Trauer und Wut in Genua | Europa | DW | 18.08.2018
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Unglück in Italien

Trauer und Wut in Genua

Die Trauerfeier in Genua für die Opfer des Brückeneinsturzes wird zur Szene stiller Besinnung. Doch viele Menschen äußern auch ihren Zorn über die Politik. Viele blicken voller Skepsis auf den Staat, in dem sie leben.

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Italien trauert um die Opfer von Genua

Samstagmorgen in Genua: die Geschäfte sind geschlossen, in vielen Fenstern hängen Bilder einer schwarzen Schleife. Schilder verkünden den Kunden, die Angestellten der Geschäfte würden sich den Tausenden anschließen, die sich auf der Pizzale John Fitzgerald Kennedy treffen - dort findet die öffentliche Trauerfeier für die Opfer statt, die durch den Einbruch des Ponte Morandi Mitte dieser Woche gestorben sind.

Stille herrscht, als die Trauernden an den Särgen vorbeimarschieren. Einer der Särge ist in Schals und das Trikot des Fußballvereins Genoa CFC gehüllt. Auch Italiens ältester Fußballverein ist präsent, um seine Aufwartung zu machen. Angereist sind Trauernde aus Österreich und Frankreich, von wo einige der Opfer stammen. Doch insgesamt herrscht eine eher lokale Atmosphäre. Die vielen genuesischen Fahnen vermitteln den Endruck, als habe es eine unheilvolle Verschwörung gegen die Menschen der Stadt gegeben.

Italien Genua Trauerfeier (DW/E. Schumacher)

Symbol der Trauer: die schwarze Schleife

Applaus für Feuerwehrleute, Pfiffe für Politiker

Als die Feuerwehrleute und Rettungskräfte auf den Platz marschieren, durchbricht Applaus die Stille. Hunderte von ihnen sind aus dem ganzen Land gekommen, um bei den Aufräumarbeiten zu helfen. Und Immer noch graben die Helfer Leichname aus den Trümmern.

Als hingegen die ersten Politiker den Platz betreten, kommen Buhrufe auf. Ein Mann ärgert sich, dass sein Nachbar Matteo Salvini applaudiert, dem Innenminister und Führer der rechtspopulistischen Lega Nord. Darüber kommt es fast zum Streit. Ungeteilten Applaus erhält einzig Präsident Sergio Mattarella, als er unterwegs stoppt, um mit Angehörigen der Toten zu sprechen.

Wut auf die Regierung

"Niemand ist überrascht", sagt die 34-jährige Silvia, die ihr ganzes Leben in Genua verbracht hat und einen riesigen Strauß weißer Rosen trägt. "Die Zentralregierung wird die Brückengesellschaft zum Sündenbock machen. Und die wiederum wird einen anderen Sündenbock suchen. Dabei sind sie alle schuld. Wir alle wissen, wie schlecht die Infrastruktur in Italien ist."

Auf die Frage, warum sie die Trauerfeier nicht boykottiert, wie es die Familien von 17 Opfern tun, erklärt sie, sie sei hier um die Rettungsdienste zu unterstützen - und die Familien. Und wir unterstützen einander."

	Italien Genua | Einsturz Autobahnbrücke Morandi l Trauerfeier (Reuters/M. Pinca)

Abschied: Szene von der Trauerfeier

Seit langer Zeit schon schauen die Italiener mit Argwohn auf die Behörden und Institutionen ihres Landes. Nach einer endlosen Reihe von Korruptionsfällen und Jahren politischer Stagnation sehen die Italiener auf der Regierungsbank wenig vertrauenswürdige Akteure, die vor allem damit beschäftigt sind, ihre Bürgern mit trickreichen Manövern einzulullen. Die Tragödie der Ponte Morandi scheint diesen Verdacht einmal mehr zu bestätigen."

"Politik ist in Italien stark", sagt Gianluca, "allerdings nicht für die Menschen." In den Augen der 55-Jährigen ist der Zusammenbruch der Brücke nur die bislang letzte Station einer langen Reihe von Enttäuschungen, für die Politiker verantwortlich sind.

"Das Mindeste, was wir tun können"

Auf der anderen Seite der Stadt, im Schatten der zerstörten Brücke, zeigt sich, dass Katastrophen auch lichte Seiten haben. Italienische Pfadfinder reichen den Feuerwehrleuten und Sanitätern Essen, Wasser und Kaffee. Diese haben ihrerseits die ganze Nacht durchgearbeitet, um die Trümmer zu beseitigen und nach möglicherweise noch unter den Trümmern begrabenen Menschen Ausschau zu halten.

Italien Genua | Einsturz Autobahnbrücke Morandi | Rettungsarbeiten (Getty Images/AFP/M. Bertorello)

Trümmerlandschaft: Aufräumarbeiten an der eingestürzten Brücke

"Das ist das Mindeste, was wir für unsere Stadt tun können", sagt Stefano, ein junger Pfadfinder. Er habe nun Angst über die vielen bröckelnden Brücken zu fahren, die sich über Genua spannen. Sie sind der einzige Weg in oder aus der von Alpen und Mittelmeer umgeben Stadt. Wie viele Genoveser wünscht er sich, dass die Stadt wieder für ihre Schönheit berühmt wird - und nicht für ihre Nähe zu Tod und krimineller Nachlässigkeit.

Nicht Schuld Gottes, sondern der Menschen

Wie die meisten Katastrophen wird der Zusammenbruch von Ponte Morandi vermutlich auch in Genua die ärmsten Bewohner am härtesten treffen. Hunderte mussten bereits ihre Häuser im Stadtteil Sampierdarena verlassen, einem Industriegebiet, in dem viele Einwanderer in Hochhäusern leben. Diejenigen, die keine Freunde und Familie bei sich haben, wurden in Notunterkünfte gebracht. Zwar hat Ministerpräsident Giuseppe Conte erklärt, die Suche nach dauerhaften Unterkünften habe für die Regierung oberste Priorität. Doch noch weiß niemand, wann die Menschen wo untergebracht werden.

Ein Mann mittleren Alters berichtet, dass auch er gezwungen gewesen sei, sein Haus zu verlassen. "Alle sagen, wir seien wie die Menschen in Amatrice, die vor zwei Jahren Opfer eines Erdbebens wurden", sagt er sichtlich aufgebracht. "Aber ein Erdbeben ist eine Tat Gottes. Dieses Unglück hier entspringt der Untätigkeit der Menschen."

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