Betrug beim Skispringen: "Wollen die uns alle verarschen?"
5. Januar 2026
Ein zu kurzer Sprunganzug, eine zweite Sohle, versteckt im Socken und verbotenes Fluor-Wachs auf den Skiern. Eigentlich ist die Vierschanzentournee der Skispringer immer das erste Sport-Highlight des Jahres in Deutschland.
Seit 1953 gibt es den traditionsreichen Wettbewerb, der die Springen in den deutschen Wintersport-Orten Oberstdorf und Garmisch-Partenkirchen im Bundesland Bayern sowie Innsbruck und Bischofshofen in Österreich verbindet. Wer in der Addition die meisten Punkte sammelt, ist Tourneesieger.
Davon, die Tournee wenigstens einmal zu gewinnen, träumen alle Skispringer - und offenbar ist einigen von ihnen dabei jedes Mittel recht. Denn diesen Winter wird der Wettbewerb gleich von mehreren Betrugsfällen und Disqualifikationen überschattet.
"Rote Karte" für Mitfavorit Timi Zajc
Timi Zajc, einer der Springer, die um den Gesamtsieg hätten mitkämpfen können, wurde bereits vom Wettbewerb ausgeschlossen. Der Slowene hatte beim ersten Springen der Tournee in Oberstdorf eigentlich Platz zwei belegt, wurde dann aber disqualifiziert, weil sein Sprunganzug zu kurz war und nicht den Regeln entsprach.
Da er beim zweiten Springen in Garmisch-Partenkirchen erneut einen zu kurzen Anzug trug, bekam er die "Rote Karte". Seine zweite Disqualifikation bedeutete den Ausschluss vom Rest der Tournee.
Während das slowenische Team sich überrascht gab, reagierten andere wütend: "Es ärgert mich wirklich maßlos", sagte Österreichs Sportdirektor Mario Stecher. "Das ist für mich absolut eine Manipulation." Sven Hannawald, Tourneesieger im Winter 2001/2002 und heutiger TV-Experte im deutschen Fernsehen, bezeichnete Zajc als "respektlos und dumm".
Genaue Bestimmungen
In den aktuell geltenden Regeln des Ski-Weltverbands FIS ist sehr detailliert festgelegt, wie der Anzug auszusehen hat, welche Nähte erlaubt sind und dass er an definierten Körperstellen immer zwischen zwei und vier Zentimetern Abstand zum Körper haben muss.
Denn: Ist der Anzug zu weit, bietet er beim Sprung mehr Auftriebsfläche. Das führt zu besseren Weiten. Der gleiche Effekt entsteht bei zu kurzen Anzügen, die beim Sprung gedehnt werden. Die auf Spannung gezogenen Anzugteile schaffen ebenfalls mehr Auftrieb.
Immer wieder Diskussionen über die Anzüge
Das Thema belastet das Skispringen bereits seit einigen Jahren. Bei den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking wurden beim Mixed-Teamwettbewerb gleich fünf Springerinnen wegen angeblich irregulärer Anzüge disqualifiziert.
Auch die deutsche Top-Springerin Katharina Althaus war darunter. Deutschland verpasste eine sicher geglaubte Medaille. Damals wurden allerdings nicht die Sportlerinnen als vermeintliche Betrügerinnen beschuldigt, sondern vor allem die Kontrollen kritisiert, die plötzlich viel genauer waren.
"Die Kontrollen waren andere als bei den Weltcup-Springen zuvor. Das ist einfach ohne Vorwarnung passiert", beklagte Althaus damals, die seit ihrer Hochzeit im Jahr 2023 Katharina Schmid heißt. Sie hatte den vermeintlich nicht-regelkonformen Anzug zuvor bei anderen Wettkämpfen und auch in Peking bereits benutzt und es war nie etwas beanstandet worden.
Nichts gelernt aus "Trondheim-Skandal"?
Anders lag der Fall beim "Trondheim-Skandal" im vergangenen März. Ausgerechnet bei der Nordischen Ski-Weltmeisterschaft im eigenen Land fielen die Norweger durch Betrug und Manipulation an ihren Sprunganzügen auf.
Damals tauchte ein Video auf, in dem zu erkennen ist, wie einen Tag vor dem WM-Springen von der Großschanze in einem Hotelraum im Beisein des damaligen norwegischen Cheftrainers Magnus Brevig Sprunganzüge mit einer Nähmaschine bearbeitet werden.
"Wir haben die Anzüge so manipuliert oder verändert, dass sie gegen die Vorschriften verstoßen", gab Brevig den Betrug nach anfänglichem Leugnen damals zu. Mit einem steiferen Faden hatte man eine zusätzliche Naht eingefügt, um den Anzug stabiler zu machen und für mehr Auftrieb zu sorgen.
Mehrere norwegische Springer wurden suspendiert. Cheftrainer Brevig, ein Assistenztrainer und ein Servicemann verloren ihre Jobs. Zudem änderte die FIS die Regeln und führte eine "Null-Toleranz-Politik" in Bezug auf Abweichungen bei den Anzügen ein.
Hannawald zu Norwegen: "Wollen die uns verarschen?"
Daher verwundert es, dass die Norweger auch in diesem Winter wieder für negative Schlagzeilen sorgen. Halvor Egner Granerud, Tourneesieger von 2022/23, wurde bei der Qualifikation zum Neujahrsspringen in Garmisch‑Partenkirchen am 31. Dezember disqualifiziert. Sein Sprunganzug war im Beinbereich zwei Millimeter zu lang.
Bei der bereits beendeten Two-Nights-Tour der Frauen, die aus Springen in Oberstdorf und Garmisch bestand, entdeckte man bei der Norwegerin Anna Odine Strøm eine in den Socken eingelegte zweite Sohle. Auch das ist nicht erlaubt.
Norwegens Cheftrainer Christian Mayer erklärte daraufhin, Strøm leide seit einem Sturz unter einer Schiefstellung der Hüfte. Allerdings wurde das nötige Attest für die zweite Sohle vom Verband erst verspätet nachgereicht.
Das und die Tatsache, dass die unerlaubte Sohle im Socken versteckt wurde, macht Ex-Springer Hannawald "fassungslos". Dass man gegenüber der FIS nicht transparent vorgegangen sei, sondern die Begründung erst nach der Entdeckung liefere, spreche Bände.
"Dieses Verstecken im Strumpf ist genau wieder der Punkt: Danach kannst du dir alle möglichen Ausreden einfallen lassen", sagte Hannawald. "Also, wollen die uns alle verarschen?"
Echter Betrug oder Fehler bei der Kontrolle?
Am Dienstag findet in Bischofshofen das abschließende vierte Springen statt. Danach steht fest, wer der neue "König der Skispringer" ist. Nach den ersten drei Wettbewerben führt in der Gesamtwertung der Slowene Domen Prevc vor den beiden Österreichern Jan Hörl und Stephan Embacher.
Die Diskussionen werden aber auch danach weitergehen: Suchen viele einen unerlaubten Vorteil und hoffen, nicht entdeckt zu werden, wie mutmaßlich die Norwegerin Strøm oder der Pole Pawel Wasek, dessen Skier bei der Qualifikation zum Springen in Innsbruck mit einer sehr geringen Menge eines verbotenen Fluor-Wachses präpariert waren?
Oder ist es schlicht nicht möglich, dass Kontrollen, in denen dehnbares Material geprüft wird und es um Millimeter geht, verlässlich und valide stets das gleiche, korrekte Ergebnis liefern, so dass auch solche Springer disqualifiziert werden, die in Wahrheit gar nicht manipuliert haben?