Monuments Men: Retter der Raubkunst | Kultur | DW | 05.02.2014
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Kultur

Monuments Men: Retter der Raubkunst

Auch die 64. Berlinale beschäftigt sich mit dem Thema Raubkunst. Hollywood-Star George Clooney hat das Buch "Monuments Men" über eine Kunst-Spezialeinheit während des 2. Weltkriegs verfilmt.

Auch Hildebrand Gurlitt musste sich der Befragung der "Monuments Men" stellen, einer US-Spezialeinheit aus Kunstexperten, die die von den Nazis geraubte Kunst aufspüren und sichern sollte. Der Kunsthändler Gurlitt, dessen Bilderschatz nach dem Tod auf seinen Sohn überging und der nun in einer Münchner Wohnung entdeckt wurde, war den Kunstdetektiven bekannt. Schließlich war Gurlitt einer der wichtigsten Kunsthändler der Nationalsozialisten. Er wurde von den Monuments Men vor allem nach Kunst aus französischen Quellen befragt. Gurlitt hatte während des Krieges in großem Stil Gemälde und Stiche bei Kunsthändlern in Paris erworben.

Die "Monuments Men" auf der Berlinale

Wer waren diese Monuments Men? Und wie sah ihre Arbeit aus? Die Geschichte ist Historikern und Kunstexperten seit Jahrzehnten bekannt. Der US-Amerikaner Robert M. Edsel erzählt sie in seinem 2009 in den USA erschienenen Buch, das seit einigen Monaten auch auf Deutsch vorliegt. Mit dem populären Sachbuch des amerikanischen Hobby-Historikers wurde ein größeres Publikum auf das Thema aufmerksam. Dann hat Hollywood-Star George Clooney die Filmrechte erworben und aus dem Stoff einen Spielfilm gedreht. Der feiert nun bei der Berlinale seine Welturaufführung.

Omar N. Bradley, George S. Patton Jr., und Dwight D. Eisenhower inspezieren geraubte Bilder in deutschland (Foto: Residenz Verlag/National Archives and Records Administration College Park, MD)

US-Generäle bei der Inspektion von Raubkunst, rechts Dwight D. Eisenhower

Der Fall Hildebrand Gurlitt verleiht den Monuments Men zusätzliche Aktualität. Dabei ist ihre Geschichte nicht nur eine der abgeschlossenen Historie. Gemälde und Skulpturen werden während kriegerischer Auseinandersetzungen geraubt. Das war immer schon so und es ist heute noch so. Darauf weist Robert M. Edsel in seinem Buch eindrücklich hin.

Eine Idee Eisenhowers

Angesichts der Leiden der Zivilisten, Kinder und Frauen erscheint die Zerstörung materieller Güter vielen Menschen zweitrangig. Doch "was ist, wenn wir den Krieg gewinnen, aber die letzten 500 Jahre unserer Kulturgeschichte verlieren?", fragte George Stout, der Chef der Monuments Men, zu Beginn seiner Mission 1944. Diese Frage hatte auch der amerikanische Oberbefehlshaber Dwight D. Eisenhower im Kopf, als er den Erhalt der europäischen Kulturgüter zu einem Kriegsziel erhob.

Eine Kirchenskulptur wird in Belgien von den Monuments Men zu einem sicheren Ort transportiert (Foto: Residenz Verlag/Walker Hancock Collection)

Eine Kirchenskulptur wird in Belgien von den Monuments Men zu einem sicheren Ort transportiert

Als die alliierten Truppen die Deutschen in Italien und der Normandie zurückdrängten, waren unter den Hunderttausenden Soldaten auch ein paar Männer der Spezialeinheit Monuments Men. Die kleine Truppe hatte nur eine Aufgabe: Sie sollte bedrohtes Kulturgut schützen und geraubte Kunst aufspüren und sicherstellen. Die Nazis, die bei ihrem Rückzug von den Fronten manchmal eine Taktik der "verbrannten Erde" betrieben, nahmen keine Rücksicht auf kulturgeschichtlich wertvolle Bauwerke. Aber auch die Bombenangriffe der Alliierten und plündernde Soldaten waren eine Gefahr für das reiche europäische Kulturerbe.

Museumsfachleute in Uniform

Hinzu kam der Raub von Hunderttausenden Gemälden und Skulpturen aus Museen, Kirchen und privaten Sammlungen durch die sammel- und raffgierigen Nationalsozialisten. Zur Einheit der "Monuments Fine Arts, and Archives Section" gehörten 350 Frauen und Männer. Es waren vor allem Amerikaner, auch ein paar Briten, Franzosen, ausgewanderte Deutsche. Die meisten hatten eine künstlerische Ausbildung, es waren Museumsfachleute dabei, Restauratoren, Architekten, Archivare. In den Wirren des Krieges, inmitten des Invasionschaos, war ihre Arbeit mühsam und lebensgefährlich.

Bergung einer Skulptur von Michelangelo in ALTAUSSEE (Foto: Residenz Verlag/National Gallery Washington, D.C., Gallery Archives)

Ein Werk von Michelangelo wird von den Monuments Men geborgen

Zunächst ging es vornehmlich um die Registrierung von Baudenkmälern. Die alliierten Soldaten nahmen keine Rücksicht auf Kunst und Kultur, auch nicht, als sich die Nazis schon zurückgezogen hatten. Dagegen gingen die Monuments Men vor. Sie halfen sich auch mit Tricks. Wenn ihre Absperrbänder mit der Inschrift "Baudenkmal - Betreten verboten" nichts halfen, dann wurde auch einmal ein Schild "Vorsicht Minen!" aufgestellt. Das wirkte. Viele Kirchen und Schlösser, vor allem im Norden Frankreichs, aber auch in Belgien und Holland, konnten so vor der Zerstörung gerettet werden.

Kunstschätze in Minen und Höhlen

In den letzten Tagen ihrer Besatzung hätten die Deutschen regelrecht gewütet, schreibt George Stout im August 1944 in einem Brief an seine Frau: "Von hier aus erscheinen sie nicht mehr als ein unschuldiges Volk mit kriminellen Führern. Sie erscheinen alle als Kriminelle." Das wurde dann besonders deutlich, als die Monuments Men in den letzten Kriegswochen auf die zahlreichen Depots stießen, in denen die Nazis geraubte Kunst gehortet und versteckt hatten. Meist in Salz-Minen und stillgelegten Bergwerken, aber auch in Schlössern und Burgen, hatten die kunstversessenen Naziführer Bilder von Leonardo da Vinci und Vermeer, Rembrandt und Michelangelo gelagert. Europäische Kulturschätze von unschätzbarem Wert befanden sich damals unter der Erde.

Filmszene aus The Monuments Men (Foto: Twentieth Century Fox) mit Matt Damon und George Clooney

So sieht das demnächst im Kino aus: George Clooney und Matt Damon als Monuments Men im Gespräch

Die Depots wurden von den Monuments Men aufgespürt, die Kunstwerke aus den Stollen gehievt und in zentrale Sammellager gebracht. Dort wurden sie in den ersten Nachkriegsjahren an Museen übergeben. Dass das in vielen Fällen nicht die wahren Eigentümer waren, dass Bilder und Skulpturen zuvor vor allem jüdischen Besitzern entwendet worden waren, das ging in diesen Jahren unter. Erst Jahrzehnte später, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, bemühte man sich um die Rückgabe vieler Kunstwerke an die wahren Besitzer oder deren Nachkommen.

Der Fall Hildebrand Gurlitt

Die Geschichte, die Robert M. Edsel in seinem Buch erzählt, und die George Clooney im Sommer in Deutschland verfilmt hat, liegt lange zurück. Sie war nie vergessen. Immer, wenn in den vergangenen Jahrzehnten um einzelne Kunstwerke gestritten wurde, wenn es um deren Herkunft und frühere Besitzverhältnisse ging, wurde an die Arbeit der Monuments Men erinnert.

Ein Monuments Man und eine französische Kunsthistorikerin in einer Szene des George Clooney-Films (Foto: Twentieth Century Fox)

Auf der Suche nach der Kunst: Ein Monuments Man und eine französische Kunsthistorikerin in einer Szene des George Clooney-Films

So auch jetzt im aktuellen Fall Hildebrand Gurlitt. Bei den Vernehmungen durch die Monuments Men wurde Gurlitt unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg auch nach der Herkunft von 200 Bildern aus ehemals französischem Besitz gefragt. Er habe fast alle in den Jahren zwischen 1942 und 1944 völlig legal in Paris bei Kunsthändlern Frankreich erstanden, hatte Gurlitt damals geantwortet. Aussagen wie diese werden jetzt im Zuge der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft.

Zum Weiterlesen: Robert M. Edsel (mit Bret Witter): Monuments Men - Die Jagd nach Hitlers Raubkunst, Residenz Verlag, 542 Seiten, ISBN 978-3-7017-3304-0.

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