Tausend Stiche: Sanktionen lassen Russland bluten | Europa | DW | 02.03.2022
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Folgen der Sanktionen

Tausend Stiche: Sanktionen lassen Russland bluten

Westliche Sanktionen, eingeführt als Reaktion auf Russlands Krieg gegen die Ukraine, treffen das Land härter denn je. Ob Eliten oder einfache Bürger - alle sind betroffen. Manche Branchen stehen am Abgrund.

Eine Woche nach dem russischen Überfall auf die Ukraine hat sich das Leben in Russland radikal verändert. Beispiellose westliche Sanktionen haben kaum eine Branche ausgelassen: Finanzen, Verkehr, Reisen, Kultur, Sport. Täglich kommen neue Maßnahmen, man verliert leicht den Überblick. Es wirkt wie die sogenannte Strategie der tausend Nadelstiche, die die russische Wirtschaft bereits jetzt stark bluten lässt. Nur sind es keine Stiche, sondern Schockwellen. 

Der Rubel hat in wenigen Tagen rund ein Drittel seines Wertes verloren, es gibt Berichte über Schlangen vor Bankautomaten und Probleme mit Kartenzahlungen oder Bezahlsystemen wie Google Pay oder Apple Pay. Haushaltsgeräte, aber auch westliche Kleidung und Schuhe drohen wie zu Sowjetzeiten Mangelware zu werden. Manche Experten rechnen bereits für dieses Jahr mit einem Wirtschaftseinbruch im zweistelligen Bereich, sollte sich der bisherige Trend fortsetzen. 

Russland hat sich vorbereitet

Noch ist es nicht soweit. Der Kreml gibt Probleme zu und verbreitet Optimismus: "Natürlich spürt die Wirtschaft Russlands starken Druck, starken Schlag, doch es gibt Widerstandspotenzial, es gibt Pläne, es wird energisch gegengesteuert. Sie fällt nicht um", sagte Dmitri Peskow, der Sprecher des Präsidenten Wladimir Putin. Die Grundhaltung der Staatsführung: Die Lage auf den Märkten werde sich bald entspannen. 

Russland Moskau Warteschlange vor Geldautomat

Menschen in Moskau stehen in Schlange vor einem Geldautomaten, um Bargeld abzuheben

Spätestens seit der Krim-Annexion 2014 hat sich Russland an wirtschaftliche Sanktionen des Westens angepasst. Schon damals wurde ein beschönigender Begriff dafür gefunden. Anstatt von "Sanktionen" sprechen russische Medien lieber von einer "neuen wirtschaftlichen Realität". Doch jetzt ist der Schlag deutlich massiver. Neu ist jetzt ein de facto Krisenzentrum mit dem Ministerpräsidenten Michail Mischustin an der Spitze, das sich bemüht, die Turbulenzen unter Kontrolle zu halten.

Überflugverbote für russische Flugzeuge treffen die russische Luftfahrt sehr hart. Auch Reiseunternehmen berichten von einem Rückgang der Buchungen um bis zu 70 Prozent. Die Russen, die es doch zum Traumstrand schaffen, müssen viel Geld in bar dabei haben. Ein Beispiel. Hintergrund ist der Ausschluss einiger russischer Banken vom Zahlungssystem SWIFT. So bedienen drei Krankenhäuser in Thailand russische Touristen nur noch gegen Cash. Und was den Heimflug angeht, dürfte dies auch nicht mehr so ohne weiteres möglich sein. 

Russische Zentralbank

Die russische Zentralbank verdoppelte den Leitzins auf 20 Prozent

Wie erwartet reagierte die russische Zentralbank auf den Absturz des Rubel und verdoppelte den Leitzins auf 20 Prozent, um der Abwertungs- und Teuerungsspirale entgegenzuwirken. Doch auch die Zentralbank selbst steht unter nie dagewesenem Druck und scheint überrascht von der westlichen Entscheidung, zwei Drittel ihrer Reserven faktisch einzufrieren. Bankchefin Elwira Nabiullina soll laut Nachrichtenagentur Reuters in einem Video für Mitarbeiter gesagt haben, man habe auf ein milderes Szenario gehofft.

Mittelschicht am stärksten betroffen

Am stärksten sei die Mittelschicht wegen der Krise besorgt, schreibt die Wirtschaftszeitung "Vedomosti". Einige Moskauer Restaurants haben in diesen Tagen rund 60 Prozent weniger Besucher. Doch spüren werden die Sanktionen alle Bürger und nicht nur die Mittelschicht. "Früher haben Russen die Sanktionen als eine Art 'Bestrafung der Eliten' wahrgenommen. Jetzt kommt die Erkenntnis, dass jeder dran sein wird", zitiert die Zeitung einen Psychologen. Sergej Utkin, ein bekannter Moskauer Wirtschaftsexperte, warnt in der Zeitung "Kommersant" vor "gigantischen wirtschaftlichen Verlusten und einer Zerstörung der Lebensweise ganzer Gesellschaftsschichten". Das alles sei Folge des Ukraine-Feldzugs.                 

Womit in Russland offenbar kaum jemand gerechnet hat sind Sanktionen in Bereichen Sport und Kultur. Immer mehr russische Mannschaften werden von der Teilnahme an Wettbewerben ausgeschlossen. Sportereignisse wie das Champions League Finale in St. Petersburg werden verlegt, es entstehen Verluste in Millionenhöhe für das örtliche Gastgewerbe.

Russischen Kinos droht Massensterben

Russische Künstler wie der Stardirigent Walerij Gergiew, ein Anhänger von Präsident Putin, verlieren ihr Engagement im Westen. Doch eine Branche trifft es besonders hart: das Kino. Wenn am Donnerstag die neue Auflage des Hollywood-Blockbusters "The Batman" weltweit auf die Leinwände kommt, schaut Russland zum ersten mal seit Jahrzehnten in die Röhre. Es ist eine von drei wichtigsten Premieren dieses Jahres, die US-Produzenten in Russland abgesetzt haben. Die Folge: Die Kinobetreiber rechnen mit einem Verlust von bis zu 70 Prozent ihrer Einkünfte. Mit westlichen Filmen konnten sie früher mehr als drei Viertel ihrer Umsätze machen. Sollte die Lage bis Mai nicht besser werden, rechnen Experten mit einem Massensterben der Kinos in Russland.

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