Turnerin Simone Biles beugt sich dem Druck | Sport | DW | 27.07.2021
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Turnen

Turnerin Simone Biles beugt sich dem Druck

Nach nur einem Gerät bricht US-Star-Turnerin Simone Biles den Team-Wettbewerb in Tokio ab. Später gibt sie mentale Probleme zu. Der Druck, so Biles, sei zu groß, der Spaß am Turnen arg eingeschränkt.

Spät am Abend in Tokio flossen bei Turn-Superstar Simone Biles doch bittere Tränen. Immer wieder wurde die viermalige Olympiasiegerin von ihren Teamkolleginnen getröstet, als sie über die Gründe ihres überraschenden Rückzugs aus dem Mannschaftsfinale der Turnerinnen am vierten Wettkampftag von Tokio sprach.

"Ich muss mich auf meine psychische Gesundheit konzentrieren. Wir müssen Körper und Geist schützen", sagte sie. Zuvor war die Ausnahme-Turnerin noch mit in der Halle gewesen und hatte zugeschaut, wie ihre Mannschaft Silber hinter den überglücklichen Russinnen geholt hatten. "Es nervt einfach, wenn man mit seinem eigenen Kopf kämpft", sagte die 24 Jahre alte Biles und löste damit auch in den sozialen Medien eine Welle der Anteilnahme aus. Die, die an Olympischen Spielen teilnehmen, sagte sie, seien "nicht nur Athletinnen und Athleten, am Ende des Tages sind wir Menschen".

Verletzung oder nicht?

Biles hatte bereits nach dem ersten von vier Geräten, dem Sprung, ihren Wettkampf abgebrochen und wurde von einer Ersatzturnerin vertreten. Für das US-Team war dann die russische Riege zu stark, die mit 169,528 Punkten zum ersten Mal seit 1992 wieder Gold holte. Die USA (166,096) verpassten ihren dritten Olympiasieg nacheinander. Platz drei belegte Großbritannien mit 164,096 Zählern.

Im Fokus standen aber nicht die russischen Siegerinnen sondern Biles. Für ihren Sprung hatte die 24-Jährige zuvor die für sie ungewohnt niedrige Wertung von 13,766 Punkten bekommen. Anschließend verließ sie mit dem Mannschaftsarzt der Amerikanerinnen die Halle, in die sie kurze Zeit später mit einer Bandage am rechten Bein zurückkehrte. In den Startlisten wurde sie fortan mit einen "R" für Reserve geführt, der Turn-Weltverband bestätigte kurz darauf das Aus im Team-Finale.

Tokio 2020 I Olympia I Gymnastik I Frauen I Simone Biles

War das der letzte Auftritt von Simon Biles bei den Olympischen Spielen in Tokio?

Am zweiten Gerät, dem Stufenbarren, wurde Biles von der amerikanischen Ersatzturnerin Jordan Chiles ersetzt. Später gab der US-Verband bekannt, dass Biles sich "aus einem medizinischen Grund" zurückgezogen habe. "Sie wird täglich untersucht, um die medizinische Freigabe für zukünftige Wettbewerbe zu bestimmen", hieß es.

Während der Pressekonferenz, als sie wieder etwas gefasster wirkte, bestätigte Biles dann aber, dass sie nicht verletzt sei. Ihr Start im Mehrkampf-Finale am Donnerstag ist offen. "Morgen haben wir so etwas wie eine kleine Trainingspause, es ist schön, einen Tag Ruhe für den Kopf zu haben", sagte sie und sprach weiter über das schwierige Thema möglicher mentaler Probleme. Sie traue sich selbst nicht mehr so, wie sie es mal getan habe, sagte sie. Sie wisse nicht, ob es am Alter liege, aber sie werde nervöser, wenn sie turne: "Ich habe auch das Gefühl, dass ich nicht mehr so viel Freude habe." Schon in der Qualifikation am vergangenen Sonntag hatte Biles nicht die in sie gesetzten Erwartungen erfüllen können.

Biles: "Olympia ist kein Witz"

Auf Instagram hatte sie sich anschließend über den enormen Druck beklagt. "Es war kein einfacher Tag oder mein Bestes, aber ich bin durchgekommen. Ich fühle mich wahrhaftig als hätte ich zur Zeit die Last der Welt auf meinen Schultern. Ich weiß, ich bürste es ab und lasse es so aussehen, als würde der Druck keinen Einfluss auf mich haben, aber verdammt, manchmal ist es hart hahaha. Olympia ist kein Witz", schrieb sie.

Tokyo 2020 Olympia Simone Biles

Eigentlich gilt Simone Biles als der strahlende Star der internationalen Turnszene

Biles hatte 2016 in Rio viermal Gold und einmal Bronze gewonnen. Im Januar 2018 sprach die Turnerin öffentlich über den sexuellen Missbrauch durch den ehemaligen Teamarzt des amerikanischen Turnteams, Larry Nassar. In den Jahren 2016 und 2017 hatten sich zuvor 150 Frauen gemeldet, die auf der Karolyi-Ranch, dem größten Trainingszentrum für Turner der USA und im Eigentum des Trainer-Ehepaars Bela und Martha Karolyi, missbraucht worden waren.

Simone Biles ist neben Tennis-Profi Naomi Osaka die zweite Top-Athletin, die offen über psychische Probleme während des Wettkampfs spricht. Osaka hatte sich Anfang Juni von den French Open in Paris zurückgezogen und bekannt gemacht, dass sie seit längerer Zeit an Depressionen leide. Für Osaka, die am Dienstag im Achtelfinale ausschied, ist der tägliche Spießrutenlauf vor den Augen der Öffentlichkeit in Tokio vorbei. Für Simone Biles stehen noch der Mehrkampf und die Einzelwettbewerbe an - wenn sie denn die Kraft findet anzutreten.

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