Smart Wearables - (un-)heimliche Helferlein für Topsportler | Sport | DW | 02.01.2020
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Sport

Smart Wearables - (un-)heimliche Helferlein für Topsportler

Bei vielen Sportlern lagen sie unterm Tannenbaum: Schwimmbrillen mit Display, sensorbestückte Trikots oder die neuesten Sportuhren. Was nutzen solche Gadgets Amateuren oder Profis wie Jan Frodeno?

Jens Krepela mit smart wearables Schwimmbrille (Jens Krepela)

DW-Reporter Jens Krepela testet eine smarte Schwimmbrille mit integriertem Display

Der erste Eindruck ist spektakulär. Ich gleite durchs Schwimmbecken und fühle mich wie die Kinofigur Terminator, ein Roboter aus der Zukunft. Ein von außen kaum sichtbares Display projiziert meine Trainingsdaten ins Brillenglas: Schwimmzeit, Dauer meiner Pausen, Zugzahl und Herzfrequenz. Die smarte Schwimmbrille ist ein Paradebeispiel für die Technik, die sich immer mehr ausdifferenziert. Selbst für Yoga gibt es das passende Produkt: Vibrierende Tights sollen Übungen vorgeben und Fehler korrigieren können. Mir liefert mein Trainingscomputer am Handgelenk Daten, die noch vor wenigen Jahren ausschließlich im Labor messbar waren - Millisekunden der Bodenkontaktzeit oder den algorithmisch bestimmten Wert der maximalen Sauerstoffaufnahme. Doch was fange ich als Hobbytriathlet damit an?  

Nüchterner Blick des Weltmeisters

"Es gibt extrem viel Schnickschnack, gerade in der Triathlon-Szene“, erzählt mir Jan Frodeno, dreifacher Ironman-Weltmeister, am Rande eines Interviews schmunzelnd, um gleich im nächsten Satz etwas Luft aus der High-Tech-Debatte zu lassen: "Wir arbeiten sehr basic: Wir verwenden Puls, Tempo beim Laufen und die Wattwerte auf dem Rad. Alles andere ist schön, aber nicht wichtig. Anhand dieser Daten arbeiten wir und können sehr gut einschätzen, wie die aktuelle Situation ist." 

Wir, damit meint Frodeno sich und seinen Coach Dan Lorang. Der Luxemburger, der darüber hinaus auch Ironman-Weltmeisterin Anne Haug und Radprofi Emmanuel Buchmann betreut, gehört zu den profilierten Ausdauersport-Trainern in Deutschland. "Ohne Wearables wäre mein Job, so wie ich ihn mache, gar nicht möglich", schätzt er die Vorteile der Technik ein, "ich sehe Jan nur wenige Tage im Jahr. Die Betreuung und Trainingssteuerung funktioniert fast komplett über den Austausch der Daten."

Ist Training heute dank der Technik effektiver? 

"Die Qualität der Messungen ist durch die Bank gut", bestätigt Dr. Christoph Zinner. Der Trainer und Sportwissenschaftler hat sich eingehend mit den Trainingscomputern beschäftigt. "Mit der besseren Qualität der Daten steigt aber nicht automatisch auch die Qualität des Trainings." Es bleibe nach wie vor entscheidend, wie Hobbysportler oder Profis damit umgingen. Wie Lorang und Frodeno bestätigt auch er, dass sich an den trainingswissenschaftlichen Grundlagen kaum etwas geändert hat.

Da stellt sich mir die Frage, ob es angesichts dessen im digitalen Zeitalter immer ein menschlicher Coach sein muss, der das Training steuert? Erste Anbieter versprechen Hobbysportlern wie mir, die einen größeren Wettkampf vor Augen haben, individuelle Betreuung mittels Künstlicher Intelligenz. "Davon würde ich im Moment noch die Finger lassen", rät mir Zinner. "Einfach, weil es nicht den einen Parameter gibt, an dem erkennbar wäre, ob eine Trainingseinheit gut oder schlecht war, der Übertraining oder einen herannahenden Infekt des Athleten deutlich macht."

Natürlich schreitet auch in diesem Bereich die Entwicklung rasant voran. Blutdruckmessungen ohne Manschette und vor allem die Bestimmung der Sauerstoffsättigung hält Zinner dabei für sehr interessant. "Das könnte auch die Lücke schließen, die es im Moment noch im Bereich des Krafttrainings gibt", erklärt der Wissenschaftler. Anders als im Ausdauerbereich werden dort kaum valide Daten gesammelt. 

Handball | Erstligisten mit Analyse-Technologie von KINEXON (Handball-Bundesliga)

Funkchips in Trikots und Ball: die Handball-Bundesliga nutzt "Smart Wearables" für ihre Zwecke

Manchmal dienen Daten aber gar nicht primär dazu, das Training zu verbessern. Die Handball-Bundesliga, oft als stärkste Handball-Liga der Welt bezeichnet, schickt seine Teams seit dieser Saison nur noch mit "smarten" Trikots auf das Feld, häufig wird auch ein "smarter" Ball verwendet. Laufstrecke, Sprints, Wurfhärte - diese Daten sollen die Sportart für die TV-Zuschauer noch attraktiver, die Leistung greifbarer machen. "Mit dem Echtzeit-Tracking schaffen wir ein innovatives Angebot  und einen zusätzlichen, faszinierenden Blickwinkel", unterstreicht Frank Bohmann, der Liga-Geschäftsführer. Die Technologie werde "die außerordentlichen Leistungen" der Spieler "noch spannender, aufschlussreicher und werthaltiger" machen.

Kurzfristiger Motivationsschub 

Was für die Handballer gelten soll, gilt für mich in jedem Fall. Es ist faszinierend, die Leistungsdaten virtuell greifbar zu haben. Ein nachgewiesen positiver Effekt der Wearables, bestätigt mir auch Sportwissenschaftler Zinner: "Sie steigern die Motivation, sich zu bewegen, richtig ins Training einzusteigen. Doch dieser Effekt hält nicht lange an, das zeigen unsere Studien." Für mich und alle anderen gilt also weiterhin: Den inneren Schweinehund müssen wir langfristig selbst besiegen. Bei Weltmeister Frodeno klingt das so: "Ich weiß nach 20 Jahren im Leistungssport, dass es auf die tagtägliche Leistung ankommt." Dass die smarte Technik auch neue, profane Probleme schaffen kann, erlebe ich gegen Ende meiner Schwimmeinheit. Völlig vom Display und den eigenen Daten absorbiert, schwimme ich im Becken frontal und unsanft auf eine ältere Dame. Gar nicht smart.  

Für diesen Artikel hatte der Reporter Zugriff auf eine Schwimmbrille der Firma FORM, sowie auf die gängigen Trainingscomputer von Suunto, Garmin, Polar und weiteren Herstellern. 

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