Einige Familien wollen Trauerfeier in Genua boykottieren | Aktuell Europa | DW | 17.08.2018
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Brückeneinsturz

Einige Familien wollen Trauerfeier in Genua boykottieren

In die Trauer um die Opfer des Brückeneinsturzes von Genua mischt sich verstärkt Wut auf die Regierung: Von den Hinterbliebenen-Familien der 38 Todesopfer wollen 17 den staatlichen Trauerakt am Samstag boykottieren.

Wie die Tageszeitung "La Stampa" berichtet, sind sieben weitere Familien noch unentschieden, ob sie an der Trauerzeremonie in der größten Messehalle der Stadt teilnehmen. "Der Staat ist schuld. Die sollen bloß wegbleiben", sagte Nunzia, die Mutter eines getöteten Jugendlichen. Die "Parade der Politiker" am Unglücksort sei "beschämend". "Mein Sohn wird keine Nummer auf der Liste der Toten, die durch die italienischen Versäumnisse provoziert werden", erklärte Roberto, Vater eines anderen Jungen. "Wir wollen keine Trauer-Farce, sondern eine Zeremonie zuhause, in unserer Kirche in Torre del Greco."

Geleitet wird die als Staatsakt deklarierte Trauerfeier von Kardinal Angelo Bagnasco, dem Erzbischof der Hafenstadt. Erwartet werden neben Staatspräsident Sergio Mattarella auch Ministerpräsident Giuseppe Conte und andere Regierungsmitglieder. In der Halle standen am Freitag bereits mehrere Särge von Unglücksopfern, umringt von weinenden und betenden Hinterbliebenen.

Samstag ist Trauertag

Conte hat den Samstag zu einem Staatstrauertag erklärt. An allen Flughäfen des Landes soll es um 11.30 Uhr eine Schweigeminute geben. Zwischen 22.00 und 23.00 Uhr gehen am Kolosseum ebenso wie am Trevibrunnen und dem Rathaus auf dem Kapitol die Lichter aus, die diese historischen Bauwerke in Rom gewöhnlich nachts anleuchten. In der italienischen Fußballliga werden zum Saisonauftakt die Spiele der beiden Erstligisten aus Sampdoria und CFC Genua verschoben. Als Zeichen der Solidarität mit Italien lässt die EU-Kommission am Samstag vor ihren Gebäuden halbmast flaggen.

Trotz schwindender Hoffnungen auf weitere Überlebende setzten hunderte Helfer an der Unglücksstelle die Suche fort. Laut Staatsanwaltschaft werden in den Trümmerhaufen noch mindestens zehn Menschen vermisst. Die offizielle Opferzahl liegt weiter bei 38 Toten und 15 Verletzten. Zehn Menschen befinden sich noch im Krankenhaus, sechs von ihnen in einem ernsten Zustand. Die vierspurige Morandi-Brücke im Westen von Genua war am Dienstag auf einer Länge von mehr als 200 Metern eingestürzt. Lastwagen und Autos stürzten rund 45 Meter in die Tiefe und wurden teils unter Betontrümmern begraben.

Italien Einsturz Autobahnbrücke Morandi in Genua (picture-alliance/dpa/L. Zennaro)

Die Aufräumarbeiten am Unglücksort in Genua gehen unvermindert weiter

Weitere Schuldzuweisungen

Unterdessen beherrscht die heftige Kontroverse zwischen Regierung und Autobahnbetreiber Autostrade per l'Italia die Berichterstattung in Italien. Die Regierung in Rom macht das Privatunternehmen für das Unglück verantwortlich und will ihm die Lizenz entziehen. Die Firma betreibt die A10, zu der die eingestürzte Brücke gehört. Das Verkehrsministerium forderte die Firma auf, binnen 15 Tagen nachzuweisen, dass sie all ihren Instandhaltungspflichten nachgekommen sei. Die Gesellschaft müsse außerdem bestätigen, dass sie den Viadukt auf eigene Kosten vollständig wiederaufbauen werde. Autostrade per l'Italia weist die Vorwürfe zurück. Die Brücke sei vorschriftsmäßig vierteljährlich überprüft worden. Außerdem seien zusätzliche Tests mittels hochspezialisierter Geräte erfolgt.

Mit Autostrade per l'Italia geriet auch deren wichtigster Anteilseigner, der Benetton-Clan, ins Visier der Regierungsparteien. 30,25 Prozent hält die Benetton-Familie am Autostrade-Mutterkonzern Atlantia, der im vergangenen Jahr einen Nettogewinn von mehr als einer Milliarde Euro und einen Umsatz von knapp sechs Milliarden Euro verbuchte. Die Familie gelangte vor allem mit ihrer in den 1960er Jahren gegründeten Modemarke zu großem Reichtum.

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Genua: Verkehrsknotenpunkt lahmgelegt

Tragseil gerissen?

Der Einsturz der Brücke wurde möglicherweise durch den Riss eines Tragseils verursacht. Darauf deuten erste, vorsichtige Experteneinschätzungen und Zeugenaussagen hin. Die Zeitung "La Repubblica" zitierte Augenzeugen, die gesehen hätten, wie die Spannseile nachgaben. Das in Rom erscheinende Blatt berichtete außerdem, dass eine Studie des Polytechnikums Mailand schon 2017 Schwächen an den Seilen entdeckt habe. Der vierspurige, etwa 1200 Meter lange Polcevera-Viadukt setzt sich aus drei Einzelbrücken zusammen, von denen eine am Dienstag einstürzte. Die von den Pylonen zum Fahrbahnträger reichenden Stahlseile sind in eine Betonummantelung eingeschlossen. Diese soll vor Korrosion schützen.

kle/stu (afp, dpa, kna, rtr)

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