Souleymane Chérif: Vom Stürmer in der DDR-Provinz zum afrikanischen Fußball-Star | Filme | DW | 23.03.2019
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Dokumentarfilm "Pelé aus Neubrandenburg"

Souleymane Chérif: Vom Stürmer in der DDR-Provinz zum afrikanischen Fußball-Star

Souleymane Chérif war 1972 Afrikas Fußballer des Jahres und ist in seiner Heimat Guinea ein Held. Begonnen hat er seine Karriere in der DDR-Provinz. Der Dokumentarfilm "Pelé aus Neubrandenburg" erzählt seine Geschichte.

Dieser Pelé hat nichts zu tun mit dem brasilianischen Fußballstar. Im Film "Pelé aus Neubrandenburg" geht es um Souleymane Chérif, einen Sportler aus Guinea und seine steile Fußball-Karriere, die im ostdeutschen Neubrandenburg startete, als er in den 1960er-Jahren zwei Jahre als Student im sozialistischen Bruderland DDR verbrachte. Der Film von Benjamin Unger und Matthias Hufmann ist eine Ode an den Fußball - und seine Macht, unterschiedliche Kulturen und Hintergründe zu überbrücken. 

Beim SC Neubrandenburg schoss Ausnahme-Stürmer Souleymane Chérif das Kleinstadt-Team in die höchste Spielklasse - um dann dort zu erfahren, dass ein DDR-Statut Ausländer vom Spielen in der Oberliga ausschließt.

1962 kehrte Chérif nach Guinea zurück, wo seine Fußball-Karriere erst richtig aufblühte. 1968 nahm er im National-Team an den olympischen Spielen in Mexiko teil. Vier Jahre später wurde er Afrikas Fußballer des Jahres.

Und bis heute ist er Guineas Fußball-Superstar. Wenn er durch die Straßen seiner Heimat läuft, hängen ihm Scharen junger Bewunderer an den Fersen.

PELÉ AUS NEUBRANDENBURG (NDR)

Souleymane Chérif als umjubelter Spieler in Neubrandenburg. In der DDR-Oberliga durfte er jedoch nicht mitspielen.

Der Dokumentarfilm "Pelé aus Neubrandenburg" nimmt vor allem das enge Verhältnis von Chérif und seinen damaligen Team-Kollegen in den Blick. Und wie das war, akzeptiert zu werden in einer Gemeinschaft, in der es alles andere als normal war, je einen Afrikaner getroffen zu haben.

"Die Kinder haben mich angefasst, um zu sehen, ob ich Kohle auf der Haut hätte", erinnert sich Souleymane Chérif im Film, "und alle wollten wissen, was mich in die DDR geführt hat."

Doch da waren auch viel unangenehmere Erlebnisse. Etwa, als die Eltern seiner Freundin den Heiratsantrag abschmetterten. Oder die rassistischen Anwürfe gegnerischer Mannschaften. Insgesamt aber ist Chérifs Geschichte eine der Akzeptanz.

Die DW sprach mit Autor Benjamin Unger über die Aktualität seines Films.

Deutsche Welle: Wie kam es zu einem Film über Souleymane Chérif? Ist er bekannt in Deutschland?

Benjamin Unger: In Deutschland kennt ihn fast niemand. In Neubrandenburg ist er bei Sportfans sehr bekannt, weil es eine so besondere Zeit war, als er damals in der DDR spielte. Es ist einfach faszinierend, dass er hier in Deutschland nicht in der ersten Liga spielen konnte, weil er ein Ausländer war. Und dabei so ein unglaubliches Talent hatte. 

Warum durften Ausländer damals nicht in der höchsten Klasse spielen?

Der DDR-Fußball wollte, dass seine eigenen Leute spielen, die Besten sind und so die Stärke der DDR bewiesen. 

Chérif kam über ein Austauschprogramm der DDR mit Guinea nach Deutschland. Außerhalb Deutschlands ist es vermutlich wenig bekannt, dass die DDR Studenten- und Arbeiter-Austauschprogramme mit afrikanischen Ländern hatte. Was hatte es damit auf sich?

Es gab einen großen Austausch mit Angola und Mosambik. Damals war unklar, was für ein Staat Guinea werden würde, ob ein sozialistischer oder demokratischer. Die Regierung arbeitete ein wenig mit dem ostdeutschen Staat, aber auch mit Westdeutschland zusammen.

Und Die DDR versuchte, mit vielen afrikanischen Ländern zusammenzuarbeiten, um Anerkennung zu erlangen. Damit wollte sie international Präsenz zeigen.

Es ging also um Diplomatie?

Die DDR wollte international anerkannt werden. Und mit vielen internationalen Verbindungen konnte sie auf Verbündete in der ganzen Welt verweisen. Beim Austausch von Studenten und Arbeitern ging es auch darum, dass die dann zurück in ihre Länder gingen und berichten konnten, wie großartig die DDR sei.

In vielerlei Hinsicht erinnert mich diese Geschichte an Situationen, die wir in Deutschland auch heute noch sehen könnten, nämlich dann, wenn es um die Akzeptanz von Flüchtlingen in Kleinstädten geht, in die sie die letzten Jahre gezogen sind. Wo sehen Sie die Relevanz der Geschichte für heute?

Die Relevanz für die heutige Zeit ist, dass sie zeigt, dass es auf der persönlichen Ebene keine Grenzen gibt. Wenn in Ostdeutschland heute in einer Stadt wie Neubrandenburg keine Ausländer in den Sportmannschaften, am Arbeitsplatz oder in der Nachbarschaft sind, dann kann man leichter auf die Idee kommen, dass Ausländer eine Gefahr für Deutschland sind oder auf andere populistische Annahmen. Sobald sich die Menschen auf persönlicher Ebene kennenlernen, sehen sie sich einfach als Menschen.

Stadtansicht Neubrandenburg (picture-alliance/dpa/B. Wüstneck)

65.000-Einwohner-Stadt Neubrandenburg in Mecklenburg-Vorpommern

Bei Chérif sagt jeder, der mit ihm in Neubrandenburg zusammen war, zuerst, dass er ein sehr würdiger, großartiger Mensch war. Es geht nicht darum, wie gut er als Fußballspieler war. Das war er auch. Aber das erste, was sie sagen, ist, dass er ein großartiger Mensch war.

Wenn man bedenkt, dass Flüchtlinge heute in Deutschland arbeiten, in Fußballmannschaften spielen, mitten in der Nachbarschaft leben oder am Wochenende etwas zusammen machen, dann ist das so wichtig. Und genau darum ging es ja bei Chérif.

Die Dokumentation "Pelé aus Neubrandenburg" ist in der ARD-Mediathek zu sehen und lief gerade im Programm des Internationalen Fußballfilm-Festivals Berlin, das noch bis zum 25. März geht. 

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