Sierens China: Das Gesetz des Stärkeren | Asien | DW | 04.07.2019
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Kolumne

Sierens China: Das Gesetz des Stärkeren

Trotz Aufhebung der Sanktionen will Huawei so schnell wie möglich von den USA unabhängig werden. So verliert der Westen nicht nur einen seiner wichtigsten Märkte, sondern auch Wettbewerbsfähigkeit, meint Frank Sieren.

Immerhin, Chinesen und Amerikaner reden wieder miteinander. Darauf haben sie sich auf dem G20-Gipfel im japanischen Osaka am vergangenen Wochenende geeinigt. Nach einem 80-minütigen Gespräch mit Xi Jinping erklärte Donald Trump, den Bann gegen Huawei wieder aufheben zu wollen - zumindest teilweise. Damit darf das chinesische Telekommunikationsunternehmen wieder amerikanische Technik kaufen. Im Gegenzug habe China versprochen, den USA größere Mengen an Agrarprodukten abzukaufen. Soja gegen Mikrochips, sozusagen.

Die Formulierungen sind allerdings schwammig: Wieder erlaubt sei der Verkauf von Technologien "ohne größere nationale Sicherheitsprobleme". Trump hatte den chinesischen Konzern in einem Dekret vom 15. Mai ja unter Generalverdacht gestellt, die nationale Sicherheit der USA zu gefährden. Trumps Wirtschaftsberater Larry Kudlow ruderte gleich zurück. Die Erlaubnis von Trump sei "keine allgemeine Begnadigung" für Huawei. Nun wartet man in Shenzhen, dem Hauptsitz von Huawei, auf Details. Da nichts klar ist, hat Peking die vermeintliche Aufhebung des Banns mit keinem Wort kommentiert. Man traut den Zusagen Trumps nicht.

Wer abhängig von den USA ist, lebt gefährlich

So oder so hat sich in Peking und bei chinesischen Firmen vor allem ein Eindruck verfestigt: Unternehmen, die die technologische Vorherrschaft der USA herausfordern, leben gefährlich - vor allem dann, wenn sie amerikanische Zulieferteile verbauen. Und da die Chinesen unbedingt technologisch auf Augenhöhe kommen wollen und das nicht ohne Herausforderung der USA geht, bleibt nur eine Lösung: Die Unternehmen müssen sich so schnell wie möglich von den USA unabhängig machen. Donald Trump hat also ein Eigentor für sein Land geschossen. Huawei wird nun die Entwicklungsgeschwindigkeit anziehen. Dabei ist das Unternehmen auch so schon in wenigen Jahren zum zweitgrößten Hersteller von Smartphones aufgestiegen, nach Samsung und vor Apple. Bei der 5G-Technik ist Huawei sogar weltweit führend.

Frank Sieren *PROVISORISCH* (picture-alliance/dpa/M. Tirl)

DW-Kolumnist Frank Sieren

Eines hat Trump allerdings doch erreicht: Die Huawei-Kunden außerhalb Chinas sind verunsichert. Huaweis Umsatz, der dieses Jahr auf rund 130 Milliarden Dollar wachsen sollte, werde nun um 30 Milliarden Dollar geringer ausfallen, schätzt Unternehmensgründer Ren Zhengfei. Allein das internationale Smartphone-Geschäft könnte um 40 Prozent schrumpfen.

Bei Huawei stellt man sich sicherheitshalber auf schwierige Zeiten ein. Denn der Machtkampf zwischen der aufsteigenden Weltmacht China und der absteigenden Weltmacht USA wird auch dann nicht abklingen, wenn Trump im kommenden Jahr nicht wiedergewählt wird. Das zeigt die Reaktion der Demokraten: "Huawei ist einer der wenigen wirkungsvollen Hebel, die wir haben, um China dazu zu bringen, beim Handel fair zu spielen", erklärte Chuck Schumer, der Franktionschef der Demokraten im US-Senat. Ein Entgegenkommen Trumps würde "unsere Fähigkeit, Chinas unfaire Handelspraktiken zu ändern, dramatisch untergraben".

US-Sanktionen waren "Nahtod-Erfahrung"

Huawei ist auch kein Einzelfall: Bereits 2018 geriet der Telekommunikationsausrüster ZTE ins Kreuzfeuer, weil er gegen die Iran-Sanktionen der USA verstoßen haben soll. "Es war eine Nahtod-Erfahrung für unser Unternehmen", erklärte Unternehmenssprecherin Lunitta Lu. Die chinesische Regierung wird nun, wo sie kann, ihre Unternehmen dabei unterstützen, technologisch autark und so stark wie möglich zu werden. Kein Land investiert so viele Milliarden in künstliche Intelligenz, Mikrochips und Industrieroboter wie die Volksrepublik. Trump hat dafür gesorgt, dass die Investitionen eher zunehmen werden.

Allein 2018 investierte China rund 300 Milliarden US-Dollar in Forschung und Entwicklung, das sind fast 2,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Neue Innovationhubs wurden eingerichtet, 4000 neue Hight-Tech-Pilotprojekte bis zum Ende des vergangenen Jahres auf den Weg gebracht.

Für Huawei ist der nächste wichtige Schritt ein eigenes Smartphone-Betriebssystem - das erste nicht-westliche als Alternative zu Googles Android und Apples IOS. Das wird anfangs noch nicht rund laufen und es wird dauern, bis ein Ökosystem mit entsprechenden Apps entstanden ist. Aber es ist ein historischer Schritt.

China wird die Rückstände schnell aufholen

Danach bleiben vor allem Mikrochips eine Achillesferse. Chinas Chipproduzenten sind noch immer auf ausländische Komponenten angewiesen. Die Patentgebühren hierfür sind hoch. Für ihre Einfuhr gibt China mehr aus als für Ölimporte. Die wichtigsten Lieferanten stammen aus Ländern, die Verbündete der USA sind, zum Beispiel Japan und Südkorea, aber auch Großbritannien, wo der auch für Huawei wichtige Chipentwickler ARM seinen Sitz hat. Wann chinesische Ingenieure selbst konkurrenzfähige Chips für die Massenproduktion herstellen können, ist noch unklar. Daran, dass sie den technologischen Vorsprung aufholen werden, besteht jedoch kein Zweifel. Chinesische Halbleiterfirmen haben sich in den vergangenen Jahren viel Know-how angeeignet - natürlich auch von ausländischen Unternehmen, die sie aufkauften oder deren Anteile sie halten.

Symbolbild Huawei (picture-alliance/dpa/Imaginechina/Da Qing)

China wird in der Chip-Entwicklung die bestehenden Rückstände schnell aufholen

Trump verkaufte die Aufhebung seines Banns gegen Huawei als Akt der Unterstützung für US-Unternehmen, die über die Sanktionen "nicht glücklich" gewesen seien. Darauf hätte er eigentlich vorher kommen können. Huawei hat im vergangenen Jahr Technologie im Wert von elf Milliarden Dollar bei US-Unternehmen gekauft.

Das soll sich nun in absehbarer Zeit ändern. HiSilicon, eine Tochterfirma von Huawei, ist schon jetzt der größte Chipentwickler Chinas. Teresa He Tingbo, die Chefin von Hisilicon, erklärte, die USA hätten das technische und industrielle System der globalen Zusammenarbeit "gnadenlos unterbrochen". Jetzt müssten lange vorbereitete Backup-Pläne noch schneller umgesetzt werden.

Mit der Huawei-Aktion hat Trump Amerika keinen Gefallen getan.

Unser Kolumnist Frank Sieren lebt seit über zwanzig Jahren in Peking.

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