Streit gefährdet Corona-App | Wirtschaft | DW | 22.04.2020
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Contact Tracing per Smartphone

Streit gefährdet Corona-App

Rückschlag für den Versuch, die Ausbreitung von Corona auch in Europa per Smartphone-App zu bekämpfen: Ein Streit über den richtigen Datenschutz lähmt das Projekt. Ist eine Einigung noch möglich?

Wenn klar ist, mit wem Infizierte Kontakt hatten, lässt sich die Ausbreitung von COVID-19 besser eindämmen. Normalerweise versuchen die Gesundheitsämter, die Kontakte von Infizierten ausfindig zu machen und so die Infektionskette zu unterbrechen - ganz klassisch per Telefon, Email oder Brief.

Sogenannte Contact-Tracing-Apps im Smartphone können das schneller und besser. In asiatischen Ländern wie Südkorea und Singapur, vor allem aber in China haben Apps dazu beigetragen, die Pandemie einzudämmen. Mit europäischen Datenschutz-Standards wären diese Ansätze allerdings nicht vereinbar. Die Vorstellung, dass der Staat weiß, welcher Bürger sich wo mit wem getroffen hat, lässt in Europa sämtliche Alarmglocken schrillen.

"Die Frage war: Kann man das auch machen, während man die Privatsphäre erhält? Oder geht das nur auf die chinesische Art?", schildert der IT-Unternehmer und Regierungsberater Chris Boos die Überlegungen, die er Anfang März mit Thomas Wiegand anstellte, dem Leiter des Fraunhofer Heinrich-Hertz-Instituts für Nachrichtentechnik (HHI).

Technische Basis

Die Bundesregierung unterstützte das Projekt, und kurz darauf entstand PEPP-PT ("Pan European Privacy-Protecting Proximity Tracing"), das rund 130 Wissenschaftler aus ganz Europa eine gemeinsame Aufgabe stellte: Die Entwicklung eines technischen Standards, der die Abbildung von Infektionsketten möglich macht - anonym, mittels Bluetooth und ohne Aufzeichnung der Standortdaten.

PEPP-PT kann nicht nur in Europa, sondern auch weltweit eingesetzt werden."Das ist der Sinn der Sache, es auch anderen Ländern zu Verfügung zu stellen", sagt Mitinitiator Chris Boos zur DW. "PEPP-PT bietet die technische Grundlage. Aber man muss noch die Verbindung zum lokalen Gesundheitssystem herstellen."

Auf dieser technischen Grundlage können dann beliebig viele Apps aufbauen. Es wäre egal, ob es jeweils eine nationale Corona-App gibt oder gleich mehrere - solange sie auf PEPP-PT basieren, ist die länderübergreifende Funktion sichergestellt.

Singapur | Corona-Tracking-App

In Singapur gibt es bereits eine Corona-Tracing-App

Streit unter Wissenschaftlern

Die Ankündigung, schon nach Ostern eine fertige App zu haben, ließ sich nicht halten. "Damit's wirklich gut ist, braucht es halt eher noch drei bis vier Wochen als noch zwei Wochen", sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am 17. April.

Dann aber brach ein Streit über den richtigen Datenschutz aus, der das gesamte Projekt gefährden könnte. Erst zogen sich Wissenschaftler wie Michael Backes, Chef des CISPA Helmholtz Zentrums für Informationssicherheit in Saarbrücken, aus PEPP-PT zurück, dann folgte am 20. April ein offener Brief, den rund 280 Forscher aus der ganzen Welt unterschrieben.

Sie warnen davor, dass Contact-Tracing-Apps auf Smartphones dazu missbraucht werden könnten, um "die ganze Gesellschaft in bisher unbekannten Ausmaß zu überwachen". Um das zu vermeiden, sollten Daten nicht auf zentralen Servern gespeichert werden, sondern dezentral, also auf den Smartphones selbst, heißt es in dem Schreiben.

Glaubenskrieg

Auch wenn PEPP-PT nicht namentlich erwähnt wird, ist klar, wer gemeint ist. Denn sowohl die Bundesregierung als auch Frankreich setzen im Rahmen des Projekts auf eine zentrale Speicherung der Daten. Die Schweiz scheint sich dagegen für den dezentralen Ansatz entschieden zu haben - für den es ebenfalls ein Kürzel gibt: DP-3T.

"Ich bedaure den Streit und halte ihn für unverantwortlich", sagt Chris Boos. "Es ist nicht die Aufgabe von Tekkies, Regierungen vorzuschreiben, wie sie ihr Epidemiemanagement zu machen haben. Unsere Aufgabe ist es vielmehr, verschiedene Lösungen anzubieten und diese dann miteinander arbeitsfähig zu machen."

Danach sieht es im Moment allerdings nicht aus. "Zwischen den beiden Lagern ist eine Art Glaubenskrieg ausgebrochen, sie reden nicht mehr richtig miteinander", sagt Julian Teicke, Chef des Berliner Versicherungs-Startups Wefox, zur DW.

Mit anderen großen Startups hat er die Initiative GesundZusammen gegründet. Das Ziel: die gemeinsame Digitalkompetenz nutzen, um eine Contact-Tracing-App zu entwickeln, die einfach und nutzerfreundlich ist - und auf dem PEPP-PT-Standard aufbaut. "Das muss eine App sein, die die Bevölkerung liebt", sagt Teicke, "und wir kennen uns mit Benutzeroberflächen aus".

Alles sei bereit, man stehe in den Startlöchern. "Aber wir sind abhängig von PEPP-PT und der Bundesregierung", so Teicke.

Google und Apple

Unklar ist auch noch die Rolle von Google und Apple, die mit Android und iOS die mit Abstand wichtigsten Betriebssysteme für Smartphones herstellen. Beide wollen mit PEPP-PT zusammenarbeiten, damit die Technik auch gut funktioniert.

Allerdings favorisieren beiden Firmen eine dezentrale Lösung, bei der die Daten auf ihren Geräten bleiben. Dafür werden sie im offenen Brief der Wissenschaftler, die gegen eine zentrale Datenspeicherung sind, ausdrücklich gelobt. Auch das EU-Parlament hat sich klar für eine dezentrale Lösung ausgesprochen.

"Ich finde, auch Google und Apple müssen die Wahlmöglichkeit (zwischen zentral und dezentral - Anm. d. Red.) lassen", sagt dagegen Chris Boos. "Es gibt Gespräche, die sind bisher alle positiv."

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Eine App als als Waffe gegen das Coronavirus?

Ein Vorteil der Speicherung auf einem zentralen Server sei es, dass viele Rechenmodelle der Epidemiologen auf zentral verfügbaren Daten aufbauen, sagt Boos.

Zudem sei das dezentrale Modell gar nicht wirklich dezentral, sagt Wefox-Gründer Julian Teicke. "Es besagt letztlich nur, dass Apple und Google die einzigen sind, die Zugang haben zu den Identitäten - und das trägt zusätzlich zu ihrer ohnehin großen Machtfülle bei."

Folgen des Streits

Es ist gut möglich, dass sich eine funktionierende Contact-Tracing-App durch den Streit verzögert. Oder dass hinterher Zeit verloren geht, weil zwei unterschiedlich Systeme kompatibel gemacht werden müssen.

Auch könnte der Streit dazu führen, dass weniger Menschen die App installieren, weil sie um die Sicherheit ihrer Daten fürchten. Für ein Projekt, das ausdrücklich angetreten ist, die Privatsphäre zu schützen, wäre das natürlich bedauerlich.

Zumal der Nutzen von Contact-Tracing-Apps mit ihrer Verbreitung zunimmt. "Je mehr Menschen die App verwenden, desto weniger brauchen wir sonstige Maßnehmen" wie Ausgangssperren, Geschäftsschließungen und Social Distancing, sagt Boos. Kein Wunder also, dass die App ein wichtiger Faktor ist in der Diskussion um eine Lockerung der Auflagen.

Trotz Streit und Verzögerung glaubt Boos weiter an den Erfolg von PPEP-PT. "Ich sehe eher die Gefahr, dass jemand sagt: Lasst es uns genauso machen wie in China, dort hat es wenigstens funktioniert, also Schluss mit dem Gerede über die Privatsphäre."

"Das", sagt er, "wäre eine mindestens ebenso große Katastrophe wie das Scheitern unseres Ansatzes."

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