Shortlist: Die sechs Kandidaten für den Deutschen Buchpreis 2016 | Bücher | DW | 09.10.2016
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Bücher

Shortlist: Die sechs Kandidaten für den Deutschen Buchpreis 2016

Hooligans, einsame Familien und depressive Großstädter: Sechs Bücher gehen in den Endspurt um den Deutschen Buchpreis. Eines davon wird am 17. Oktober zum Roman des Jahres gekürt. Wir stellen die Favoriten vor.

Video ansehen 11:54

Die Shortlist 2016

Es wird viel getrunken und viel gepöbelt in den Werken der für die letzte Auswahlrunde Nominierten. Vielleicht liegt es ja an einer besonders hohen Dosis Wirklichkeit, die sich in ihrer Prosa findet? Oder einfach nur an der Tatsache, dass die meisten der ausgewählten Autoren noch jung und zudem männlich sind? Wir stellen sie Ihnen mit ihren Büchern vor - die einzige Schriftstellerin unter den Sechs natürlich auch.

Reinhard Kaiser-Mühlecker: "Fremde Seele, dunkler Wald"

Der Geruch, den er wahrnahm, der Geruch, der überall war und dem er nicht entkommen konnte, war widerlich. Und nichts, gar nichts war der frühere Ekel gegen den, den er jetzt empfand.

Ein gutes Dutzend Preise und Stipendien hat der österreichische Autor schon für seine bisherigen Bücher, fünf Romane und ein Band mit Erzählungen, erhalten. Der Deutsche Buchpreis gehört bisher nicht dazu, aber Kaiser-Mühlecker ist noch jung: 1982 in Oberösterreich geboren. Jung sind auch die zentralen Figuren in seinem jetzt nominierten Roman: zwei Brüder, Jakob, noch 15-jährig, als wir ihm zum ersten Mal begegnen. Alexander, ein vom Auslandseinsatz mit einer internationalen Truppe zurückgekehrter Soldat. Sie leben in einer Drei-Generationen-Familie auf dem Land, gefangen in einer von Klatsch, Schuld und verwandtschaftlichen Bindungen dominierten Tradition, die dem Wandel der Zeit entgegensteht. Kaiser-Mühleckers ruhige, schwere Sprache wirkt ein bisschen wie aus einer anderen Zeit. Eindringlich vermittelt sie das Gefühl des Gefesseltseins zwischen Sehnsucht und Resignation.

Reinhard Kaiser-Mühlecker, "Fremde Seele, dunkler Wald", S. Fischer, August 2016, 302 Seiten

Bodo Kirchhoff: "Widerfahrnis"

Ja, es war ein milder, jeden aus seinem Gehäuse lockender Abend, so hatte er ihn in Erinnerung, einer von jenen Abenden, die schon etwas vom Sommer auftischen, mit bloßen Armen, bloßen Kniekehlen und all den kleinen Tattoos, wie von einer Stunde zur anderen von ihren Hüllen befreit, aber dafür hatte er jetzt keine Augen mehr.

Was kann einem noch widerfahren als Rentner, wenn der Verlag geschlossen und die Zukunft nicht mehr offen ist? Nun, es kann einem zum Beispiel die Liebe begegnen, in Gestalt eines Romans ohne Titel und einer Hutmacherin, die abends überraschend vor der Tür steht. Bodo Kirchhoff ist Spezialist für unerhörte Begebenheiten. In seiner Novelle über eine späte, unverhoffte Liebe schickt er zwei Menschen auf eine traumhafte Reise nach Sizilien - Italien bleibt das Sehnsuchtsziel der Deutschen. Doch das Idyll trifft auf die Gegenwart: ein verwahrlostes, kleines Flüchtlingsmädchen, das nicht spricht. Das Paar will ihm helfen - aber wo hört die Hilfe auf und fängt die Zwangsbeglückung an? Mit leichtem, ironischem Pathos und in einer sehr präzisen Sprache hat der Routinier Kirchhoff ein gleichzeitig zeitloses und aktuelles Werk geschaffen.

Bodo Kirchhoff, "Widerfahrnis", Frankfurter Verlagsanstalt, September 2016, 210 Seiten

André Kubiczek: "Skizze eines Sommers"

Keine Ahnung, wer zuerst zu wem kam, die Melancholie zu mir oder ich zur Melancholie. Aber eines stand fest: Seit einem Jahr war sie da. Und das andere: Sie ging seitdem nicht mehr weg. Nicht mehr freiwillig. Ich guckte in den Badezimmerspiegel, als mir dieser Gedanke in den Kopf schoss. Nicht dass jemand glaubt, ich würde mir solche Sachen aus den Fingern saugen, um mich interessanter zu machen oder wozu auch immer.

In den Sommerferien 1985 feiert René in Potsdam seinen sechzehnten Geburtstag. Seine Mutter ist an Krebs gestorben, sein Vater verhandelt für die DDR in Genf über Abrüstung: Sieben lange von Erwachsenen freie Wochen liegen vor René und seinen Freunden. Ein Sommer voller Entdeckungen: rauchen, Brandy trinken, The Cure hören. Viel Zeit, sich zu stylen und zu stilisieren - mit Worten, Musik, Attituden. Sich wichtig machen vor Bianca, Connie und Rebecca - und reden, viel reden, über Baudelaire, die Arbeiterklasse oder die wöchentliche Disco im Orion. Eine Jugend im DDR-Sound, erzählt aus der Ich-Perspektive Renés. Witzig, grell und authentisch: André Kubiczek stammt aus Potsdam. 1985, im letzten Jahr, in dem in der DDR alles noch ungestört seinen sozialistischen Gang ging, war er sechzehn.

André Kubiczek, "Skizze eines Sommers", Rowohlt Berlin, Mai 2016, 375 Seiten

Thomas Melle: "Die Welt im Rücken"

Wenn Sie bipolar sind, hat Ihr Leben keine Kontinuität mehr. Die Krankheit hat Ihre Vergangenheit zerschossen, und in noch stärkerem Maße bedroht sie Ihre Zukunft. Mit jeder manischen Episode wird Ihr Leben, wie Sie es kannten, weiter verunmöglicht. Die Person, die Sie zu sein und kennen glaubten, besitzt kein festes Fundament mehr. Sie können sich Ihrer selbst nicht mehr sicher sein. Und Sie wissen nicht mehr, wer Sie waren.

Thomas Melles autobiographische Krankheitsgeschichte ist kein Roman, sondern die literarische Rückeroberung seines eigenen Lebens. "Die Fiktion muss pausieren", schreibt Melle schon im Prolog seines Prosatexts. Die diesjährige Buchpreis-Jury hat Courage gezeigt, indem sie das Buch auf die Shortlist für den "besten Roman" setzte. Vielfach größeren Mut bewies der Autor, indem er unverhüllt über die bipolare Störung schrieb, an der er seit vielen Jahren leidet. 1999, mitten im hektischen Berliner Studentenleben zwischen Hörsaal und Club überfällt ihn die Manie zum ersten Mal und treibt ihn monatelang mit Wahnvorstellungen durch die Stadt. Auf die Manie folgt die Depression, Zersplitterung bis zur vollkommenen Ich-Entleerung. Lang andauernde Schübe, die sich im Abstand von Jahren wiederholen und sein Leben zerstören, ihn fast seiner Identität berauben. Melle beschreibt seine Krankheit, diesen Wechsel von Wahn und Scham, aus der Binnenperspektive, mit der enormen literarischen Kraft, die auch seine vorherigen Romane und Theaterstücke auszeichnet.

Thomas Melle, "Die Welt im Rücken", Rowohlt Berlin, August 2016, 352 Seiten

Eva Schmidt: "Ein langes Jahr"

Die Nachbarn bestaunten den Hund. Er war ein auffallend schönes Tier. Aber man bestaunte ihn auch aufgrund seiner Herkunft und der Tatsache, dass er, der aus einem Asyl in Albuquerque stammte, das Glück hatte, in einer der angesehensten Familien der Gegend untergekommen zu sein.

Die Stadt liegt am Ostufer des Bodensees. Bei der Stadt muss es sich um Bregenz handeln, die Heimatstadt der Autorin, auch wenn der Name in Eva Schmidts Episodenroman nie fällt. Eine Geschichte, die sich in kurzen Kapiteln von Figur zu Figur hangelt, ein Panorama von Menschen und Hunden entwirft, ehe sie mit plötzlichem Perspektivwechsel von einem Ich übernommen wird. Diese Ich-Erzählerin ist eine alleinstehende Frau, ohne Kinder, aber mit Hund, die ihre Umgebung mit alltäglicher Aufmerksamkeit beobachtet und plötzlich feststellt, dass sie selber von einer gegenüberwohnenden Frau direkt in den Blick genommen ist. Und erneut wechselt die Perspektive - zur Gegenseite. Cora und Susanne, Tom und Ben, Marasek und der Stumme - Eva Schmidts erstes Buch seit fast zwanzig Jahren handelt von Menschen (und ihren Hunden), die unsere Nachbarn sein könnten - oder die auf der Straße vor unserem Haus schlafen. Es ist durchzogen von einer stillen Melancholie, Seelicht eben.

Eva Schmidt, "Ein langes Jahr", Jung und Jung, Februar 2016, 212 Seiten

Philipp Winkler: "Hool"

Ich hätte einfach nie auf Kais dämlichen Vorschlag eingehen sollen. Dann wären wir nie nach Braunschweig gefahren. Er würde nicht wie ein Häufchen Elend in so einem Krankenhauspapierbett versinken. Halbblind. Ulf wäre immer noch einer von uns. So richtig einer von uns. Ich wäre nicht unten durch bei meinem Onkel. Diese ganze abgefuckte Scheiße wäre nie passiert, wenn ich einfach nein gesagt hätte.

"Ich wärme meinen neuen Zahnschutz in der Hand an." Philipp Winklers Debütroman führt schon mit dem ersten Satz in eine Welt, die man eigentlich nur kennenlernt, indem man zu ihr gehört. Die Innenwelt von Hooligans, in diesem Fall Hannoveraner Hools. Winkler erzählt die harte Welt von Heiko Kolbe und seinen Blutsbrüdern ausschließlich aus Heikos Sicht: von rauschhaften Kämpfen, zu denen sich seine Gruppe mit anderen Hooligan-Gruppen nachts im Wald verabredet. Von den großspurigen Sprüchen seines Onkels Axel, der in seinem Fitness-Studio gescheiterten Kampfsportlern, koksenden Bikern und rechten Glatzen einen Tummelplatz bietet. Vom saufenden und pissenden Vater, seiner nach Bürgerlichkeit lechzenden Schwester und der verschwundenen Mutter. Von Hundekämpfen, einem Geier und menschlichen Wracks. Aber auch von unverbrüchlicher Liebe wie der zum Fußballverein Hannover 96, zu den Freunden und einem Toten. Es ist die Welt und die Sprache von Außenseitern. Immer todtraurig, hoffnungslos poetisch, manchmal komisch. Und tief unter die Haut gehend.

Philipp Winkler, "Hool", Aufbau Verlag, September 2016, 310 Seiten

Die Redaktion empfiehlt

Audio und Video zum Thema

Anzeige
Gutenberg im Cyberstorm: Moderatorin Kate Müser schaut durch Google Glasses auf eine Grafik diverser Ortsnamen (Foto: DW)

Gutenberg im Cyberstorm

Vom Wert des Buches im digitalen Zeitalter