Sportwissenschaftler Lars Donath: ″Die Sportler rennen auf der Stelle″ | Sport | DW | 21.03.2020
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Gestörte Olympia-Vorbereitung

Sportwissenschaftler Lars Donath: "Die Sportler rennen auf der Stelle"

Ohne spezifisches Training verliert man nach kurzer Zeit Schnelligkeit und Explosivität. Die Athleten, deren Olympia-Vorbereitung durch die Corona-Pandemie gestört wird, müssen in der Zwangspause viele Dinge beachten.

DW: Herr Donath, das Coronavirus versetzt die Sportler, die sich weiterhin auf die Olympischen Spiele in Tokio vorbereiten, in ganz besondere Umstände. Ist eine richtige Olympia-Vorbereitung aus Ihrer Sicht überhaupt noch möglich?

Lars Donath: Eine richtige, planmäßige Vorbereitung ist nicht möglich, weil auch alle großen Qualifikationswettkämpfe abgesagt sind. Noch hoffen die Athleten. Aber weder der Wettkampf- noch der Trainingsplan kann eingehalten werden. Das ist alles sehr dramatisch, auch für die Psyche der Athleten.

Stabhochspringerin Katharina Bauer sagte im DW-Interview, dass sie ihre Stabhochsprung-spezifische Muskulatur ohne weitere Sprünge nur rund zwei Wochen lang aufrechterhalten könnte. Wie schnell geht so ein Abbauprozess vonstatten?

Die meisten Studien, so genannte De-Trainingstudien, untersuchen Zeiträume von zwei  bis sechs Wochen, zum Teil auch länger. Und die zeigen sehr schnelle Rückgänge in der Reaktionsschnelligkeit, in der Schnellkraft, in der Schnelligkeit. Explosive Bewegungsabläufe bauen wirklich sehr schnell ab, weil das sehr fein abgestimmte neuro-physiologische Abläufe sind. Die brauchen einfach Übung und Input.

Wie können die Sportler jetzt in der Zwangspause gegensteuern?

Die Athleten müssen sich mit semi-spezifischen Übungen behelfen. Da ist viel Kreativität und Improvisation gefragt. Auch Bewegungsvorstellungstraining kann helfen, sogenanntes Imaginationstraining. Durch diese Trainingsformen werden Hirnstrukturen aktiviert, die auch in der tatsächlichen Bewegung aktiviert würden - etwa der supplementär-motorische Kortex [der Teil des Gehirns, der für das Erlernen von Bewegungen und die Vorbereitung komplexer Bewegungsmuster zuständig ist, Anm. d. Red.].

Es ist also eine Annäherung an die Trainingsinhalte möglich, aber keine tatsächliche Simulation?

Auf keinen Fall. Man sollte soweit wie möglich die wettkampfspezifische Übung simulieren. Auch Druckbedingungen können ins Training integriert werden: bestimmte technisch anspruchsvolle Übungen unter Präzisions- oder Zeitdruck. Oder man trainiert in ermüdeter Situation, das schult und festigt die koordinativen Abläufe.

USA Turnerin Sarah Voss (picture-alliance/ZUMAPRESS/M.-J. Perenson)

Turnerin Sarah Voss muss wegen des Coronavirus beim Training in den eigenen vier Wänden improvisieren

Die Turnerin Sarah Voss aus Köln hat zum Beispiel Handstand-Klötze mit nach Hause genommen, um viel semi-spezifisches Training zu simulieren. Aber das ist natürlich nicht vergleichbar mit ihrem eigentlichen Trainingsprogramm für Tokio.

Gibt es Sportarten, die besonders von dieser Problematik betroffen sind?

Alle Sportarten, bei denen sehr viel Schnelligkeit und Explosivität gefragt sind, sind nach zwei Wochen beeinflusst. Es gibt aber eine Studie bei Stabhochspringern, dass nach 28 Tagen zwar die Sprünge und die Sprints bei diesen Sportlern negativ beeinflusst sind, aber die Sprungleistung noch nicht. Es kann also sein, dass die Variabilität durch Technik, durch psychische Schwankungen noch so hoch ist, dass der Ausfall des Trainings gar nicht so massiv ins Gewicht fällt. Aber das kann im Einzelfall auch anders sein. Ich würde mich soweit aus dem Fenster lehnen, dass man den Trainingsrückgang etwa zwei bis vier Wochen lang kompensieren kann - dann aber wird es kritisch.  

Welche Rolle spielt die Psyche bei der Kompensation?

Die ist nicht zu unterschätzen. Dass die Leistungsfähigkeit bei knapp einem Monat noch nicht so stark abnimmt, hängt auch damit zusammen, dass die Psyche in dieser Zeit mal durchatmen kann und der Sportler dann möglicherweise lockerer in den Wettkampf geht und denkt, er hat nichts zu verlieren. Es gibt aber auch Studien die zeigen, dass die Sportler sich bei gleicher Belastung viel schneller ermüdet fühlen.

Die körperliche Anstrengung sollte in der Corona-Zwangspause aber nicht runtergefahren werden?

Frankfurt Ironman 2019 Skye Moench (Imago Images/Jan Huebner)

Sind Ausdauersportler zur relativen Bewegungslosigkeit verurteilt, kann sich das beim Gewicht bemerkbar machen

Gewicht und Bauchumfang können bei stark verringerten Trainingsvolumina rasch zunehmen. Gerade bei Sportarten, die viele Kalorien am Tag umsetzen, zum Beispiel im Triathlon oder beim Radfahren. Das ist häufig bei verletzten Ausdauersportlern zu sehen, die in ihrer Ausfallzeit sehr schnell fünf bis zehn Kilogramm mehr wiegen.

Vorbereitungen auf sportliche Großereignisse bestehen aus genau auf den Sportler abgestimmten Trainingsplänen, die dafür sorgen sollen, dass der Athlet genau zum Höhepunkt topfit ist. Sind längere Unterbrechungen, wie die durch das Coronavirus überhaupt zu kompensieren? 

Es ist viel trainingsmethodisches Geschick gefragt. Es geht nun darum, die Rhythmisierung des Jahres nach den kommenden Höhepunkten anzupassen. Aber erstmal muss man wieder einen Schritt zurückgehen und nicht ganz so wettkampfspezifische Übungen absolvieren. Das "Peaking" auf einen Höhepunkt lässt nicht sehr lange auf einem Niveau halten - deshalb muss man jetzt den Trainingsplan schnell anpassen. Man nimmt sozusagen nochmal mehr Anlauf. Und wenn man dann weiß, wann die Wettkampftermine sein werden, dann sollte das spezifische Training wieder sukzessive hochgefahren werden.

Wäre den Sportlern mit einer Verschiebung der Olympischen Spiele geholfen, um ihre unterbrochene Vorbereitung wieder auszugleichen?

Für die Sportler ist es extrem wichtig, dass man eine verbindliche Planung kommuniziert. Erst dann können die Trainer mit den Athleten nochmal genau justieren. Sie können den Druck und die unmittelbare Anspannung kurz aus dem System herausnehmen, damit die Sportler psycho-physisch "zwischenentlastet" werden. Jetzt gerade rennen die Sportler permanent auf der Stelle und werden vom Virus quasi festgehalten.

Sind unter diesen Umständen, wie bei Olympischen Spielen üblich, Rekorde möglich?

Das ist sehr unwahrscheinlich, weil das Leistungsniveau auf globalem Niveau nach unten abfällt. Die Sportler messen sich zwar auf einer relativen Wettkampfebene mit anderen Sportlern mit ähnlichen Nachteilen, aber absolute Rekorde werden nicht zu erwarten sein.

Doping Urinproben (picture-alliance/dpa)

Momentan gibt es kaum Doping-Kontrollen

Ein weiteres Problem ist die Doping-Analyse. Momentan werden wegen der Corona-Pandemie kaum noch Dopingkontrollen durchgeführt. Welche Rolle spielt dieser Umstand im Hinblick auf die Vorbereitungen?

Momentan stehen Tür und Tor offen für Manipulationen, weil alles im Ausnahmezustand ist. Deshalb ist es ja so wichtig, dass es eine klare Kommunikation gibt, wie es weitergeht. Und es sollte nicht den einzelnen Staaten überlassen werden, wie diese mit dem Verlust der Trainingsmöglichkeiten umgehen. Ich bin daher für eine klare, verbindliche Verlegung der Olympischen Spiele, zum Schutz der Athleten.

Lars Donath ist Sportwissenschaftler und Hochschullehrer an der Deutschen Sporthochschule (DSHS) in Köln. An der DSHS leitet Donath die Abteilung Trainingswissenschaftliche Interventionsforschung im Institut für Trainingswissenschaft und Sportinformatik. Donaths Forschungsschwerpunkt liegt in der Wirkungsweise von Bewegung und Sport auf den Körper und in der Fragestellung, wie sportliche Betätigung Krankheitsverläufe beeinflussen kann und ob diese als Medikament dienen kann.

Das Interview führte Jörg Strohschein

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