Tu-160: der russische Atombomber, der Washington Sorgen macht | Welt | DW | 11.12.2018
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Spannungen zwischen Russland und den USA

Tu-160: der russische Atombomber, der Washington Sorgen macht

Russland hat zwei atomwaffenfähige Bomber nach Venezuela verlegt. Russische Tupolews beim erklärten US-Feind Nicolas Maduro? Das sorgt für heftige Kritik aus Washington.

Selfie mit einem Atombomber gefällig? Mehrere Journalisten russischer Staatsmedien kamen am Montag in diesen Genuss, als zwei Tupolew Tu-160 aus Russland - Nato-Codename: Blackjack - auf dem Maiquetia-Flughafen bei Caracas landeten. Fast 10.000 Kilometer hatten die Flugzeuge von ihrer Basis in Saratow zurückgelegt, norwegische Kampfflugzeuge hatten sich dabei streckenweise an ihre Heckflossen geheftet. Russische Piloten nennen die Überschall-Bomber mit der schmalen Silhouette freundlich "weißer Schwan", doch ihre Fracht ist tödlich. Die Tu-160 kann nicht nur sehr weit ohne Zwischenbetankung fliegen - sie kann auch mit zahlreichen nuklearen Marschflugkörper und Bomben bestückt werden.

Schuldzuweisungen und Häme

Die offensichtliche Begeisterung der russischen Reporter über die Ankunft der Bomber wird von der US-Regierung deshalb nicht geteilt. US-Außenminister Mike Pompeo ist nicht gerade für seine diplomatische Art bekannt. Doch selbst für Pompeos Verhältnisse fiel die Reaktion auf den Flug der russischen Bomber zu einem russisch-venezolanischen Militärmanöver harsch und deutlich aus. Um die halbe Welt habe Russland seine beiden Flieger geschickt, schreibt Pompeo auf Twitter. "Das russische und venezolanische Volk sollten das als das sehen, was es ist: zwei korrupte Regierungen verschleudern öffentliche Gelder, sie unterdrücken die Freiheit, während ihre Völker leiden."

Das wollte Kreml-Sprecher Dimitri Peskow am Dienstag nicht unwidersprochen auf sich sitzen lassen. Auch wenn für eine Antwort ja eigentlich das russische Außenministerium zuständig sei - "höchst undiplomatisch" und "völlig unangemessen" seien Pompeos Worte, sagte Peskow. "Und was die Vorstellung angeht, dass wir Geld verschleudern", so der Kreml-Sprecher weiter: "Diese Bemerkung sollte sich ein Land nicht erlauben, dessen halber Wehretat den Hunger in ganz Afrika stillen könnte."

Putin vor russisch-chinesischem Manöver (picture-alliance/dpa)

Schöner Schwan: Putin begutachtet im Jahr 2005 ein Modell der Tu-160

Das ist keine Kuba-Krise

Wortgefechte zwischen Moskau und Washington, so freundlich wie im Kalten Krieg. Für den dänischen Friedensforscher Hans Kristensen sind die beiden Supermächte "wieder offizielle militärische Gegner." Es gebe so gut wie keine vertrauensvolle Kommunikation mehr zwischen den USA und Russland, so Kristensen, der Direktor des Nuclear Information Projects bei der Federation of American Scientists in Washington ist. "Beide Seiten schlagen sich laut auf die Brust, wollen Abschreckung signalisieren", so Kristensen im Gespräch mit der DW. "Es sind viele kleine Schritte, die sich aufaddieren zu einem kleinen Kalten Krieg. Das ist ein Trend, der Sorgen macht." 

Bemerkenswert sei zudem der Zeitpunkt, zu dem Moskau die Flugzeuge losgeschickt habe. "2008 während des Georgien-Krieges gab es ähnliche Bomber-Operationen", so Kristensen. "Und momentan wird über mögliche Truppenverstärkungen an der ukrainischen Grenze spekuliert, nachdem die Spannungen im Asowschen Meer zugenommen haben." Kristensen warnt allerdings auch vor Panikmache. Es sei nicht das erste Mal, dass russische Flugzeuge an solch einer Übung teilnehmen würden. "In diesem Teil der Welt steht momentan nichts auf dem Spiel. Wir sind weit entfernt von einer Kuba-Krise."

Die USA sorgen sich um ihren Hinterhof

Wer allerdings gedacht hatte, dass der Krieg der Worte zwischen Moskau und Washington beendet sei, hatte die Rechnung ohne Robert Manning gemacht. Auch der Sprecher des US-Verteidigungsministeriums kritisierte Moskau scharf, um gleichzeitig das zivile Engagement Washingtons in der Region hervorzuheben: "Unser Fokus auf die Region Südamerika ist ein anderer: während Russland Bomber schickt, stellen wir ein Lazarettschiff".

Die "USNS Comfort" ist seit Oktober an der südamerikanischen Küste und in der Karibik unterwegs, auch um geflohene Venezolaner medizinisch zu versorgen. "Wir bieten humanitäre Hilfe an, Russland Bomber", so Mannings Vorwurf. Laut US-Angaben hat das Schiff, das derzeit an der Küste von Honduras ankert, in acht Wochen 20.000 Personen untersucht und 600 Operationen durchgeführt. Für den Sprecher des US-Verteidigungsministeriums ein deutliches Zeichen, dass die USA "in einem Moment der Notwendigkeit auf der Seite des venezolanischen Volkes stehen". Seit Jahren leidet das Land unter Inflation und Hunger fast 2,5 Millionen Venezolaner haben seit 2014 ihr Land verlassen. Mit sozialistischen Parolen und autokratischer Politik hat Präsident Nicolás Maduro das erdölreichste Land der Welt in die Isolation getrieben.

Venezuela sieht Russland als Freund und strategischen Partner

Venezuela Präsident Nicolas Maduro trifft russischen Präsident Wladimir Putin (picture-alliance/dpa/M. Shemetov)

Hand drauf! Maduro und Putin am 5. Dezember in Moskau

Und was sagt Caracas zur militärischen Bruderhilfe aus Moskau? Auch die Reaktion der venezolanischen Regierung ließ nicht lange auf sich warten. "Venezuela und Russland sind Friedensstifter, nicht Kriegstreiber", sagte Verteidigungsminister Vladimir Padrino, "niemand in der Welt" müsse sich wegen der Atombomber in Caracas Sorgen machen. Was folgte, war eine klare Spitze Richtung Washington: "Wir bereiten uns darauf vor, Venezuela bis auf den letzten Quadratzentimeter zu verteidigen. Und das werden wir mit unseren Freunden tun, denn wir haben Freunde in der Welt."

Die Freundschaft mit Russland war erst vor wenigen Tagen untermauert worden, mit dem Besuch des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro bei Wladimir Putin in Moskau. Der Kremlchef selbst hatte jüngst mit Gegenmaßnahmen gedroht, sollte sich die USA wie angekündigt aus dem INF-Vertrag über Mittelstreckenraketen zurückziehen. In Russland wurden in diesem Zusammenhang Stimmen laut, Raketen in Lateinamerika zu stationieren, Venezuela wurde als einer der möglichen Stützpunkte dafür genannt. Also doch Kuba-Krise reloaded? Der Sprecher Putins distanzierte sich von dieser Idee. Und auch für Venezuela kommt dies - noch - nicht in Frage: einen russischen, also ausländischen Stützpunkt im Land, verbietet die Verfassung.

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Kolumbien: Schwierige Lage venezolanischer Flüchtlinge

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