Tankerexplosionen im Golf – Wie die USA den Iran belasten | Nahost | DW | 21.06.2019
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Tankerexplosionen im Golf – Wie die USA den Iran belasten

Für die US-Regierung steht fest, dass der Iran für die Explosionen auf zwei Öltankern im Golf von Oman verantwortlich ist. Als Beweise wurden bisher ein Video und 13 Fotos veröffentlicht. Was sagen sie aus?

Golf von Oman | Angriff auf Tanker Kokuka Courageous (US Department of Defense)

Dieses Foto soll nach US-Angaben ein Gashti-Patrouillenboot der iranischen Revolutionsgarden beim Entfernen einer Haftmine am Tanker "Kokuka Courageous" zeigen

Wie ernst die Lage in der Golfregion gerade ist, zeigt der Abschuss einer US-Drohne durch den Iran. Offenbar erwogen die USA danach kurzfristig einen Vergeltungsschlag. Das Säbelrasseln wird immer lauter, seit es am 13. Juni auf den beiden Öltankern "Front Altair" aus Norwegen und "Kokuka Courageous" aus Japan mehrere Explosionen gab. Die US-Regierung hatte noch am gleichen Tag den Iran beschuldigt, die Tanker kurz hinter der Straße von Hormus im Golf von Oman angegriffen zu haben – mit Haftminen. Der Iran bestreitet die Vorwürfe.

Befragte Militärexperten betonen, dass das Anbringen und Entfernen von Haftminen an Schiffen risikoreich ist und eine große Expertise verlangt. Die Sprengkörper werden mit Magneten an Schiffen befestigt – meistens unterhalb der Wasserlinie. Das Loch, das die Explosion in den Rumpf der "Kokuka Courageous" gerissen hat, liegt nach US-Angaben gut einen Meter oberhalb der Wasserlinie. Die amerikanische Beweisführung gegen den Iran konzentriert sich auf dieses Schiff.

Video ansehen 00:32

Pompeo: Iran steckt hinter Angriffen

Auffällig ist in diesem Zusammenhang eine abweichende Darstellung des Chefs der japanischen Reederei, die den Tanker besitzt: Yutaka Katada erklärte am 14. Juni vor der Presse, dass Mitglieder der Crew gesehen hätten, wie vor der Explosion etwas auf den Tanker zugeflogen sei.

Dieser Widerspruch ist bis heute nicht geklärt. "Es gibt ganz klar mehr Informationen, die geteilt werden könnten. Indem sie es nicht tun, schaden sich die USA selber, und es sieht so aus, als gäbe es etwas zu verbergen", betont Eliot Higgins vom investigativen Recherchenetzwerk Bellingcat gegenüber der Deutschen Welle.

Auch in Deutschland haben viele politische Beobachter nicht vergessen, dass die USA den Angriff auf den Irak im Jahr 2003 mit gefälschtem Bildmaterial gerechtfertigt haben. Umso wichtiger ist die Auseinandersetzung mit den bisher von den USA veröffentlichten Indizien.

Erste US-Veröffentlichung: Ein Video und zwei Fotos

Noch am Abend des 13. Juni, um 22:20 Uhr Ortszeit, veröffentlichte das US Central Command (CENTCOM) in Tampa, Florida, ein grobkörniges Schwarz-Weiß-Video – unter anderem auf der eigenen Online-Seite, auf der Seite der US Navy und auf YouTube.

Der Clip ist eine Minute und 39 Sekunden lang und soll nach US-Angaben zeigen, wie sich die Besatzung eines Patrouillenbootes der iranischen Revolutionsgarden an der Bordwand der "Kokuka Courageous" zu schaffen macht, um eine nicht explodierte Haftmine zu entfernen.

Tatsächlich sieht man schemenhaft einige Männer in Schwimmwesten, von denen sich gleich zu Beginn des Videos einer an der Bordwand eines großen Tankers hochreckt. Doch die Aufnahme ist extrem unscharf, wackelig und aus mehreren Situationen zusammengeschnitten. Der Clip zeigt keine durchgehende Handlung. Wann und wie das Video entstanden ist, bleibt ebenfalls unklar.

Zusätzlich zum Video veröffentlichte das CENTCOM zwei bearbeitete Fotos, die den Tanker "Kokuka Courageous" im Seitenprofil aus der Distanz zeigen. Zwei rote Pfeile deuten prominent auf ein großes Loch in der hinteren Bordwand und auf eine Ausstülpung in der Schiffsmitte. Sie ist nur schemenhaft zu erkennen und hat eine rundlich-zylindrische Form.

Nach US-Angaben soll es die nicht explodierte Haftmine sein, deren Entfernung das Video beweisen soll. Die beiden Fotos sind mit dem Quellenhinweis "USS Bainbridge (DDG 96)" versehen. Der Zerstörer der US-Marine ist derzeit in der Region im Einsatz und hat am 13. Juni auch die 21 Besatzungsmitglieder der "Kokuna Courageous" aufgenommen, die zuvor vom niederländischen Schiff "Coastal Ace" gerettet worden waren.

Es ist davon auszugehen, dass die Seemänner ausgiebig befragt worden sind. Doch nichts davon ist bisher an die Öffentlichkeit gedrungen.

Analyse der mutmaßlichen Beweise

Über Schiffstracking-Tools wie marinetraffic.com lässt sich der Tanker lokalisieren und seine Route durch die Straße von Hormus verfolgen. Er war zum Zeitpunkt der Explosion vor der Küste Irans unterwegs. Ein detaillierter Abgleich mit älteren Fotos des Tankers beweist, dass im US-Video die "Kokuka Courageous" zu sehen ist.

Öffentlich zugängliche Fotos deuten außerdem darauf hin, dass das kleinere Schiff an der Seite des Öltankers mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ein Schnellboot vom Typ Gashti ist, wie es der Iran einsetzt. Doch die Personen, die auf dem Boot zu sehen sind, lassen sich nicht identifizieren. Was sie genau tun, ist nicht zu erkennen. Auch Ort und Zeitpunkt der Aufnahme können nicht verifiziert werden.

Video ansehen 02:03

Konflikt zwischen USA und Iran

Eliot Higgins, Gründer des britischen Recherchenetzwerks Bellingcat, vermutet eine bewusste Unterlassung. Die Fotos zeigten, "wie die Iraner ein Objekt von der Seite des Schiffes entfernen, angeblich die Haftmine, aber sie zeigen nicht ein einziges klares Bild des Objekts selbst". Tatsächlich beginnt das Videomaterial genau an der Stelle, an der das fragliche Objekt offenbar entfernt wird – jedoch meistens verdeckt durch die Männer an Bord. "Warum also zeigen die USA nicht Material aus den Sekunden zuvor, wenn das Objekt nicht verdeckt ist", fragt sich Higgins.

Pentagon legt nach - elf neue Fotos

Die Veröffentlichung des Videos und der beiden Fotos hatte unter den westlichen Partnern nicht den gewünschten Effekt. Seit dem einseitigen Ausstieg der Amerikaner aus dem iranischen Atomabkommen bemühen sich vor allem die Europäer um Dialog mit Teheran. Außer den USA beschuldigt nur die britische Regierung den Iran offen, die beiden Öltanker angegriffen zu haben.

Am 17. Juni wandte sich das US-Verteidigungsministerium direkt an die Medien. Das neue Pressepaket des Pentagon umfasst elf Farbfotos und ein Word-Dokument mit ausführlichen Beschreibungen der Bilder. Außerdem enthält es eine Zeitleiste im PDF-Format, die in knapper, militärischer Sprache die Ereignisse vom 13. Juni 2019 im Golf von Oman rekonstruiert.

Die Fotos haben eine deutlich bessere Qualität als das Video und zeigen Details in Nahaufnahme. Eines der Bilder, aufgenommen mit einer Canon EOS 80D, soll "Überreste" der entfernten Haftmine zeigen: Das Objekt sieht aus wie ein Magnethalter. Zu erkennen ist auch ein runder Kranz von Abdrücken, der darauf schließen lässt, dass früher noch mehr solcher Magnethalter an der Bordwand hafteten. Doch ist es die Bordwand der "Kokuka Courageous"? Das lässt sich anhand des Fotos nicht zweifelsfrei verifizieren. Außerdem: Warum wurden offenbar alle Magnete bis auf diesen einen entfernt?

Golf von Oman | Angriff auf Tanker Kokuka Courageous (US Department of Defense)

Handelt es sich bei dem grünen Objekt um einen Magneten, der zu einer iranischen Haftmine gehört? Die auffälligen Abdrucke lassen vermuten, dass zuvor noch mehr solcher Magnete an dieser Wand klebten

Inzwischen hat die US-Marine die Überreste der mutmaßlichen Haftmine geborgen und im Hafen des Emirats Fudschairah der Öffentlichkeit präsentiert. Die Teile hätten eine "auffällige Ähnlichkeit" mit Minen, wie sie der Iran einsetze. Auch das Loch in der Bordwand passe zu einer Minenexplosion und nicht zum Einschlag eines fliegenden Objekts, erklärte US-Kommandeur Sean Kido.

Eine weitere, sehr klare Luftaufnahme soll das Schnellboot der iranischen Revolutionsgarden nach der Entfernung der Haftmine zeigen. An Bord zu sehen sind neun Männer in Uniform. Alle bis auf zwei tragen orangefarbene Schwimmwesten. Ihre schlichten Uniformen haben eine dunkel-olivgrüne Farbe. Wenn man im Netz nach Bildern der iranischen Revolutionsgarden sucht, findet man vergleichbare Uniformen. Es lässt sich zweifelsfrei erkennen, dass es sich um ein Gashti-Patrouillenboot handelt. Aufbauten, Bordbewaffnung und das auffällige Muster in der Bug-Spitze sind identisch. Doch ein Referenzpunkt wie der beschädigte Tanker ist in diesem Bild nicht zu sehen.

Golf von Oman | Angriff auf Tanker Kokuka Courageous (picture-alliance/AP Photo/U.S. Department of Defense)

Die Männer auf dem Patrouillenboot vom Typ Gashti blicken in den Himmel - mutmaßlich zum US-Helikopter, der über ihnen schwebt

Nach Informationen des Pentagon wurden fünf der elf Bilder aus einem Helikopter aufgenommen. In drei Fällen stimmen Winkel und Ausschnitt der Fotos mit dem Video überein. Das legt den Schluss nahe, dass vermutlich auch das Video aus einem Helikopter aufgezeichnet wurde.

Helikopter wie der "Seahawk" gehören zur Ausstattung der "USS Bainbridge (DDG 96)". Aus der mitgelieferten Zeitleiste des Pentagon geht hervor, dass der Zerstörer am 13. Juni "konstant" das Treiben rund um den Tanker "Kokuka Courageous" beobachtet hat: zwischen 09:20 und 14:15 Uhr (Weltzeit/UCT). Diese stundenlange Überwachung legt nahe, dass es weitaus mehr Material gibt, als bisher veröffentlicht worden ist.

Erneute Bewertung der mutmaßlichen Beweise

Die USA präsentieren mit dem Video und den insgesamt 13 Fotos eine Indizienkette, die Bundeskanzlerin Angela Merkel am 18. Juni mit diesen Worten kommentiert hat: "Wir nehmen diese Ausführungen sehr ernst, und es gibt auch hohe Evidenzen."

Doch keines der bisher vorgelegten Fotos der "Kokuka Courageous" zeigt eine Haftmine. Keines zeigt das Anbringen einer Haftmine durch iranische Soldaten. Bis heute fehlt der eindeutige und unabhängig verifizierbare Beweis, dass die beiden Tanker am 13. Juni kurz hinter der Straße von Hormus tatsächlich mit Haftminen attackiert wurden und dass der Iran dafür verantwortlich ist.

Zum Zeitpunkt der Explosionen am frühen Morgen des 13. Juni lag zwischen den beiden Tankern eine Distanz von zehn nautischen Meilen. Die norwegische "Front Altair" setzte zuerst einen Notruf ab. An Bord brach ein großes Feuer aus. Doch in der US-Beweisführung spielt der Vorfall auf diesem Tanker überhaupt keine Rolle.

Golf von Oman Öltanker Front Altair (picture-alliance/AP Photo/ISNA)

13. Juni 2019 - der brennende Öltanker Front Altair

Es waren nachweislich mehrere iranische Boote in der Nähe der beiden Tanker im Golf von Oman. Eines nahm am 13. Juni die Crew des brennenden Tankers "Front Altair" an Bord, die zuvor vom britischen Frachtschiff "Hyundai Dubai" gerettet worden war. Doch der Iran selber hat sich bisher auf Verbalattacken beschränkt und nichts zur Aufklärung der Explosionen beigetragen. Außenminister Javad Zarif spricht auf Twitter pauschal von "sabotierender Diplomatie" und wirft den USA Kriegstreiberei vor.

Es steht Aussage gegen Aussage. Eine eindeutige Schuldzuweisung ist ohne eine unabhängige Prüfung und eindeutige Beweise nicht möglich. Schon am 12. Mai hatten vier Schiffe in der Nähe der Straße von Hormus Schäden durch Explosionen gemeldet. Schon damals erhoben die USA und ihre arabischen Verbündeten Vorwürfe gegen den Iran. Durch die Meerenge läuft etwa ein Drittel des weltweiten Öl-Transports per Schiff.

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