Selbstverbrennung der russischen Journalistin: Wer war Irina Slawina? | Europa | DW | 05.10.2020
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Russland

Selbstverbrennung der russischen Journalistin: Wer war Irina Slawina?

Die russische Journalistin Irina Slawina zündete sich vor dem Polizeigebäude in Nischni Nowgorod selbst an. Nun wurde wurde sie beigesetzt. Über die Gründe für die Tat sprach die DW mit Menschen, die Slawina kannten.

Russland Irina Slawina

Irina Slawina - kämpfte gegen die Ungerechtigkeit im Land

Noch am Nachmittag des 2. Oktober hatte Irina Slawina, Chefredakteurin von KozaPress im russischen Nischni Nowgorod, auf Facebook dazu aufgefordert: "Macht die Russische Föderation für meinen Tod verantwortlich." Wenige Minuten später zündete sie sich vor einem Polizeigebäude an. Die 47-Jährige war auf der Stelle tot. 

Als Philologin arbeitete Slawina zunächst als Lehrerin für russische Sprache und Literatur, dann als Journalistin für regionale Medien. 2015 verlor Slawina zum dritten Mal ihren Job, als sie die lokale Nachrichtenagentur News-NN aufgrund von Zensur verlassen musste. Da kein Medienunternehmen ihrer Einschätzung nach es mehr wagen würde, mit ihr zusammenzuarbeiten, gründete Slawina das unabhängige Medienunternehmen KozaPress - zu Deutsch: "Ziegen-Presse". Sie war Herausgeberin, Redakteurin und Korrespondentin zugleich. KozaPress war spendenfinanziert und gehörte schnell zu den beliebtesten Medien in der Region.

"Ein Gefühl der Ohnmacht",

Slawinas Texte waren stadtbekannt, lokale Beamte und Geschäftsleute hatten sogar Angst vor ihr. Das sagt Swetlana Kusewanowa, Anwältin am "Zentrum zum Schutz von Medienrechten". In den letzten Jahren habe es mehrere Verfahren gegen die Journalistin gegeben. "So ergeht es aktiven russischen Medien, die nicht über Blümchen und Kühe schreiben", betont Kusewanowa. Die Bußgelder gegen Slawina: 70.000 Rubel (760 Euro) für angebliche Missachtung der Behörden aufgrund eines Facebook-Artikels über die Eröffnung einer Gedenktafel für Sowjet-Diktator Stalin, 65.000 Rubel (705 Euro) wegen eines Textes mit angeblich falschen Informationen über das Coronavirus in der Stadt Kstowo, obwohl die Behörden die Fälle bestätigt hatten, und 5000 Rubel (54 Euro) wegen Verbindungen zu einer unerwünschten Organisation.

Russland Irina Slawina

Irina Slawina setzte sich für Veränderungen in Russland ein

"Sie wurde für alles Mögliche bestraft. Zudem wurden am Eingang ihres Hauses beleidigende Flugblätter aufgeklebt und ihre Autoreifen aufgeschlitzt. In dieser Hölle lebte sie viele Jahre", sagt Stanislaw Dmitrijewskij, Menschenrechtsaktivist in Nischni Nowgorod. Ihm zufolge war Slawina eine sehr ruhige und selbstbewusste Person, "aber in ihr loderte ein Vulkan". Die Ungerechtigkeit im Lande habe sie nicht ertragen. "Das Schweigen der meisten Menschen war für sie traumatisierend. Das gab ihr ein Gefühl der Ohnmacht", so der Aktivist. Er ist überzeugt, dass die Hausdurchsuchung am Vortag die Journalistin dazu gebracht hat, sich selbst in Brand zu setzen.

"Der letzte Tropfen"

Zwölf Sicherheitsbeamte brachen um sechs Uhr morgens die Tür zu Irina Slawinas Wohnung auf. Sofort nahmen sie der Journalistin das Telefon ab, so dass sie nicht ihren Anwalt anrufen konnte. Es wurde nach Hinweisen über die Zusammenarbeit mit der Organisation "Offenes Russland" gesucht, die vom ehemaligen Ölmilliardär Michail Chodorkowski gegründet worden war. 

Gesucht wurde nach Material der Organisation: "Broschüren, Flugblätter, Konten von 'Offenes Russland', womöglich nach einer Ikone mit dem Gesicht von Michail Chodorkowski", schrieb Slawina auf ihrer Facebook-Seite nach der Durchsuchung und fügte hinzu: "Ich habe nichts davon." Vor der Durchsuchung sei ihr angeboten worden, den Behörden Papiere über die Organisation zu übergeben, die angeblich Proteste gegen die Bebauung eines Parks in Nischni Nowgorod finanziert, hatte Slawina in einem Interview gesagt.

"Offenes Russland" wurde von Kreml-Kritiker Chodorkowski zusammen mit Aktionären seiner 2001 vom Staat geschlossenen Firma Yukos gegründet. Nach Darstellung von Chodorkowski, der nach langer Haft in Russland heute im Exil lebt, setzt sich seine Organisation für Demokratie und Menschenrechte ein. 2017 wurde "Offenes Russland" von den russischen Behörden als "unerwünscht" eingestuft. Die Zusammenarbeit mit solchen Organisationen ist in Russland verboten und kann mit Haft bestraft werden. Irina Slawina habe mit "Offenes Russland" nichts zu tun gehabt, erklärt der Geschäftsführer der Organisation Andrej Piwowarow.

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Irina Slawina mit einer Ziege auf der Schulter bei einer Protestaktion in Nischni Nowgorod

Am selben Tag wie bei Slawina wurden bei sechs weiteren Personen Durchsuchungen durchgeführt. Darunter auch Alexej Sadomowskij, Vizechef des Regionalverbandes der oppositionellen Partei "Jabloko" in Nischni Nowgorod. "Es ist demütigend und beängstigend", so Sadomowskij. Er vermutet, dass dieses Vorgehen der Behörden für Irina Slawina "der letzte Tropfen" für ihre Selbstverbrennung war.

"Sie hat sich nicht beklagt, nicht gesagt, dass sie es schwer hat. Wir alle haben den Druck anscheinend unterschätzt und waren nicht aufmerksam genug", sagt Arkadij Galker, Leiter des Büros der Menschenrechtsorganisation "International Memorial" in Nischni Nowgorod. "Dies ist kein Selbstmord einer müden Frau, sondern das Ergebnis von Staatsterrorismus, eines unglaublichen staatlichen Drucks", betont Galker. Er ruft dazu auf, diejenigen vor Gericht zu stellen, die die Journalistin Slawina "in den letzten Jahren terrorisiert haben".

Opposition zunehmend unter Druck

Auch Sadomowskij meint, dass Slawinas Suizid vor allem "eine politische Geste" sei. "Das war ein Versuch, auf die Probleme aufmerksam zu machen, über die sie geredet hatte", so der Politiker. Laut Sadomowskij ist der Druck auf die Opposition in Nischni Nowogorod kürzlich stark gestiegen, besonders im Zusammenhang mit der Kommunalwahlen Anfang September. Aber Slawina habe darüber meistens Witze gemacht und man könne nie sagen, dass sie den Mut habe sinken lassen.          

Der Sohn und die Tochter von Irina Slawina halten während des Begräbnisses von Irina Slawina Bilder von ihrer Mutter in der Hand

Die Kinder von Irina Slawina nehmen auf einer Trauerfeier Abschied von ihrer Mutter

"Irina Slawina war sehr ehrlich, ein guter Mensch. Sie wollte ihre Stadt und ihr Land wirklich verbessern. Die Wahrheit zu verbreiten, war ihre wohl wichtigste Mission", so Sadomowskij. Auch die Anwältin Swetlana Kusewanowa, die die Journalistin verteidigte, findet nur gute Worte für sie: "Sie war eine sehr leichte, aber sehr konsequente Person und betrachtete die Gerichte als integralen Bestandteil ihrer Arbeit."

Am Abend nach dem Tod der Journalistin versammelten sich etwa 150 Menschen in der Innenstadt, um ihrer zu gedenken. Dort, wo Irina Slawina starb, legten Menschen Blumen nieder, stellten Fotos, Plakate und Kerzen auf. Doch schon am Morgen war all dies von Unbekannten entfernt worden.

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