Selenskyjs Berater Arestowytsch: ″Unser größter Verlust ist der Fall von Mariupol″ | Europa | DW | 07.06.2022
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Russlands Krieg gegen die Ukraine

Selenskyjs Berater Arestowytsch: "Unser größter Verlust ist der Fall von Mariupol"

Russlands Krieg gegen die Ukraine dauert schon über drei Monate. Was sind Kiews größte Errungenschaften und Verluste? Im DW-Interview gibt sich Präsidentenberater Oleksij Arestowytsch trotz Rückschlägen zuversichtlich.

DW: Herr Arestowytsch, Russlands Krieg gegen die Ukraine dauert schon über drei Monate. Wie schätzen Sie die Lage ein?

Oleksij Arestowytsch: Die Russen haben die "Spezialoperation" vollständig verloren. Die geplanten Methoden und Mittel der Kriegsführung haben nicht funktioniert. Daher wechselten sie zur üblichen Militärtaktik, der Konzentration von Kräften und Mitteln auf einen engen Frontabschnitt. Es ist der Versuch, die ukrainische Armee mit einer überlegenen Artillerie und Luftstreitkraft zu erdrücken. Aber auch dies machen sie sehr schlecht, trotz einiger taktischer Erfolge. Aber Krieg ist eben viel mehr als das Schlachtfeld. Krieg ist ein komplexer Vorgang, und Russland genießt dabei gewisse Vorteile.

Anzeichen dafür ist unter anderem die Debatte im Westen darüber, was ein Sieg der Ukraine im Krieg bedeuten würde, und ob die Ukraine den Krieg überhaupt gewinnen sollte. Noch vor einem Monat gab es im Westen Stimmen, die sagten, die Ukraine müsse siegen und Russland eine militärische Niederlage erleiden. Mehr noch, Russland müsse einen Zustand erreichen, in dem es seinen Nachbarn nicht mehr mit militärischer Gewalt drohen könne.

Es gibt noch ein zweites Szenario, wonach Russland nicht siegen soll. Demnach können sich viele westliche Politiker keine Welt vorstellen, in der Russland verliert, aber sie können sich eine Welt vorstellen, in der Russland nicht siegt. Dies zeigt, dass ein Teil der westlichen Eliten zu solch großen Prüfungen nicht bereit ist und auch nicht gewillt ist, in einer Welt zu leben, in der Russland verliert. Dies würde enorme historische Veränderungen bedeuten. Sie wollen zurück zu "business as usual".

Würde dieses Szenario bedeuten, der Konflikt würde in den jetzt umkämpften Gebieten "eingefroren"?

In den Gebieten, die sie halten. Es kämen ein Status quo und Verhandlungen. Aber all dies habe ich schon anderthalb Jahre lang bei den Verhandlungen in der Trilateralen Kontaktgruppe zum Donbass gesehen. Das können wir uns nicht erlauben. Acht Jahre lang wurde alles versucht, und alles endete mit der Einnahme unserer Gebiete, aus denen dann unsere Bürger losgeschickt und gezwungen werden, Ukrainer zu töten. So wie jetzt bei der "Mobilmachung" in den sogenannten "Volksrepubliken Donezk und Luhansk".

Was waren bislang die größten Errungenschaften und Verluste der Ukraine in diesem Krieg?

Was die Errungenschaften angeht: Die Russen eröffneten ihre Offensive gleich an neun Fronten. Jetzt sind es noch fünf. Das heißt, wir haben sie an vier zurückgeschlagen, und das ohne Lend-Lease (Anmerk. d. Red.: Vom US-Kongress beschlossenes Gesetz für schnelle Waffenlieferungen an die Ukraine) , was ein völliges russisches Scheitern bedeutet.

Wir haben mindestens ein Drittel der Truppen vernichtet oder kampfunfähig gemacht. Die russische Armee ist daher in ihrer Kampffähigkeit sehr eingeschränkt. Der beste Beweis dafür ist die verdeckte Mobilmachung. Es werden alte T-62-Panzer eingesetzt, und es wird versucht, irgendwelche Freiwillige zu rekrutieren, die eine Woche lang trainiert und dann losgeschickt werden. Dies zeigt einen gravierenden Personalmangel. Zudem haben die Ukrainer den Kreuzer Moskwa versenkt, das Flaggschiff der russischen Schwarzmeerflotte. Das ist unser großer Erfolg.

Der größte Verlust ist der Fall von Mariupol und davor der schnelle Vormarsch der russischen Armee von der Krim aus in den Süden und die Eroberung von Cherson, Melitopol und Berdjansk.

Hätte die Ukraine zu Beginn des Krieges die südlichen Regionen halten könnten?

Das Kräfteverhältnis der Seiten, die Besonderheiten der Verteidigung in der Steppe und die Nähe zu russischen Flugplätzen auf der Krim, all das lässt bei mir als Militärangehörigen gewisse Zweifel aufkommen, dass wir die Verteidigung dort hätten aufrechterhalten können. Eine andere Sache ist, dass man die Verteidigung in jenen Städten hätte sichern können.

Zum Beispiel liegt Cherson am rechten Ufer des Dnipro. Die Stadt hätte gehalten werden können, weil die russischen Truppen den Fluss überqueren mussten. Berdjansk ist eine Sackgasse, es wäre schwierig, die Stadt zu verteidigen, aber man hätte die Gebiete zwischen Berdjansk und Mariupol halten können, die gesamte Agglomeration, die sich südlich von Saporischschja befindet, wo die Russen das Atomkraftwerk erobert haben. Aber warum gab es da keine Truppen und keine angemessene Verteidigung? Warum wurde dort in drei Tagen tatsächlich alles erobert? Die Ermittlungsbehörden suchen bereits eine Antwort, die die Bürger wohl erst nach dem Krieg erfahren werden. Man muss herausfinden, was passiert ist, damit sich das nicht wiederholt.

Infografik Karte Russische Truppenbewegungen in der Ostukraine DE

Westliche Länder haben Lieferungen von Mehrfachraketenwerfern vom Typ HIMARS und M270 mit längerer Reichweite an die Ukraine angekündigt. Wird dies die Situation verändern?

Es hängt von der Anzahl der Waffen und der Munition ab. Wenn es mindestens zwei Divisionen sein werden, dann wird die Fähigkeit der russischen Truppen, Offensiven auf operativer Ebene durchzuführen, unter einem großen Fragezeichen stehen. Wenn wir weniger bekommen, werden sich die Spielregeln dennoch zu unseren Gunsten ändern, aber die Russen werden Offensiven fortsetzen können, obwohl dies für sie viel schmerzhafter sein wird, mit enormen Verlusten, was auch gut ist, denn die Zeit spielt für uns. Die dritte Möglichkeit ist, dass wir so viel bekommen, dass wir nicht nur die Russen aufhalten, sondern auch Gegenoffensiven werden durchführen können.

Sie haben erklärt, das ukrainische Militär habe in Sjewjerodonezk die russischen Truppen in eine Falle gelockt und nur vorgetäuscht, die Stadt aufzugeben. War das Manöver erfolgreich?

Das Manöver erwies sich als erfolgreich. Aber dies garantiert nicht, dass wir aus Sjewjerodonezk nicht abziehen werden. Wir können den Russen Verluste zufügen und uns zurückziehen, um Lyssytschansk zu halten. Wir betreiben eine Verteidigung, die sowohl Gegenangriffe als auch das Aufgeben bestimmten Geländes vorsieht, wenn es sich nicht lohnt, es zu dem Zeitpunkt zu verteidigen. Unser Kommando tut alles, um die feindlichen Truppen zu vernichten, sie zu schwächen. Unsere Kräfte greifen in Sjewjerodonezk an und haben mehrere Straßen zurückerobert.

Der Leiter der Aufklärung des ukrainischen Verteidigungsministeriums, Kyrylo Budanow, sagte kürzlich, im August werde es im Krieg einen Wendepunkt geben. Die aktive Phase werde bis Ende des Jahres enden. Teilen Sie diese Erwartungen?

Es kann so kommen, wenn das Tempo der Lieferung westlicher Waffen und militärischer Ausrüstung unseren Erwartungen entsprechen wird. Mit Wendepunkt meint er wahrscheinlich dasselbe wie ich, dass wir genug Kräfte und Mittel anhäufen werden, um eine Offensive zu starten. Aber die Befreiung unserer Gebiete kann dann noch einige Monate dauern.

Wird eine militärische Befreiung der annektierten Krim erwogen?

Das hängt von der Menge und Qualität der Waffen ab, die bereitgestellt werden. Sollten wir einen Vorteil haben, der es uns ermöglicht, die Krim ohne schwere Verluste zu befreien, dann warum nicht. Präsident Wolodymyr Selenskyj hat aber gesagt, dass dies eine sehr schwierige Operation wäre, die auch im Falle eines Erfolges enorme Verluste verursachen würde. Er sagte, dass wir die Russen zumindest bis zu den Grenzen vom 23. Februar zurückdrängen sollten, und dass über das Schicksal der Krim und der anderen Gebiete, die seit acht Jahren von den Russen besetzt sind, auf politisch-diplomatischem Wege entschieden werden sollte.

Man muss aber wissen, sollten wir die Russen bis zur Linie vom 23. Februar zurückdrängen, dann wäre dies schon eine sehr bedeutende Niederlage für sie. In dem Fall werden wir bei Verhandlungen nicht auf sie einreden, sondern ihnen Bedingungen diktieren. Das wären dann Verhandlungen der Ukraine aus einer Position der Stärke heraus.

Oleksij Arestowytsch ist Berater von Andrij Jermak, des Leiters des Büros des ukrainischen Präsidenten. Arestowytsch ist zuständig für strategische Kommunikation im Bereich der nationalen Sicherheit und Verteidigung. Er war der Sprecher der ukrainischen Delegation in der Trilateralen Kontaktgruppe von Minsk.

Das Gespräch wurde am 3. Juni von Konstantin Goncharov geführt.

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