Trends und Traditionen auf deutschen Friedhöfen | Meet the Germans | DW | 01.11.2020
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Allerheiligen

Trends und Traditionen auf deutschen Friedhöfen

Traueranzeige, Trauerfeier, Grabpflege: Hinterbliebene haben im Trauerfall viel zu bedenken und zu entscheiden. Individualität wird dabei immer wichtiger.

Es gibt zwei Trends in der deutschen Bestattungskultur: die Zunahme anonymer und halbanonymer Bestattungen und eine starke Individualisierung, so Jutta von Zitzewitz, Kulturbeauftragte der Stiftung Deutsche Bestattungskultur im Gespräch mit der Deutschen Welle. Das Verhältnis der Feuerbestattung zur Erdbestattung betrage deutschlandweit mittlerweile 70 zu 30.

Der Friedhof sei als zentrales Kulturgut und öffentlicher Ort der Trauer nach wie vor sehr wichtig, allerdings müsse er "neu gedacht" werden und viel stärker als bisher die individuellen Wünsche der Trauernden ins Zentrum stellen, um kein "Auslaufmodell" zu werden.

Immer weniger Bundesbürger möchten in einer klassischen Grabstätte beigesetzt werden, ergab auch eine Umfrage 2019 im Auftrag von Aeternitas, der Verbraucherinitiative Bestattungskultur. Zunehmend beliebter werden Angebote, die keine Grabpflege erfordern. "Genau da liegt die Chance der Friedhöfe", so der Aeternitas-Vorsitzende Christoph Keldenich.

"Der Friedhof ist so wichtig wie Oper und Museum"

Bislang ist es aber offenbar nicht so leicht, diese Chance auch zu nutzen. Es gebe zwar einige Modellfriedhöfe, zum Beispiel Europas größten Friedhof in Hamburg-Ohlsdorf, die jetzt schon auf die Bestattungswünsche und Bedürfnisse der Hinterbliebenen eingehen und alle modernen Bestattungsvarianten anbieten, so von Zitzewitz. Zum allergrößten Teil aber seien Friedhöfe mit ihren vielen Vorschriften unflexibel und ihre Angebote "altbacken", bedauert die Kulturbeauftragte. "Der Friedhof ist so wichtig wie Oper und Museum und sollte langfristig auch so finanziert werden", meint von Zitzewitz, die sich dringend größere Aufmerksamkeit seitens der Politik für dieses Thema wünscht.   

Der Trend zur Feuerbestattung und anderen Bestattungsarten, die nicht mehr an den klassischen Friedhof gebunden sind (etwa Seebestattung oder Waldbestattung im "Ruheforst") bedeutet auch: Es gibt sehr viele Freiflächen, denn eine Urne braucht deutlich weniger Platz als ein Sarg.

Bestattungsgärten immer beliebter

Vielleicht kommt dem ja ein dritter Trend entgegen: pflegefreie Gemeinschaftsgrabanlagen, deren Einrichtung der "Mobilität und der Zerstreuung der Familien" geschuldet sind, so von Zitzewitz. 

Hauptfriedhof Karlsruhe, Bachlauf, Beflanzungen, zwei Menschen

Alternativen: Ein Landschaftsgräberfeld auf dem Hauptfriedhof von Karlsruhe

Diese weitläufigeren, bepflanzten und gestalteten Flächen sind fast schon kleine blühende Parkanlagen, mit Platz für Sargbestattungen und Urnen. Sie werden als Alternative zu herkömmlichen Einzelgräbern immer beliebter. Die Grenzen der einzelnen Gräber sieht man nicht, aber Hinterbliebene haben einen Ort der Trauer - ohne sich um ein Grab kümmern zu müssen. 

QR code auf Stein

Auch auf dem Friedhof geht es digital zu

Dennoch halten die meisten Menschen an Traditionen fest, dazu gehören die Trauerfeier und das Traueressen, meist Leichenschmaus genannt. Nur die Rahmenbedingungen haben sich geändert, erklärt von Zitzewitz: Trauernde wollten einen "maßgeschneiderten Abschied mit traditionellen Elementen", in dem die Kirche oft keine Rolle mehr spiele. Und: Die Digitalisierung ist auch hier auf dem Vormarsch. Es gibt digitale Trauerforen und QR-Codes auf Grabsteinen, manche Bestatter bieten sogar an, per Whatsapp Traueranzeigen zu verschicken. 

Mehr Inhalte über Deutsche und ihre Eigenarten, deutsche Alltagskultur und Sprache finden Sie auf www.dw.com/meetthegermans_de und auf YouTube

Dies ist eine leicht überarbeitete Version eines Artikels, der erstmalig am 30.10.2019 veröffentlicht wurde.

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