Starker Auftritt: die 64. Berlinale | Deutschland | DW | 06.02.2014
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Deutschland

Starker Auftritt: die 64. Berlinale

Cannes ist schicker. Und Venedig wärmer. Trotzdem lieben alle die Berlinale. Rund 400 Filme stehen auf dem Programm, manch eine Vorstellung ist schon vor Beginn des Festivals ausverkauft.

In diesem Jahr geht die Berlinale sogar ins Gefängnis. Am 10. Februar flimmert Georg Nonnenmachers "Raumfahrer" in der Justizvollzugsanstalt Tegel über eine mobile Leinwand. Als Dankeschön. Denn für diesen Film hat Nonnenmacher in der JVA ausführlich recherchiert. Er erzählt von dem Transportbus, der regelmäßig Gefangene "verschubt", wie das auf Amtsdeutsch heißt - von einem Gefängnis ins andere, vom Gefängnis ins Gericht und zurück.

Kino aus aller Welt

Die anderen 408 Beiträge, die auf dem Programm der diesjährigen Filmfestspiele stehen, bekommen die Männer hinter Gittern nicht zu sehen. Womit ihnen einiges entgeht: Kino von allen Kontinenten, bewegend, faszinierend, brandaktuell. Und die Stars, die über den roten Teppich laufen werden – George Clooney, Uma Thurman, Ralph Fiennes, Tilda Swinton, Matt Damon, Charlotte Gainsbourg - um nur einige zu nennen; das Blitzlichtgewitter, das Gekreische der Fans. Sowie, natürlich, der Wettbewerb um den Goldenen und die Silbernen Bären. Zwanzig Filme treten hier dieses Mal gegeneinander an. Weltkino mit einem starken chinesischen und noch stärkerem deutschen Akzent. Gleich drei Filme schicken die Asiaten ins Rennen, Independent-Filme, die Geschichten ganz gewöhnlicher Menschen abseits der Glitzerstädte erzählen und dabei klassische Genres zitieren. Der starke Auftritt der Chinesen spiegele die rasant wachsende Bedeutung von Film und Kino in Fernost, sagt Festival-Chef Dieter Kosslick.

Deutschland Film Berlinale 2014 Festivaldirektor Dieter Kosslick copyright: Berlinale/Marc Ohrem Leclef

Festivaldirektor Dieter Kosslick

Wie gut es um den deutschen Film und Deutschland als Produktionsland bestellt ist, macht die Berlinale ebenfalls deutlich. Allein im Wettbewerb werden vier deutsche Produktionen gezeigt, so etwas gab es zuletzt 1986. Stark ist dieser Auftritt auch, weil die Filme so unterschiedlich sind, in ihrer Thematik wie in ihrer Ästhetik.

Dominik Graf erzählt mit leichter Kamera eine historische Geschichte um den aufrührerischen Dichter Friedrich Schiller, Edward Berger streift mit zwei heimwehkranken Jungen durch das heutige Berlin, auf der Suche nach deren Mutter, Dietrich Brüggemann entfaltet in vierzehn strengen Bildern das Seelenleben seiner von religiösen Regeln gequälten jungen Protagonistin. Und Feo Aladag portraitiert einen ISAF-Soldaten im Afghanistan-Krieg und stellt dabei die großen Fragen nach Menschenwürde, Humanität, Vertrauen und Versagen.

Tragikomischer Auftakt

Auch der Eröffnungsfilm "The Grand Budapest Hotel" von Wes Anderson hat viel mit Deutschland zu tun. Er wurde in Görlitz gedreht und ist somit eine der vielen erfolgreichen internationalen Koproduktionen, die hier neuerdings realisiert werden. Und er erzählt europäische Geschichte. Die hintersinnige Tragikomödie mit Starbesetzung spielt in den Wirren der Zwischenkriegszeit und inszeniert das Hotelfoyer als Theater der Welt. Ob der Goldene und die Silbernen Bären dann schließlich nach Brasilien, Argentinien, Frankreich, China, Österreich, Japan, Norwegen, Großbritannien, Deutschland oder in die USA gehen, entscheidet die achtköpfige Berlinale-Jury unter Vorsitz des erfolgreichen Produzenten James Schamus ("Brokeback Mountain", "Lost in Translation"). Auf ihr Urteil darf man gespannt sein, zumal hier ganz unterschiedliche Pole des Kinos zusammen treffen: der zweifache Oscar-Preisträger Christoph Waltz, die James Bond-Produzentin Barbara Broccoli, die iranische Regisseurin und Künstlerin Mitra Farahani oder der asiatische Starschauspieler Tony Leung.

Film Kino USA Filmszene The Monuments men copyright: 2013 Twentieth Century Fox

Filmszene "The Monuments Men"

Natürlich ist die Berlinale viel mehr als ihr Wettbewerb, in dem übrigens außer Konkurrenz auch George Clooneys "The Monuments Men" läuft, ein ganz aktueller Film über die gefährliche Jagd nach geraubter Kunst. Die Sektionen "Forum" und "Panorama" geben wie üblich einen guten Überblick über das internationale aktuelle Art House Kino - ein Kino, das sich einmischt, das politisch ist. Um das Zurechtkommen in der Welt geht es hier oft, um Menschen, die ihre ganze Energie aufwenden müssen, um zu ihrem Recht zu kommen und sich zu wehren – gegen Missbrauch, Unterdrückung und amoralische Großkonzerne, die sie ihrer Lebensbedingen berauben.

Üppige Vielfalt

Und sonst? In verschiedenen Sektionen laufen Filme zum Holocaust, etwa die Dokumentation "Concentration Camp Factual Survey" über das Konzentrationslager Bergen-Belsen, an der Alfred Hitchcock 1945 mitgewirkt hat. Die vollständige Fassung hat jetzt das London Imperial War Museum fertig gestellt. Von den Risiken und Nebenwirkungen des Groß- und Erwachsenwerdens erzählen die Filme für das junge Berlinale-Publikum.

Deutschland Film Berlinale 2014 Filmszene Sektion Retrospektive Das Cabinet des Dr. Caligari copyright: Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden

Sektion Retrospektive: Filmszene "Das Cabinet des Dr. Caligari"

Die Retrospektive widmet sich der Ästhetik der Schatten und stellt filmisches Licht ins Zentrum: Und beim European Film Market werden wie üblich ganz diskret große Geschäfte gemacht. Am Ende, nach zehn Tagen, hagelt es Preise, vergeben von knapp 50 Jurys und in allen Sektionen. Ein Preisträger steht übrigens schon fest: der britische Regisseur Ken Loach, ein Meister des sozialrealistischen Films, erhält einen Goldenen Ehrenbären für nahezu 50 Jahre filmisches Schaffen. Chapeau und Film ab!

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