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Khuon: "AfD stellt Kunstfreiheit in Frage"

17. Januar 2019

Die Verbalattacken der AfD gegen die deutschen Theater haben einen neuen Unterton bekommen: Die Partei ist mittlerweile ein Fall für den Verfassungsschutz. Theater-Intendant Ulrich Khuon ist beunruhigt.

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Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters Berlin
Bild: picture-alliance/dpa/von Jutrczenka

Die Meldungen über massive Verbalattacken der rechtspopulistischen Partei AfD gegen die deutsche Theater- und Kulturszene klangen beunruhigend: Von "Kulturkampf" war da die Rede und von "Verstößen gegen die deutsche Leitkultur". Der kulturpolitische Sprecher der AfD ("Alternative für Deutschland"), Marc Jongen, ging in einer Debatte im Deutschen Bundestag sogar so weit, den Theatern vorzuwerfen, sie seien "linksversifft" und reduziert auf "antifaschistische Bildungsanstalten".

Ulrich Khuon, Jahrgang 1951, ist nicht nur ein erfahrener Theatermann, sondern als leitender Intendant des Deutschen Theaters in Berlin auch kulturpolitisch ausgesprochen wachsam. Als Vorsitzender des Deutschen Bühnenvereins ist er europaweit in der Kulturszene vernetzt. Er engagiert sich für eine "Offene Gesellschaft". Wir haben ihn im DW-Interview gefragt, wie er die zunehmenden AfD-Angriffe einschätzt.

DW: Herr Khuon, sind Sie beunruhigt, durch das, was da von rechts an Breitseiten auf die Theater und auch auf die deutsche Kulturszene generell abgefeuert wird?

Ulrich Khuon: Ja, natürlich ist man beunruhigt. Wobei es andererseits auch nicht überrascht, es ist ein konsequentes Handeln der AfD, einfach aus ihrem eigenen Kulturverständnis heraus. Wie martialisch, wie aggressiv oder wie streitbar das verfolgt wird, das ist einerseits konsequent, aber auch beunruhigend. Deshalb muss man auch darüber reden, was da gerade passiert.

Man kann sagen, dass die Kunstfreiheit zumindest in Frage gestellt wird durch Aktionen der AfD, durch bestimmte Anträge und Anfragen und prozessuales Vorgehen. Und das muss die Öffentlichkeit wissen.

Ist es bei Verbalattacken auf die Theater in Deutschland durch die AfD geblieben oder greift die Partei auch zu anderen Methoden?

Wir haben hier in Berlin beim Deutschen Theater, bei einem Stück, das im vergangenen Sommer vor dem Haus gespielt wurde, eine sogenannte "Intervention" der Identitären (rechtsextremistische Organisation, Anmerkung d. Red.) erlebt – das ist jetzt nicht deckungsgleich mit der AfD, lebt aber von dem gleichen Geist. Und das war eine gewalttätige Unterbrechung der Vorstellung.

Das Stück hieß "Scala Global", und da ging es um diesen Weltbürgerpass, also die Frage: Sind wir nicht alle Bürger der ganzen Welt? Das ist so eine kulturpolitische Utopie. Und die Identitären kamen da mit ihrer Nationalismus-Brille um die Ecke und haben diese Vorstellung massiv gestört. Das war schon ein gewalttätiger Übergriff: durch Lärm, durch Geschrei, durch Dazwischengehen. Und das ist schon mehr als ein verbaler Zwischenruf.

Berlin Deutsches Theater
Haus mit Tradition: das Deutsche Theater in BerlinBild: picture-alliance/dpa/B. Settnik

Die AfD sitzt mittlerweile in vielen Länderparlamenten und als gewählte Fraktion im Deutschen Bundestag – und gestaltet offiziell Politik mit. Gibt es da von AfD-Seite kulturpolitische Hebel, die die Theaterinstitutionen empfindlich treffen könnten?

Ja natürlich, das ist ein klassisches Vorgehen, wenn man künstlerische Freiheit einschränken will. Das gibt's auch in anderen Staaten, die den Nationalismus wieder neu für sich entdeckt haben. Ungarn zum Beispiel, Polen und Russland auch.

Das funktioniert über die Gelder, also die Zuschüsse und Subventionen. Wenn man die runter fährt oder ganz streicht, und sie an eine bestimmte Programmschiene knüpft: Also wenn ihr das und das auf der Bühne thematisiert, dann kriegt ihr Geld. Und sonst nicht.

Da gab es beispielsweise einen AfD-Antrag, sowohl beim Friedrichstadt-Palast als auch beim Gorki-Theater und auch beim Deutschen Theater, größere Summen zu streichen. Kurioserweise, vermutlich weil ich mich als Präsident des Deutschen Bühnenvereins gegen die AfD geäußert hatte, hat man dann den Antrag gestellt, dass das Deutsche Theater 500.000 Euro weniger Subventionen kriegt.

Die AfD beschreibt das in ihrem kulturpolitischen Programm ja selbst so: Wenn sie an der Regierung wären, dann würden sie die deutschen Theater zwingen, nationale Stoffe zu bringen. Nun ist auch das wiederum absurd, weil die Theater mit und ohne AfD vor allem Stoffe aus der Vergangenheit, von Goethe, Kleist und Schiller, permanent auf der Bühne haben.

Szene aus "Woyzeck" am Deutschen Theater in Berlin
Klassiker reloaded: "Woyzeck" von Georg Büchner steht bei deutschen Theatern oft auf dem Spielplan (Bild: 2014 im Deutschen Theater, Berlin)Bild: picture-alliance/dpa/S. Pilick

Aber ich gehe davon aus, dass die AfD sogar noch einen Schritt weiter gehen würde. Und dass in eben diesen Stücken auch die Schönheit der Nation, der Zusammenhang der Nation, dieses Gefühl für die deutsche Nation auf der Bühne sichtbar werden muss. Auch die heutige Interpretation solcher historischen Stoffe wäre dann noch dominiert vom Blick der AfD und ein Versuch, wie man die Theater in Deutschland gleichzuschalten versucht. In der deutschen Geschichte kennen wir das natürlich aus der Zeit des Nationalsozialismus.

Solche Entwicklungen und Beeinflussungen von rechter Seite gibt es derzeit in ganz Europa. Tauschen Sie sich darüber mit ihren Kultur- und Theaterkollegen in den anderen Ländern aus?

Dieses kulturpolitische Klima wird ja seit Jahren geschaffen. Viele Theater sind in europäischen Verbünden drin, im "Mitos" (Europäisches Theaternetzwerk, Anmerkung d. Red.) oder der Europäischen Theaterkonvention beispielsweise. Und natürlich gibt's da permanent Treffen auf europäischer Ebene.

Wir haben am Deutschen Theater in Berlin einen Regisseur, der auch in Ungarn arbeitet, und da hört man natürlich viel. Auch über ein weiteres Instrument, wie man die Künstler, die Schauspieler und auch die Intendanten willfährig machen kann: indem man einfach rechtsgerichtete Personalpolitik betreibt und Intendanten, die zu progressiv oder zu liberal oder zu offen sind, einfach kündigt und rausschmeißt. Und andere, die eine nationale oder auch nationalistische Kultur nach vorne bringt, inthronisiert.

Marc Jongen, kulturpolitischer Sprecher der AfD
Will Theater-Subventionen kürzen: Marc Jongen, kulturpolitischer Sprecher der AfDBild: picture-alliance/dpa/U. Deck

Also die Personalpolitik und auch die Finanzpolitik ist natürlich ein Hebel, über den man eine Kunstszene oder auch eine Theaterlandschaft so steuern kann, dass sie als verlängerter Arm der Politik erscheint. Natürlich müssen die Menschen darüber nachdenken, welche kulturellen Wurzeln haben wir? Was heißt "Heimat" für uns? Das steht außer Frage. Aber ich würde sagen, die Botschaft der AfD in Bezug auf "nationale Identität" muss man sehr ernst nehmen.

Womit hängt es zusammen, dass populistische Schlagworte wie "nationale Kulturidentität", mit denen AfD-Politiker operieren, auch bei nicht-rechten Bevölkerungsgruppen so viel Resonanz finden? Was spricht die Partei da für eine Grundstimmung an?

Weil jedes Wir-Gruppen-Gefühl die Identität des Einzelnen stärkt. Und natürlich hat jeder Mensch das Bedürfnis danach, eine starke Persönlichkeit zu sein. Und wir wissen alle, dass das nicht aus einer individuellen Kraft heraus allein gelingt. Ich fühle mich ja auch wohler als Teil des Deutschen Theaters, als Teil von 30 Menschen, die hier arbeiten. Aber eben nicht in Abgrenzung zu anderen, wie die AfD das tut, sondern als kräftigende Gruppe.

So kann natürlich - vom Fußballverein bis zum Heimatbegriff - vieles enorm kräftigend sein. Die Gefahr ist halt der Kampfbegriff, mit dem die AfD da in die Schlacht zieht, das heißt, dass es gegen andere verwendet wird und dass es zur Abgrenzung genutzt wird.

ntendantin Maxim-Gorki Theater, Kai Uwe Peter, Vorstand Stiftung Brandenburger Tor, Lilian Engelmann, Geschäftsführerin neue Gesellschaft für bildende Kunst, Kathrin Röggla, Vizepräsidentin Akademie der Künste, Marc Grandmontagne, Geschäftsführender Vorstand Deutscher Bühnenverein, Annemie Vanackere, Intendantin HAU Hebbel am Ufer, Holger Bergmann, Vorstand Die Vielen, Berndt Schmidt, Intendant Friedrichstadt-Palast, und Olaf Zimmermann, Geschäftsführer Deutscher Kulturrat, (picture-alliance/dpa/C. Soeder)
Sie stellten 2018 die "Erklärung der Vielen" in Berlin vor: Vertreter von 140 Kulturinstitutionen Bild: picture-alliance/dpa/C. Soeder

Inzwischen gibt es in Deutschland einen Zusammenschluss von rund 500 Kulturinstitutionen unter dem Namen "Die Vielen", die sich gegen den Rechtsruck und für eine demokratische Gesellschaft ohne Ausgrenzung engagieren. Ist das die kreative Antwort der Kultur auf die AfD-Attacken? 

Das ist aus meiner Sicht die Fortsetzung einer Bewegung, die wir schon seit vielen Jahren in den Theatern haben, nämliche die "Offene Gesellschaft". Und jetzt gibt’s eben "Die Vielen". Sie sind - und so interpretiere ich das - kein Kampfverband gegen die AfD, sondern sie sind ein Zusammenschluss von Künstlern und Intellektuellen, die einfach sagen: Wir sehen in der Demokratie, die wir hier in Deutschland haben, eine hohe Qualität, und dafür zeigen wir auch Gesicht und gehen im Zweifel auch auf die Straße - kreativ, fröhlich und gewaltfrei.

Das Gespräch führte Heike Mund.