Ukraine und Syrien: Spielt Kyjiw auf Moskaus Feld?
8. April 2026
Ein "historischer" Besuch - so bezeichnen ukrainische Experten die Reise von Präsident Wolodymyr Selenskyj nach Syrien. Zum Abschluss seiner Nahost-Reise besuchte der Präsident der kriegsgeplagten Ukraine ein arabisches Land , das bis vor Kurzem ein Verbündeter Russlands war. Sein Aufenthalt in Damaskus und die Gespräche mit dem syrischen Präsidenten Ahmed al-Scharaa stehen für die Wiederaufnahme und Stärkung der ukrainischen diplomatischen Bemühungen in der Region.
"Wir haben vereinbart, gemeinsam für mehr Sicherheit und Entwicklungsmöglichkeiten für unsere Gesellschaften zu sorgen. Wir erörterten die Lage in der Region und die Aussichten auf eine Verbesserung. Wir sprachen auch über den russischen Krieg gegen die Ukraine und ich bin dankbar für die Unterstützung. Es besteht großes Interesse am Austausch militärischer und sicherheitspolitischer Erfahrungen", erklärte der ukrainische Staatschef.
Selenskyj wies außerdem darauf hin, dass man über die Lieferung von Lebensmitteln und die Stärkung der Ernährungssicherheit in der gesamten Region sowie über Syriens Herausforderungen im Energie- und Infrastrukturbereich, die die Ukraine gut verstehe, gesprochen habe.
"Klarer Schlag gegen den Kreml"
"Jahrzehntelang war Syrien ein sehr prorussisches Land mit entsprechender Propaganda, einer moskauzentrierten Weltsicht unter den Eliten und der breiten Bevölkerung. Und jetzt ein solcher geopolitischer Bruch", sagt Serhij Danylow vom Kyjiwer Zentrum für Nahoststudien im Gespräch mit der DW.
Die Präsidenten Ahmed al-Scharaa und Wolodymyr Selenskyj hatten sich erstmals im September vergangenen Jahres bei der UN-Generalversammlung in New York getroffen. Damals unterzeichneten die Außenminister beider Länder eine Erklärung zur Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen. Diese waren im Juni 2022 abgebrochen worden, nachdem das Regime von Baschar al-Assad die von prorussischen Separatisten in der Ostukraine geschaffenen sogenannten "Volksrepubliken Donezk und Luhansk" anerkannt hatte. Bei Selenskyjs jetzigem Besuch in Syrien wurde sogar eine baldige Eröffnung diplomatischer Vertretungen in Kyjiw und Damaskus vereinbart.
Dmytro Lewus vom Zentrum für Sozialforschung "Ukrainischer Meridian" glaubt, dass Selenskyjs Besuch den Zusammenbruch russischer Ambitionen verdeutlicht. Syrien habe lange als eine unerschütterliche Bastion russischen Einflusses gegolten, doch heute sei die Situation eine völlig andere. "Die Ukraine hat ein geopolitisches Feld betreten, das Russland stets als sein eigenes betrachtet hat, mit monopolistischer Einflussnahme. Das ist ganz klar ein Schlag gegen den Kreml", betont Lewus gegenüber der DW.
Getreide als politisches Instrument
Ausgangspunkt für einen Neuanfang der Beziehungen zwischen der Ukraine und Syrien könnte die Ernährungssicherheit sein. "Unter dem Regime von Baschar al-Assad bezog Syrien von Russland gestohlenes ukrainisches Getreide aus den besetzten Regionen Cherson, Saporischschja und der Krim. So legalisierten die Russen dieses Getreide", erläutert Danylow.
Ihm zufolge ändert sich die Situation nun. Die Ukraine fordert konsequent, dass die Länder der Region auf gestohlene Lebensmittel verzichten, um ihnen legale liefern zu können. So wurde zum Beispiel zwischen Kyjiw und Kairo vereinbart, dass Ägypten solche Käufe einstellt. Syrien ist nun die nächste Etappe.
Laut Danylow sind Lebensmittel nicht nur ein kommerzielles, sondern auch ein politisches Instrument. "Märkte für Lebensmittel sind Teil staatlicher Lobbyarbeit. Es gibt Beispiele für einen solchen Lobbyismus ukrainischer Interessen auf staatlicher Ebene", sagt der Experte vom Kyjiwer Zentrum für Nahoststudien.
Ihm zufolge könnten ukrainische Lebensmittellieferungen helfen, Ängste vor einer Wiederholung des "Arabischen Frühlings" einzudämmen. Im Jahr 2011 war es unter anderem wegen steigender Lebensmittelpreise in mehreren arabischen Ländern zu Massenprotesten, Revolutionen und inneren militärischen Konflikten gekommen. "In Syrien, Jordanien und insbesondere in Ägypten führen Inflation und steigende Treibstoffpreise heute zu steigenden Lebenshaltungskosten", erklärt Danylow. Ärmere arabische Länder seien "sehr besorgt um die soziale Stabilität" und wollten eine Wiederholung der Ereignisse vor 15 Jahren unbedingt vermeiden.
Drohnen, Minenräumung und Energie
Mychajlo Hontschar vom Zentrum für globale Studien "Strategie XXI" sieht in Militärtechnologien ein wichtiges Kooperationsfeld zwischen der Ukraine und Syrien. Die Ukraine habe im Laufe des russischen Angriffskrieges einzigartige Kampferfahrung und technologische Entwicklungen gesammelt. Dazu zählten Langstreckendrohnen und Abfangdrohnen, die auch in Syrien nachgefragt sein würden.
"Dies ist aber ein heikles Thema für Israel, da es der jetzigen syrischen Staatsmacht insgesamt sehr misstraut", fügt er hinzu, was aber für die Ukraine kein Grund sein sollte, sich einzuschränken. "Wir müssen von unseren nationalen Interessen ausgehen und es bestehen Hoffnungen auf eine Ausweitung der Kooperation", so Hontschar im DW-Gespräch.
Experten weisen darauf hin, dass Syrien noch immer über sowjetische Militärausrüstung verfügt, die repariert und gewartet werden müsse, wofür die Ukraine sorgen könne.
Kyjiw kann zudem bei der humanitären Minenräumung sowie beim Wiederaufbau der Energieinfrastruktur Syriens, das große Probleme bei der Stromversorgung hat, helfen. In beiden Bereichen haben die Ukrainer viel Erfahrung. "Für die Ukraine kann es dort viele Bereiche der Zusammenarbeit geben, wenn man sich die Aussichten auf dem syrischen Markt anschaut - nicht heute, sondern mittelfristig", meint Danylow.
Adaption aus dem Ukrainischen: Markian Ostaptschuk