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"Mehr Aufklärung im Kampf gegen Ebola"

Martin Koch2. Juli 2014

Der Ebola-Virus hat in Westafrika laut Weltgesundheitsorganisation schon fast 500 Menschen getötet. Und die Lage wird immer schlimmer, sagt Tankred Stöbe, Vorstandsvorsitzender der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen".

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Tankred Stöbe, Ärzte ohne Grenzen (Foto: Barbara Sigge/Ärzte ohne Grenzen)
Bild: Barbara Sigge/Ärzte ohne Grenzen

Deutsche Welle: Herr Stöbe, wie ist die hohe Zahl der Opfer in Guinea, Sierra Leone und Liberia zu erklären?

Tankred Stöbe: Für den Virus-Typ, den wir in Westafrika sehen, gibt es keine Heilung. Das bedeutet eine hohe Sterblichkeit der infizierten Menschen. Ein anderer Faktor ist die hohe Mobilität der Menschen in Westafrika: Sie überschreiten die regionalen, aber auch die Landesgrenzen und damit tragen die infizierten Menschen die Infektion weiter in andere, schwer erreichbare Gebiete. Die Gesundheitsexperten dort können gar nicht hinterherkommen, alle Infizierten zu erreichen und zu behandeln.

Welche Punkte begünstigen die Ausbreitung?

Hauptsächlich wird der Virus über Körperflüssigkeiten übertragen. Uns bereitet besonders Sorge, dass bei Beerdigungen oder bei Beerdigungsritualen die Menschen die verstorbenen Ebola-Patienten waschen wollen, umarmen wollen - und da kommt es dann zur Infektionsübertragung.

Wie reagieren die Menschen, wenn Sie ihnen die Rituale verbieten?

Das ist genau das Schwierige. Es ist eine große Informationskampagne notwendig, damit die Menschen nicht panisch werden, sich nicht in irgendwelchen Mythen über diesen Virus verheddern, sondern dass sie klar sehen, was gemacht werden muss. Es kann ja ein Abschied erfolgen von den Angehörigen, nur es sollte eben Körperkontakt vermieden werden. Auch die Hygienemaßnahmen der Betroffenen und der Gesundheitsarbeiter muss verbessert werden. Mitunter sind das ganz einfache Hygienemaßnahmen, aber die gibt es eben nicht in diesen Ländern, wo jetzt der Virus wütet.

Welche Rückmeldungen erhalten Ihre Kollegen, wenn sie solche Maßnahmen anweisen?

Manche kooperieren sehr gut. Aber manche Menschen geraten in Panik, wenn sie unseren Mitarbeitern begegnen, die dann natürlich in Schutzanzügen, mit Schutzmasken und Schutzbrillen ankommen. Das sieht ja auch gespenstisch aus, das haben die meisten Menschen noch nie gesehen.

Und natürlich wird oft der Umkehrschluss gezogen, wenn ein kranker Mensch in unsere Behandlungszentren dort kommt und nur als Leiche wieder rauskommt, dass wir die Krankensituation nicht verbessern oder heilen, sondern sie verschlimmern. Auch da ist viel Aufklärung erforderlich. Denn in anderen Teilen Afrikas, wo es Ebola gab, gibt es eine höhere Aufklärung und dort ist es auch leichter, dass Menschen sich schützen können.

Karte Ebolagebiete in Guinea, Liberia, Sierra Leone (Copyright: DW)
Der erstmals in Westafrika ausgebrochene Ebola-Virus verbreitet sich schnell

Aber in den westafrikanischen Ländern, in denen der Virus jetzt wütet, herrscht eine große Unwissenheit und da ist viel Aufklärung nötig - auch unter den Stammesältesten, unter den lokalen Gesundheitszentren. Dort muss erklärt werden, dass es dieses Virus gibt, wie man sich schützen kann und wie man reagieren soll, wenn ein Familienangehöriger betroffen ist.

Wie sind die Arbeitsbedingungen vor Ort?

Schwierig. Unsere Mitarbeiter werden nicht mit offenen Armen willkommen geheißen, es ist viel Skepsis da. Außerdem sind die eigenen Hygienemaßnahmen sehr wichtig, das heißt, sie müssen in diesen Plastikanzügen bei großer Hitze arbeiten, das ist sehr anstrengend. Und wenn wir sehen, dass trotz all unserer Maßnahmen die Ausbreitung weitergeht, das frustriert uns.

Die medizinische Betreuung der Erkrankten ist das eine - wie steht es aber um die psychologische Betreuung der Familien vor Ort?

Das ist ein wichtiger Aspekt, den Sie ansprechen: Es ist wichtig, die Angst und die Sorgen der Menschen sehr ernst zu nehmen und darauf einzugehen. Wir glauben, dass eine gute Aufklärung über die Gefährlichkeit, aber auch über die sinnvollen Schutzmaßnahmen sehr notwendig ist. Dass die Menschen vor Ort bleiben und bei Symptomen wie Fieber, Muskelschmerzen und Erbrechen sehr schnell ärztliche Hilfe aufsuchen, so dass diese Menschen dann schnell behandelt und dann auch isoliert werden können.

Wie groß ist Ihrer Ansicht nach die Gefahr, dass sich Ebola nach Europa ausbreitet?

Konkret sehen wir diese Gefahr nicht. Es ist in der Regel ein regional begrenztes Problem. Aber je mehr Menschen involviert sind, je stärker sich diese Epidemie ausbreitet, desto größer ist natürlich auch das potenzielle Risiko, dass es weitere Landesgrenzen überschreitet und auch Afrika verlässt.

Ihre Mitarbeiter arbeiten unter schwierigsten Bedingungen, sind der Krankheit auch täglich ausgesetzt bei der Behandlung der Erkrankten. Wie groß ist die Gefahr für Ihre Mitarbeiter und dass sie die Krankheit dann womöglich in ihre Heimatländer zurücktragen?

Potenziell sind die Ärzte und Pflegenden maximal exponiert, das heißt sie sind in unmittelbarem Austausch und unmittelbarer Nähe zu diesen Infizierten Menschen, aber, und das ist die gute Nachricht, in all den Monaten, in denen wir dort jetzt schon vor Ort sind, gab es keine einzige Ansteckung unserer Mitarbeiter. Das zeigt einmal, dass wir uns effektiv schützen, aber es zeigt auch, und das ist ganz wichtig, dass insgesamt ein guter Schutz vor diesem Virus möglich ist, indem man die notwendigen Vorsichtsmaßnahmen einhält. Und insofern sehen wir von unseren Mitarbeitern jetzt wenig Gefahr, dass sie diese Krankheit mit nach Hause nehmen.

Tankred Stöbe ist seit 2007 Vorstandsvorsitzender der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen". Der Internist und Intensivmediziner arbeitet in Berlin. Einsätze führten ihn mehrfach in Krisengebiete wie Syrien, Irak und Somalia.

Das Interview führte Martin Koch.