Sierens China: Das Coronavirus als Zensur- und Tech-Beschleuniger | Asien | DW | 12.03.2020
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Kolumne

Sierens China: Das Coronavirus als Zensur- und Tech-Beschleuniger

Um das Virus zu bekämpfen, setzt China auf Big Data und Künstliche Intelligenz. Jedoch gehen Sicherheitsbedürfnis und Totalüberwachung dabei fließend ineinander über, meint Frank Sieren.

High-Tech spielt in der Virus-Bekämpfung in China erstmals eine wichtige Rolle. Zum einen sorgt sie dafür, dass in Zeiten von Quarantäne die Kommunikation nicht abbricht und die Lieferung von Produkten sichergestellt ist. Zum anderen wurden in Bereichen wie der Künstlichen Intelligenz (KI) Anwendungen entwickelt, die dabei helfen sollen, den Ausbruch des Virus möglichst früh zu erkennen und Verläufe voraussehen können.

Die Robotik wiederum bietet Möglichkeiten, dass gesundete Menschen Kranken helfen können, ohne selbst in Gefahr zu kommen. Zum Beispiel hat das Unternehmen Guoxing Smartech aus Yantai einen Reinigungsroboter entwickelt, der selbstnavigierend in Quarantänestationen Desinfektionsmittel versprüht. MicroMultiCopter, ein Drohnenhersteller aus Shenzhen, setzt unbemannte Flugobjekte ein, um Medikamente an verseuchte Orte auszuliefern. Doch das sind nur Geräte die man braucht, wenn es bereits zu spät ist.

Früherkennung von Gefahrenherden mit Künstlicher Intelligenz

Bei der Früherkennung ist es vor allem die Künstliche Intelligenz, die schon dieses Mal helfen konnte, konstatiert selbst die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Dabei geht es vor allem darum, aus Bewegungsprofilen Häufungen von möglichen Erkrankten zu erkennen. Voraussetzung dafür ist natürlich der Zugang zu Daten - seien es Kameraaufnahmen von Flughäfen, Teilnehmerlisten von Großveranstaltungen oder Krankenakten, um besonders Gefährdete auszumachen. Das ist allerdings fast nur in Ländern wie China möglich, das aus schlechten historischen Erfahrungen gewachsene Niveau des Datenschutzes in Deutschland lässt dies kaum zu. Und so wird der technologische Abstand zwischen dem Westen und China auch bei diesem Thema immer größer.

Frank Sieren *PROVISORISCH* (picture-alliance/dpa/M. Tirl)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Viele chinesische Tech-Unternehmen haben in den vergangenen Wochen ihren Fokus verstärkt auf die Virus-Bekämpfung gerichtet. Der Tech-Riese Baidu beispielsweise nutzt nun KI, indem er per Infrarotsensor die Temperatur sich bewegender Passanten misst, angeblich mit einer Genauigkeit von 0,05 Grad Celsius. Andere Firmen wie Alibaba wollen per KI die Diagnose von Corona-Neuinfektionen optimiert haben. So soll ein neuer Alibaba-Algorithmus Computertomographie-Scans der Lunge viel effektiver und schneller auswerten können als ein Arzt. Während dieser im Schnitt 15 Minuten braucht, kann das Diagnose-System in nur 20 Sekunden entscheiden, ob es sich um eine herkömmliche Lungenentzündung oder einen Corona-Virusinfekt handelt. Und das mit einer Trefferquote von 96 Prozent. Landesweit soll das Programm bereits in 26 Krankenhäusern im Einsatz sein, in den kommenden Wochen aber auf weit mehr als 100 Kliniken ausgeweitet werden. Wenn so ein System reibungslos funktioniert, ist das natürlich eine enorme Erleichterung für das medizinische Personal, insbesondere im überlasteten Epizentrum Wuhan. Und die Chance, dass ein Virus sich im Anfangsstadium ausbreitet, wird deutlich geringer.

Nicht nur in China wird in dieser Richtung geforscht. Einem kanadischen Start-up ist es gelungen, durch Auswertung von öffentlichen Nachrichten und Verkehrsinformationen herauszufinden, dass ein Virusherd in Wuhan entsteht - Wochen bevor öffentlich Alarm geschlagen wurde. BueDot heißt die Firma, die von Kamran Khan, einem dem kanadischen Professor indischer Herkunft, gegründet wurde, der an den amerikanischen Universitäten Cornell, Columbia und Harvard studiert hat. Zurück in Toronto hat er unter dem Eindruck des SARS-Virus das Startup gegründet. Damals musste er erleben, wie 44 Menschen in Toronto an SARS starben, darunter einer seiner Kollegen: "Das hat uns die Augen geöffnet und ist die Motivation für all das, was wir tun." Zu seinem internationalen Team gehören neben Amerikanern auch Asiaten und Europäer, darunter der renommierte deutsche Elektroingenieur Frank Seiferth. Bereits am 31. Dezember war BlueDot in der Lage, aus Toronto einen Virusalarm bezüglich Wuhan herauszuschicken. Praktisch gleichzeitig hatte der Arzt Li Wenliang in Wuhan einige Kollegen per Wechat vor dem Virus gewarnt. Sie sollten Schutzkleidung zu tragen. Er ist der Arzt, der erst von den Behörden zum Schweigen verpflichtet wurde und später selbst an dem Virus starb. Es ist bereits der zweite Erfolg von BlueDot: 2016 sagten die Forscher voraus, dass sich das Zikavirus von Brasilien nach Florida ausbreiten werde.

Gesundheitsschutz mit Gesichtserkennung und Geotracking

China geht auch noch Wege, die im Westen schwierig wären: Gesichtserkennungssysteme wurden in China mittlerweile so programmiert, dass sie Menschen auch einwandfrei identifizieren können, wenn diese einen Mundschutz vorm Gesicht haben. "Gesichtserkennung hilft uns, jene ausfindig zu machen, die potenziell dem Virus ausgesetzt waren", erklärt Zeng Yixin, der stellvertretende Direktor von Chinas Nationaler Gesundheitskommission. "Dieses Level an High-Tech hatten wir beim SARS-Ausbruch 2003 noch nicht." Was es damals ebenfalls noch nicht gab: zwischen 200 und 400 Millionen Überwachungskameras, die Chinas Bürger auf Schritt und Tritt beobachten.

China Zhangzhou | Coronavirus | CT-Bild von Lunge (picture-alliance/Xinhua News Agency)

Computertomografische Aufnahme einer menschlichen Lunge

Kritiker fürchten, dass Peking die Virus-Notlage nutzt, um seine ohnehin scharfe Digital-Überwachung noch auszuweiten. Viele der neuen Gesundheitsanwendungen basieren auf der Freigabe persönlicher Daten und Geotracking. Bis hin zur Zugsitz-Nummer kann man so genauestens nachvollziehen, wo sich jeder Bürger gerade befindet oder in der Vergangenheit aufgehalten hat. Einerseits können die Menschen so nun auf Umgebungskarten sehen, wo Virusfälle in der Nachbarschaft aufgetreten sind. Andererseits können sie damit selbst jederzeit ausfindig gemacht werden. All das bedeutet, dass der Staat über immer mehr sensible Informationen verfügt, die er nicht nur benutzen kann um Menschen zu helfen, sondern auch, um seine Macht zu zementieren.

Eine von der Regierung abgesegnete App, die in Zusammenarbeit mit Ant Financial, einer Tochter von Alibaba entstand, vergibt mittlerweile sogar individuelle Gesundheits-QR-Codes in den Farben grün, gelb und rot. Ein grünfarbiger bedeutet man ist komplett "ungefährlich", ein gelber kann bis zu sieben Tage Hausarrest bedeuten. Wer als "rot" eingestuft wird, sollte zwei Wochen in Quarantäne verbringen. Die App, die bislang in 200 Städten in den Provinzen Zhejiang, Sichuan und Hainan erhältlich ist, basiert allerdings noch auf den persönlichen Eingaben der Nutzer. Sie soll das Sicherheitsgefühl der Bürger erhöhen. Die Einschätzung des Algorithmus basiert unter anderem auf etwaigen Kontakt zu infizierten Personen in der Vergangenheit, dem Besuch von Orten mit vielen Infektionen oder persönlichen Meldungen von Symptomen. Ganz genau nachvollziehen, was noch mit einfließt und wie die Bewertung am Ende zustande kommt, lässt sich aber nicht. So klagten bereits einige Nutzer, unverständlicherweise in die rote Kategorie eingeordnet worden zu sein. Offenbar werden Menschen, die in Wuhan geboren wurden, auch gleich automatsch in die Gefahrenstufe gelb eingeordnet, auch wenn sie Jahre nicht mehr in der Stadt waren. Stigmatisierung per Geburt sozusagen. Dass die Daten laut einem Bericht der New York Times direkt an die Polizei weitergeleitet werden, ist in unseren Augen erschreckend.

China Hubei Provinz Arzt mit Lungen-Röntgen-Bilder (AFP)

Bisher wurden Aufnahmen der Lunge allein per per Betrachtung durch Ärzte ausgewertet. Computer erkennen schneller Anomalien

Noch engmaschigere Kontrollsysteme

Eines zeichnet sich bereits ab: Das Virus gibt Peking Gelegenheit, besser und schneller zu helfen, allerdings eben auch seine Kontrollsysteme noch engmaschiger zu ziehen und verbliebene Schlupflöcher zu schließen. Das eine von den anderen zu trennen ist kaum möglich.Das gilt zum Beispiel auch für schärfere Internetbestimmungen, die am 1. März in Kraft getreten sind. Das "Streuen von Gerüchten", das "Stören der ökonomischen und sozialen Ordnung" sowie Inhalte, die die "Zerstörung des nationalen Zusammenhaltes" fördern, werden jetzt noch konsequenter gelöscht und stärker geahndet. Was störend ist und was nicht entscheidet die Regierung.

Die Maßnahmen für ein "positives Internet-Ökosystem" sind möglicherweise eine direkte Reaktion auf die Empörung nach dem Tod des Arztes und Whistleblowers Li Wenliang. Damals forderten User im Netz sogar für ein paar Tage offen mehr Rede- und Pressefreiheit. Das wurde schnell unterbunden. Chinas Datenschutzgesetz lässt solche Verschärfungen zu, da es an vielen Stellen viel vager formuliert als etwa das europäische. Der Staat hat großen Spielraum, auszulegen, was "Sicherheit" und "öffentliches Interesse" ist. Dass Chinas Bürger sich nach dem Abklingen der Epidemie an ein neues Level der Überwachung gewöhnt haben werden, ist nicht unwahrscheinlich. Die Menschen denken auch in China eher kurzfristig. Ihnen ist erst einmal wichtig, dass eine neue Viruskrise verhindert werden kann, die ihren Alltag massiv einschränkt.

Unser Kolumnist Frank Sieren lebt seit über 20 Jahren in Peking.

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