Syrien: Beginnt die Aufarbeitung des Massakers von Tadamon?
28. April 2026
Knapp anderthalb Jahre hielt er sich versteckt, nun wurde Amjad Youssef gefasst. Am Freitag vergangener Woche verhafteten die syrischen Behörden den ehemaligen Geheimdienstoffizier nahe der Stadt Hama im Zentrum des Landes und veröffentlichten ein Foto von ihm in gestreifter Gefängniskleidung.
Die Festnahme von Amjad Youssef gilt als einer der bislang wichtigsten Schritte bei der juristischen Aufarbeitung von Verbrechen des syrischen Bürgerkriegs. Youssef wird beschuldigt, eine zentrale Rolle beim Massaker im Damaszener Stadtteil Tadamon gespielt zu haben, bei dem am 16. April 2013 rund 300 Zivilisten ermordet wurden. Ein 2022 publik gewordenes Video zeigt, wie er Gefangene mit verbundenen Augen zu einer Grube führt, sie in diese stolpern lässt und erschießt. Später wurden die Leichname der Opfer verbrannt.
"Es ist selten, dass die Perspektive der Täter so deutlich gezeigt wird", kommentiert Bente Scheller, Syrien-Expertin der Heinrich-Böll-Stiftung, im DW-Gespräch. Die Aufnahmen machten nicht nur die Brutalität des Assad-Regimes sichtbar, sondern auch die Selbstverständlichkeit, mit der sie ausgeübt wurde: "Sie sehen sich als diejenigen, die das tun können, weil sie es tun dürfen." Das erkläre, warum das Massaker viele Syrer bis heute belaste.
"Eines der ersten und größten Massaker"
Nach seiner Festnahme räumte Youssef dem Portal The Syrian Observer zufolgeein, an der Tötung von rund 40 Menschen beteiligt gewesen zu sein. Zugleich erklärte er, ohne direkte Befehle gehandelt zu haben. Diese Darstellung stößt auf Zweifel. Vieles deutet darauf hin, dass die Taten in eine militärische Struktur eingebettet waren. Das Massaker erscheint damit weniger als individuelle Tat denn als Teil organisierter Gewalt.
"Das Massaker von Tadamon war eines der ersten und größten Massaker, die das Assad-Regime während des Krieges verantwortet hat", sagt der Politikwissenschaftler André Bank vom German Institute for Global and Area Studies in Hamburg. Es dokumentiere, wie stark Brutalisierung und Eskalation des Konflikts bereits früh fortgeschritten waren.
Zugleich sei das Massaker bis heute ein Symbol für die Brutalität des Assad-Regimes geblieben. "Es ging damals auch um Propaganda. Das Regime wollte zeigen, dass es übergreifende Macht hat", sagt Bank. Das Massaker habe gezielt abschreckend wirken sollen - gegenüber oppositionellen Gebieten ebenso wie gegenüber der eigenen Bevölkerung. Die Kamera war damit Teil der Gewalt selbst.
"Gewalt als Inszenierung"
Der an der Universität Amsterdam forschende Historiker Ugur Ümit Üngör spielte bei der Aufklärung und Einordnung der Verbrechen eine zentrale Rolle. Gemeinsam mit der syrischen Forscherin Ansar Shahhoud gelang es ihm, die Täter anhand von Videoaufnahmen zu identifizieren und über Jahre hinweg Kontakt zu ihnen aufzubauen.
Ihm zufolge ist das Video nicht nur ein Beweis, sondern ein Schlüssel zum Verständnis des Systems. Die Täter agieren ruhig, arbeitsteilig, beinahe routiniert. Üngör spricht von "Gewalt als Inszenierung". Die Hinrichtungen und ihre Dokumentation hätten ineinandergegriffen. Gleichzeitig seien die Archive solcher Regime lückenhaft: Entscheidende Befehle würden oft nicht schriftlich festgehalten, Verantwortung bewusst fragmentiert.
Diese Perspektive teilt auch das Syrian Network for Human Rights. Die Organisation geht davon aus, dass das Tadamon-Massaker weit mehr Opfer forderte als im Video sichtbar - möglicherweise über 450. Der Fall sei kein isoliertes Verbrechen, sondern Ausdruck eines Gewaltapparats. Eine einzelne Verhaftung könne daher nur ein Anfang sein.
"Selektive Strafverfolgung"
Zugleich verweist der Fall auf ein strukturelles Problem der Aufarbeitung: Selbst dort, wo Beweise außergewöhnlich dicht sind - Videoaufnahmen, Geständnisse, Zeugenaussagen -, bleibt die juristische Übersetzung komplex. Die Frage nach individueller Schuld lässt sich oft klarer beantworten als die nach institutioneller Verantwortung. Gerade hier entscheidet sich jedoch, ob aus Strafverfolgung tatsächlich Aufarbeitung wird.
Gleichwohl wird die Festnahme als bedeutendes Signal gewertet. Sie zeigt, dass zumindest einzelne Täter mit klarer Beweislage zur Rechenschaft gezogen werden können. Doch wie weit dieser Prozess reicht, ist offen. "Es geht hier darum, ein symbolisch sehr wichtiges Exempel zu statuieren", sagt Bank. Gleichzeitig sei die Strafverfolgung bislang "sehr selektiv".
Hinzu kommt, dass die syrischen Behörden parallel erste Verfahren gegen weitere Vertreter des alten Sicherheitsapparats angestoßen haben. Beobachter werten dies als Versuch, eine gewisse institutionelle Kontinuität der Justiz herzustellen - zugleich bleibt unklar, wie unabhängig diese Prozesse tatsächlich geführt werden können und ob sie dauerhaft Bestand haben.
Warnung vor überhöhten Erwartungen
Auch Scheller sieht die Ambivalenz: "Viele Leute wünschen sich Gerechtigkeit und projizieren ihre Hoffnungen auf derartige Prozesse." Allerdings könnte die Verhaftung leicht überhöhte Erwartungen auslösen. "Denn letztlich ist dieses Massaker nur eines von vielen." Entscheidend sei, dass es gelinge, die Aufarbeitung breiter anzulegen.
Hinzu kommt, dass die syrische Übergangsjustiz bislang ausschließlich Verbrechen des früheren Regimes adressiert. Andere Gewaltakteure bleiben weitgehend außen vor. Scheller plädiert daher für einen umfassenderen Ansatz: "Wünschenswert wäre, dass man eine opferzentrierte Perspektive in den Fokus nimmt, ganz unabhängig davon, wer die Täter waren."
Ein weiterer Unsicherheitsfaktor ist die Beschaffenheit der neuen Sicherheitsstrukturen selbst. Viele der heutigen Kräfte stammen aus ehemaligen Milizen oder bewaffneten Gruppen und sind erst im Zuge des Umbruchs in staatliche Strukturen integriert worden. Das erschwert nicht nur die Professionalisierung, sondern wirft auch Fragen nach der Glaubwürdigkeit einer Justiz auf, die teilweise von denselben Akteuren getragen wird, die zuvor Teil des Konflikts waren.
"Recht, nicht Rache"
Für viele Syrer ist Tadamon bis heute ein offenes Trauma. "Es gibt Menschen in Syrien, die wünschen sich Recht, nicht Rache", sagt Scheller. Trotz der Jahre der Gewalt sei die Gesellschaft nicht vollständig verroht.
Gleichzeitig zeigt sich in lokalen Initiativen, Gedenkformen und zivilgesellschaftlichen Projekten, dass der Wunsch nach Aufklärung und Erinnerung weiterlebt. Diese Ansätze könnten langfristig eine wichtige Rolle spielen - insbesondere dort, wo staatliche Verfahren an ihre Grenzen stoßen.
Der Fall Youssef steht damit exemplarisch für die größeren Fragen, vor denen Syrien steht: Reicht es, einzelne Täter vor Gericht zu stellen - oder braucht es eine umfassendere Auseinandersetzung mit den Strukturen der Gewalt? Die Festnahme ist ein Anfang. Ob sie mehr wird als ein symbolischer Akt, entscheidet sich erst in den kommenden Verfahren.