Moderne Trauerkultur: Surfen auf dem Friedhof | Kultur | DW | 24.11.2018
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Bestattung

Moderne Trauerkultur: Surfen auf dem Friedhof

QR-Codes auf Grabsteinen sollen das Gedenken an einen verstorbenen Menschen aufrecht erhalten. Manche Friedhofsverwaltung sorgt sich um den Datenschutz. Andere Friedhöfe informieren per App über berühmte Verstorbene.

Moderne Trauerkultur - Über einen QR-Code auf einem Grabstein sind Informationen über den Verstorbenen auf dem Handy abrufbar. (picture-alliance/B. Weissbrod)

Auf dem Grabstein stehen nur der Name und die Daten des Verstorbenen, per QR-Code lässt sich über Handy mehr erfahren.

Etwas reserviert fielen die ersten Reaktionen aus, als vor ein paar Jahren ein in Asien verbreiteter Trend über Dänemark und Österreich nach Europa immigrierte. Der QR-Code auf dem Grabstein sollte dazu beitragen, das Andenken an einen verstorbenen Menschen lebendig zu halten.

Bekannt sind QR-Codes sonst eher von Werbeplakaten und Hinweisschildern, etwa am Fahrplanaushang von Bushaltestellen und Bahnhöfen. Sie wurden 1994 in Japan erfunden, QR steht für quick response, also "schnelle Antwort".  Jetzt sollen sie die Ära des digitalen Abschieds auf dem Friedhof einleiten. 

Erinnerungen teilen 

Während Steinmetze mit Hilfe von Hammer und Meißel meist nicht mehr als den Namen und einen Abschiedsgruß wie "Ruhe sanft" auf dem Grabstein unterbringen können, ermöglicht der QR-Code, auf einer Website über das Leben von Verstorbenen zu informieren. Angehörige können sich austauschen, Fotos und Erinnerungen teilen. Auch die Grabrede kann hier archiviert werden.

Heute sind QR-Codes auf den Grabstellen deutscher Friedhöfe nicht mehr ganz so exotisch, wirklich in Mode gekommen sind sie allerdings nicht. "Der QR-Code ist seit fünf Jahren in der Diskussion, hat sich bislang aber nicht durchgesetzt", sagt Michael C. Albrecht, im Vorstand des Verbands der Friedhofsverwalter Deutschlands zuständig für neue Medien. "Mit dem Code allein ist es nicht getan: Man muss eine Homepage gestalten und sie pflegen, das ist mit Aufwand und Know-how verbunden." Gerade ältere Angehörige seien daran kaum interessiert.

Ein Tafel mit einem QR Code steht in einem Grab auf dem Friedhof (picture-alliance/H. Kaiser)

Auf oder neben dem Grabstein stehen nur der Name und die Daten des Verstorbenen, per QR-Code lässt sich über Handy mehr erfahren.

Verwaltungen fürchten um Datenschutz

Hinzu kommen rechtliche Bedenken, spätestens seit Inkrafttreten der neuen Datenschutzverordnung. "Einige Friedhofsverwaltungen sind der Ansicht, dass der QR-Code gegen die Datenschutzrichtlinien verstößt", sagt Gerd Merke, Professor für Recht an der Hochschule Rhein-Main und Gutachter für Friedhofsrecht. Einer Einwilligung des Verstorbenen aus dessen Lebzeiten, dass Informationen über ihn auf dem Grabstein hinterlegt werden dürfen, bedarf es nicht, meint Merke: "Es gibt zwar das postmortale Persönlichkeitsrecht, aber das ist rechtlich nicht bindend."

Probleme könne es dagegen geben, wenn mehrere Erben unterschiedlicher Auffassung über den QR-Code seien. "Dann müsste untereinander geklagt werden." Erfahrungen, wie Gerichte in solchen Fragen entscheiden, lägen bislang allerdings nicht vor. Bei der Masse der Beerdigungen machten QR-Codes zwar noch einen sehr geringen Anteil aus. "Es ist trotzdem eine bedeutende Minderheit für die Friedhofskultur", sagt Merke. "Mir ist jemand lieber, der die Grabstelle pflegt, als jemand, der sich nach der Beerdigung nicht mehr kümmert."

Auf den Spuren von Dürer und Brecht

Weit erfolgreicher als der QR-Code läuft die kulturhistorische App Wo sie ruhen, die Friedhofsbesuchern den Weg zu Gräbern berühmter Persönlichkeiten weist und sie mit Informationen zu den Verstorbenen versorgt. Von der Stiftung Historische Kirchhöfe und Friedhöfe in Berlin-Brandenburg ins Leben gerufen, verzeichnet die App mehr als 1.200 Gräber, die real oder virtuell besucht werden können, darunter die von Albrecht Dürer auf dem Nürnberger Johannisfriedhof und Bertolt Brecht oder Johannes Rau auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin.

Die App enthält Kartenmaterial, mit dessen Hilfe sich Besucher zur nächsten berühmten Grabstätte navigieren lassen können und auch per Audio Guide begleiten lassen können. Angereichert mit Anekdoten soll der Friedhofsbesuch so zur Geschichtsstunde werden. 

Autor Bertolt Brecht (picture-alliance/dpa)

Geschichtsstunde: Über den in Berlin bestatteten Autor Bertolt Brecht informiert die App "Wo sie ruhen"

Keine Störung der Friedhofsruhe

Eine Störung der Friedhofsruhe fürchtet Michael C. Albrecht nicht, wenn Besucher mit Smartphone in der Hand über die Friedhöfe laufen: "Die Friedhofskultur ist nicht statisch, sie entwickelt sich weiter." Es sei positiv, wenn Friedhöfe ins Bewusstsein der Menschen gerieten, "schließlich gibt es auch Friedhofsführungen". Mit Hilfe von Apps könnten Friedhöfe ihren Besuchern einen kulturhistorischen Mehrwert bieten.

Selbst, dass vor zwei Jahren im Hype um Pokémon Go auch Spieler auf Friedhöfen auf die mobile Jagd gingen, habe manche Verwaltung nicht negativ bewertet: "Auf einmal kamen junge Leute auf die Friedhöfe", sagt Albrecht. Solange andere Besucher dadurch nicht gestört würden, sei die Modernisierung unproblematisch: "Sich der technischen Entwicklung zu verweigern, ist weltfremd."

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