″Shut Up & Play the Piano″: Dokumentarfilm über Chilly Gonzales | Musik | DW | 20.09.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Dokumentarfilm

"Shut Up & Play the Piano": Dokumentarfilm über Chilly Gonzales

Chilly Gonzales ist ein Grenzgänger zwischen den Musikgenres. Klassische Klavierkonzerte bespielt er wie ein Popstar, gern in Bademantel und Pantoffeln.

Das Klaviergeschäft - nur ein paar Schritte von Kölner Innenstadtring entfernt - ist noch geschlossen. Durchs Fenster sieht man eine vollgestellte Reparaturwerkstatt: restaurierte und entkernte Flügel, deren Innenleben in Einzelteilen auf sorgsam ausgebreiteten Tüchern liegen. Erst beim zweiten Klingeln öffnet Herr Lachmann, der Klavierbauer. Chilly Gonzales, mit dem wir zum Interview verabredet sind, wohnt hier um die Ecke.

Lachmann kennt Gonzales gut. Der kanadische Pianist lässt hier seine Klaviere stimmen und kommt manchmal zum Üben her. Als wir den Probensaal betreten, ist sofort klar, warum wir uns hier treffen: Hier stehen kostbare Steinway- und Bechstein-Flügel dicht an dicht im Halbdunkel und warten auf ihren nächsten Konzerteinsatz. Nur ein Flügel hat einen exponierten Einzelplatz am Fenster und steht für den Pianisten bereit.

Chilly Gonzales - Pianist, Komponist, Sänger und irgendwie auch Performance-Künstler. Eine Ausnahmeerscheinung - auch in den Konzertsälen der Klassikwelt. Ein punkiger Popmusiker, der minimalistische Klaviermusik komponiert. Mühelos kann er zwischen Jazz, Punk und Kammermusik hin- und her switchen. Ein Grenzgänger - in jeder Hinsicht.

Chilly Gonzales Musiker, Performance-Künstler (Getty Images/AFP/F. Coffrini)

Ohne Bademantel kein Konzert: Chilly Gonzales gibt alles auf der Bühne

Ein Berserker am Konzertflügel

Chilly Gonzales würdigt den schwarzpolierten Flügel keines Blickes, nutzt den Klavierhocker nur kurz, um seine Straßenschuhe gegen bequeme Pantoffeln zu tauschen. Bademantel trägt er heute nicht zum Interview. Er lacht, den brauche er nur beim Konzert, weil er immer soviel schwitze. Gonzales setzt sich ans Fenster, wo etwas kühlere Luft in den Raum weht. Inzwischen ist Regisseur Philipp Jedicke auch eingetroffen, beide begrüßen sich freundschaftlich. Seit den Dreharbeiten gehört Jedicke zum ausgewählten Kreis derjenigen, die den Musiker "Gonzo" nennen dürfen. Vertrauensbeweis.

Dreieinhalb Jahre hat der Kulturjournalist und Musiker an seinem Dokumentarfilm über den Ausnahmemusiker Chilly Gonzales gearbeitet, ihn zu Konzerten begleitet, Weggefährten aus der Musikszene interviewt und sich durch Berge von Archivmaterial und alten Videobändern gekämpft. "Es gab immer wieder Situationen, wo die Umstände so schwierig waren, dass ich eigentlich dachte: Das klappt nicht mehr", erzählt Philipp im DW-Interview. "Aber es ging dann immer irgendwie weiter. Ich musste mich da ganz schön durchbeissen. Gonzo hat viel davon mitbekommen und mich immer sehr unterstützt."

Der Filmtitel ist Programm

"Shut Up And Play The Piano" ist der klangvolle Titel des biografischen Dokumentarfilms, der auf der Berlinale 2018 seine Premiere hatte und mittlerweile auf zahlreiche Festivals eingeladen wurde. Jetzt startet in Deutschland im Kino. Der Titel ist ein älterer Song von Chilly Gonzales. Der Filmemacher hat ihn am Anfang seiner Recherchen sehr oft gehört, weil im Text fast alles vorkommt, was später dann auch im Film Thema wurde.

Sybille Berg (picture-alliance/dpa)

Sybille Berg interviewt Chilly Gonzales

"Der Song war mein Zugang zu ihm, mein Schlüssel sozusagen", sagt Philipp Jedicke. "Er singt und rappt in dem Song darüber, was für Selbstzweifel er hat, und ob er nochmal ein Solo-Album am Piano aufnehmen soll? Das hat mich fasziniert, dass er das so offen anspricht, welche Zweifel man als Künstler hat."

Inzwischen ist das Setting für das Interview soweit eingerichtet: Jedicke und Gonzales sitzen getrennt auf zwei Klavierhockern, direkt am offenen Fenster. Chilly reißt Toilettenpapier von einer Rolle und trocknet sich den Schweiß ab. Wir kommen schnell auf ein wichtiges Element des Films zu sprechen, quasi das dramaturgische Rückgrat: ein völlig künstlich in Szene gesetztes Interview.

Sein Gegenüber und von ihm ausgesuchte intellektuelle Sparringspartnerin: die Schriftstellerin Sybille Berg. Klug überlegt formuliert sie ihre Fragen vor der Kamera , kurz und knapp: zu seinem Leben, seiner Musik und allem, was ihr wesentlich erscheint. Zwei Tage lang. Und Chilly Gonzales antwortet - auf Augenhöhe, als ebenbürtiger Künstler.

"Sybille Berg hat Englisch mit mir geredet und war dadurch ein bisschen aus ihrer Komfortzone heraus", sagt er. "Das war nicht einfach für sie." Jedicke, der mit Gonzales seinen überhaupt ersten Dokumentarfilm gedreht hat, waren die Drehtage mit dieser gewagten Interviewsituation extrem aufregend. "Wir haben bewusst vermieden, dass die beiden sich vorher kennenlernen", berichtet er. "Da war immer so eine gewisse Grundspannung da. Die beiden waren neugierig aufeinander und dadurch war es nie langweilig."

Eine rasante musikalische Reise durch das Leben von Gonzalez

Der Dokumentarfilm folgt detailliert den biografischen Spuren des kanadischen Musikers. Geboren wird Jason Charles Beck 1972 in Montreal, Chilly Gonzales ist später Bühnenfigur. In seinem Elternhaus erfährt Musik keine große Wertschätzung. Sein Vater steigt in Kanada zum erfolgreichen Geschäftsmann auf, macht als Baumagnat Millionen mit Immobilien. Im Film streift die Handkamera über silbergerahmte Familienfotos: der Vater mit Bill Clinton, der Vater mit George W. Bush. Übermächtig und streng, eine schwierige Beziehung. Geld sei die Religion gewesen, erzählt Gonzales. 

Chilly Gonzales Musiker, Performance-Künstler (Getty Images/AFP/F. Coffrini)

Chilly Gonzales ist nicht nur Pianist, sondern auch ein großartiger Performer

Die Verbindung zur Musik kommt durch den jüdischen Großvater, der 1940 mit der Familie aus Ungarn vor den Nazis und der drohenden Deportation geflüchtet war. Das Klavierspielen bringt er den Enkeln bei. "Er war klassischer Pianist, doch er musste sich um's Überleben kümmern und konnte deshalb nicht Musiker werden", erfährt man im Film. "Vielleicht hat das einen gewissen Druck ausgeübt", mutmasst Gonzales. "Mein Bruder ist nämlich auch Musiker geworden: Er komponiert Filmmusik und lebt in Hollywood. Vielleicht leben wir beide den Traum unseres Großvaters."

In seinem Film arbeitet Philipp Jedicke mit rasanten Schnittfolgen. Er durfte sich aus dem privaten Video-Archiv des Musikers bedienen: Gonzales als Sänger und Frontmann in diversen Punkbands,  freestyle-rappend durch die Berliner Clubs und Underground-Szene ziehend, laut, mit exaltierter Bühnenshow. Schräge Videoaufnahmen, radikal subjektiv gedreht..

Biografische Nahaufname aus der Ferne

Die Frage an Chilly Gonzales, wie er sich selbst im Film sieht, beantwortet er erst nach kurzem Zögern: "Das war schwer für mich, mein Gesicht so groß und so schwitzend im Kino zu sehen. Ich habe das Gefühl in jedem Frame dieses Films zu sein. Ich kann nicht objektiv sein."

Inzwischen ist Gonzales ruhiger, seit ein paar Jahren lebt er mit seiner deutschen Freundin in Köln, und gibt klassische Klavierkonzerte - nach wie vor mit Entertainerqualitäten. Chilly Gonzales arbeitet mittlerweile viel mit klassischen Musikern und auch großen Orchestern, wie dem Vienna Symphonic Orchestra, zusammen. Im Film erlebt man die Proben mit diesen Konzertprofis mit, die über die Pop-Allüren des Pianisten nur staunen. Selbstbewußt tritt Gonzales auch mit Weltstars wie dem chinesischen Pianisten Lang Lang oder der russischen Pianistin Olga Scheps auf.

Jedicke hat diese Ambivalenz zwischen latentem Größenwahn und tiefen Selbstzweifeln in starke, aufwühlend emotionale Filmbilder übersetzt. Hautnah erlebt man die schweißtreibenden Auftritte, die Achterbahn der Gefühle dieses Musikerlebens mit.

Irene Klünder, Philipp Jedicke (Regie), Manfred Hattendorf. Preis für den Film Shut up and play the Piano (SWR/M. Palmer)

Philipp Jedicke wurde für die Doku vom SWR ausgezeichnet

Und wenn das transsylvanische Temperament seines  Großvaters mit ihm durchgeht, legt sich Gonzales schon mal in den offenen Konzertflügel - eine Anleihe an seine frühen Punkjahre. Am Schluss des Dokumentarfilms steht Chilly im zerwühlten Bademantel auf der Bühne und ruft ins Publikum:"Und jetzt Crowdsurfing, los!" Und springt. Ein Glücksgefühl auch für die Kinozuschauer.

Der Dokumentarfilm von Philipp Jedicke "Shut Up And Play The Piano" läuft ab 20.9.2018 in ausgewählten Programmkinos in Deutschland an. Nach seinen Solo-Alben "Piano Solo" (2004) und "Piano Solo II" (2012) hat Chilly Gonzales jetzt das dritte Album seiner minimalistischen Klassikreihe veröffentlicht: "Piano Solo III" (2018)