Türkischer ″Angriff auf die Pressefreiheit″ | Aktuell Welt | DW | 07.09.2016
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Medien

Türkischer "Angriff auf die Pressefreiheit"

Die Konfiszierung von DW-Videomaterial durch die Türkei sorgt für Empörung in Deutschland. Ein Interview mit Minister Kilic kann die Deutsche Welle nicht senden. Ein "echter Skandal", meint nicht nur Intendant Limbourg.

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Die Türkei und die Pressefreiheit - Interview mit Christian Mihr (Reporter ohne Grenzen)

Das DW-Fernsehformat "Conflict Zone" ist bekannt für seinen konfrontativen Stil - unbequeme Fragen und hartnäckiges Nachfassen sind die Markenzeichen der Sendung. Doch dem türkischen Minister für Jugend und Sport, Akif Cagatay Kilic, wurden die Fragen von Moderator Michel Friedman wohl zu unbequem.

"Kein Kuschelinterview"

Rückblick: Friedman hatte dem Minister in Ankara am Montagabend Fragen zum vereitelten Putschversuch im Juli, zu den danach erfolgten Massenentlassungen und Verhaftungen, zur prekären Lage der Presse in der Türkei sowie zur Stellung der Frau in der türkischen Gesellschaft gestellt. Der 1976 in Deutschland geborene Kilic wurde im Verlauf des Interviews auch gebeten, einige Zitate von Staatschef Recep Tayyip Erdogan zu diesen Themen zu erläutern.

Nachdem Kilic nach Abschluss der Dreharbeiten den Raum verlassen hatte, teilte sein Pressesprecher überraschend mit, dass die DW das Interview nicht senden dürfe. Friedman und seine Redaktionskollegin protestierten dagegen, woraufhin das Videomaterial von Mitarbeitern des türkischen Sportministeriums konfisziert wurde. Dies geschah "unter unmissverständlichem Druck", wie DW-Sprecher Christoph Jumpelt erklärte.

Intendant Peter Limbourg sprach von einem "echten Skandal", den die Deutsche Welle nicht hinnehmen könne. Friedman habe sicherlich "kein Kuschelinterview" geführt, "aber die türkische Seite kannte das Format, sie kannte die Themen". Er könne sich die Konfiszierung der Aufnahmen "nur mit einer sehr hohen Nervosität und einem Abdriften in Richtung Diktatur" erklären. Limbourgs Forderung nach Herausgabe des Videomaterials kam die Türkei bisher nicht nach.

Ein Fall für Steinmeier?

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) rief Außenminister Frank-Walter Steinmeier auf, sich in den Fall einzuschalten. "Das ist der schwerstmögliche Angriff auf die Pressefreiheit, wie wir ihn nur aus Diktaturen kennen", erklärte der DJV-Bundesvorsitzende Frank Überall. Es sei unverzichtbar, dass das Auswärtige Amt in dieser Sache aktiv werde.

Kritik am Umgang mit dem "Conflict Zone"-Team kam auch von den oppositionellen Grünen und Linken im Bundestag. Grünen-Parteichef Cem Özdemir, der selbst türkische Wurzeln hat, machte per Twitter deutlich, dass nach seiner Ansicht die Bundesregierung handeln sollte.

"Schlichtweg abenteuerlich"

Kilic selbst bestritt inzwischen, dass das DW-Videomaterial überhaupt beschlagnahmt worden sei. Solche Berichte entsprächen nicht der Wahrheit, teilte der Minister via Twitter mit. Man habe lediglich gefordert, das Interview nicht auszustrahlen. Die Deutsche Welle müsse diesem Wunsch nach Autorisierung nachkommen, so der 40-Jährige.

DW-Sprecher Jumpelt bezeichnete Kilics Darstellung als "schlichtweg abenteuerlich". "Wenn das Videomaterial nicht unrechtmäßig konfisziert worden wäre, hätte die DW das Material noch und könnte die Sendung wie geplant ausstrahlen." Und er stellte klar: "Eine Abnahme des Interviews stand vor und während der Aufzeichnung nie zur Debatte."

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