Türkei: Inflation trotz Rekordwachstum | Europa | DW | 17.09.2021
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Steigende Lebensmittelpreise

Türkei: Inflation trotz Rekordwachstum

Die türkische Wirtschaft ist dieses Jahr stark gewachsen. Doch der einfachen Bevölkerung bringt das kaum etwas. Die Preise für Grundnahrungsmittel steigen weiter. Mit ungewöhnlichen Methoden steuert Erdogan gegen.

Seit Herbst 2018 ist es stets das gleiche Bild: Die türkische Lira befindet sich im Sinkflug, die Arbeitslosigkeit auf Rekordhoch, die Lösungsansätze der türkischen Regierung, sowohl in der Wirtschafts- als auch in der Geldpolitik, laufen ins Leere. Doch nun macht die türkische Wirtschaft wieder positive Schlagzeilen. Nach Angaben des türkischen Statistikinstituts (TÜiK) ist die türkische Wirtschaft im zweiten Quartal 2021 um 21,7 Prozent gewachsen - die höchste Wachstumsrate seit 1999.

Ceyhun Elgin, Wirtschaftswissenschaftler an der Boğaziçi-Universität in Istanbul, findet, dass man diesen Trend jedoch nicht überbewerten sollte.

Türkei Fotoreportage Wirtschaft

Auf den türkischen Gemüsemärkten schwanken die Preise enorm

Schließlich dürfe man nicht aus Augen verlieren, dass im Jahr vor dem Wachstumsrekord die Wirtschaft noch um 10,4 Prozent geschrumpft sei. "Das war die Zeit, in der die Schließungsmaßnahmen wegen der Pandemie am intensivsten waren", so Elgin. "Nur weil vergangenes Jahr ein derart starker Rückgang zu verzeichnen war, haben wir nun eine so hohe Wachstumsrate erreichen können."

Grundnahrungsmittel als Luxusware

Hinzu kommt, dass der Aufschwung der türkischen Wirtschaft nicht im Geldbeutel der türkischen Bevölkerung ankommt. Die hohe Inflationsrate von durchschnittlich fast 20 Prozent macht sich besonders bei Lebensmitteln bemerkbar, deren Preise in den letzten Monaten exorbitant in die Höhe geschossen sind. Bei Gurken beispielsweise müssen Käufer zur Zeit 56 Prozent mehr bezahlen als noch im August.

Infografik Lebensmittel Türkei DE

Die gestiegenen Preise für Grundnahrungsmittel wie Gemüse, Obst, Eier, Öl oder Milch sind für die Bevölkerung schon seit Langem eine große Belastung. Nun steuert die türkische Regierung mit unorthodoxen Methoden gegen. In einem Amtsblatt kündigte der Präsidentenpalast an, die Einfuhrzölle für acht Getreidesorten und Hülsenfrüchte bis zum Jahresende vollkommen aufzuheben. Die Entscheidung wurde getroffen, um den "pandemiebedingten Anstieg der Preise von Getreide und Hülsenfrüchten zu verhindern und die Inlandsmarktpreise auf einem vernünftigen Niveau zu halten".

Preisschwankungen selbstverschuldet?

Die Regierung macht den heißen Sommer mit seinen Dürreperioden sowie die Corona-Pandemie dafür verantwortlich, dass Lebensmittel so teuer geworden sind. Viele Landwirte kritisieren hingegen, dass die türkische Agrarwirtschaft gar nicht erst vom Weltmarkt abhängig sein sollte. Schließlich gebe es in der Türkei perfekte klimatische Bedingungen für eine produktive Landwirtschaft. Dennoch müssen Obst und Gemüse importiert werden.

Oft wird also die islamisch-konservative AKP-Regierung dafür kritisiert, über Jahre hinweg zu wenig in den Agrarsektor investiert zu haben.

Prof. Ceyhun Elgin – Ökonom Boğaziçi Universität in Istanbul

Die Produktion muss gesteigert werden, meint Wirtschaftsprofessor Elgin

"Wer nicht genug produziert, ist eben zu Importen verdammt", kritisiert auch der Journalist und Landwirtschaftsexperte Ali Ekber Yildirim. "Es ist nicht akzeptabel, in einem Land wie der Türkei eine inflationäre Preisentwicklung bei Lebensmitteln zu haben. Mittel- und langfristig ist es notwendig, die Landwirtschaft zu unterstützen und daran zu arbeiten, die Produktion zu steigern. Aber leider trifft diese Regierung Entscheidungen, die die türkischen Bauern eher von der Landwirtschaft entfremdet", so der Journalist der in Istanbul erscheinenden Zeitung Dünya.

"Konsumenten geben immer mehr Geld für Essen aus"

Auch Orhan Saribal, Chefberater für Agrarpolitik des CHP-Vorsitzenden Kemal Kılıçdaroğlu, übt heftige Kritik an der Regierung. "Die Ernährungssouveränität und -sicherheit wurde nun ausländischen Unternehmen anvertraut. Unser (landwirtschaftliches) System soll nicht produzieren, sondern importieren. Es ist ein System, mit dem wir unsere Produzenten verlieren und mit dem unsere Konsumenten immer mehr Geld für Essen ausgeben müssen", so Saribal.

Der Ansatz der türkischen Regierung ist auch daher ungewöhnlich, weil es in den meisten Volkswirtschaften üblich ist, dass die Zentralbank in Zeiten der Inflation und der steigenden Verbraucherpreise den Leitzins erhöht. Doch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan gilt als Befürworter eines niedrigen Leitzinses. Der Präsident erhofft sich, dass Kredite so billiger werden, was im Endeffekt das Wirtschaftswachstum ankurbeln soll. Wie sich zeigt, geht diese Rechnung für weite Teile der Bevölkerung jedoch nicht auf.

Mitarbeit von Aram Ekin Duran