es bei der Commerzbank-Übernahme vor allem darum geht, "die eigene Wettbewerbssituation zu stärken, indem man einen Wettbewerber wegkauft." Auch der Finanzplatz Frankfurt würde leiden, wenn es dort im Privatbankenbereich bis auf die Deutsche Bank überwiegend nur noch Zweigstellen ausländischer Banken gebe.
Für Florian Heider vom SAFE spricht hingegen aus ökonomischer Perspektive vieles für eine Konsolidierung im europäischen Bankensektor. "In einem integrierten europäischen Markt sollte es letztlich keine Rolle spielen, ob ein Kredit von einer deutschen oder italienischen Bank vergeben wird." Ein paneuropäisches Institut könnte den Finanzplatz Frankfurt sogar stärken.
Wird die Strategie der Unicredit aufgehen?
"Beide Parteien glauben noch, dass sie gewinnen können und es ist vollkommen offen, wer gewinnt", sagt Burghof. Dennoch habe die Unicredit mit dem Übernahmeangebot bereits erreicht, dass in Politik und Medien das Thema wieder an Bedeutung gewonnen habe.
Auch Florian Heider sieht, dass der Druck auf die Commerzbank zunimmt. So habe die Commerzbank bereits Stellen abgebaut. "Entscheidend ist daher, dass beide Seiten in konstruktive Verhandlungen eintreten", so Heider.
Einen ersten Erfolg kann die Unicredit auch bereits vermelden. So sagte Commerzbank-Chefin Orlopp einen Tag nach dem Übernahmeangebot in einem Interview mit Bloomberg TV: "Um uns für Gespräche an den Tisch zu bringen, ist eine Übernahme nicht notwendig." Und sie fügte hinzu: "Wir wären absolut bereit, uns zusammenzusetzen und einen Vorschlag von Unicredit zu erörtern." Das hatte sich allerdings in den vergangenen anderthalb Jahren anders angehört.