Schulen keine sicheren Orte | Deutschland | DW | 30.12.2020
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Corona-Pandemie

Schulen keine sicheren Orte

Lockerung oder Verlängerung des Lockdowns, diese Frage wird in Deutschland heftig diskutiert. Auch für die Schulen. Immer mehr Studien zeigen, dass Lehrer und Kinder genau so gefährdet sind wie alle anderen auch.

Täglich einen Blick in den elektronischen Briefkasten zu werfen, das ist für Lehrerin Sabine Klein in diesen Tagen ein Bedürfnis. Sie hofft auf Informationen darüber, wie es ab dem 11. Januar an ihrem Gymnasium in Schleswig-Holstein weitergehen wird. "Vor Weihnachten wurde uns gesagt, dass Lehrer und Schüler nach dem Ferienende am 6. Januar zwei Tage zuhause bleiben und wir für die Zeit ausreichend Hausaufgaben austeilen sollten", erzählt sie am Telefon. Was danach komme, sei nach wie vor offen.

Sabine Klein heißt eigentlich anders, aber als Beamtin darf sie ohne Erlaubnis ihres Arbeitgebers nicht öffentlich über ihren Arbeitsalltag berichten. Deswegen will sie unerkannt bleiben.

Die 56-Jährige ist hin- und hergerissen, wenn sie darüber nachdenkt, wie es ab Januar in den Schulen weitergehen soll. "Als Pädagogin würde ich mir normalen Schulunterricht wünschen, weil digitale Systeme den Lernfortschritt eines normalen Unterrichts nicht ansatzweise bieten können", sagt sie, überlegt einen Moment und ergänzt: "Aber als Mensch hoffe ich angesichts der hohen Infektionszahlen, dass es nicht normal weitergeht - auch, weil wir Lehrer einfach nicht oder nur unzureichend geschützt sind."

Das Märchen vom sicheren Schulbetrieb

Lange Zeit galten Schulen in der Pandemie als "sichere Orte". Kinder, so hieß es auch in wissenschaftlichen Studien, würden sich weitaus seltener mit dem Corona-Virus infizieren, und wenn, dann verlaufe die Erkrankung meist ohne Symptome. Es spreche daher wenig dagegen, Schulen und Kindergärten geöffnet zu lassen.

Deutschland Karlsruhe | Coronavirus | Schule & Lüften

Geöffnete Fenster: Das war die Corona-Schutzmaßnahme im August und September

Die Politiker hörten das nur zu gerne. Während des Lockdowns im Frühjahr, als auch der Nachwuchs zuhause bleiben musste, war der Unmut in der Elternschaft gewaltig. Im Home-Office gleichzeitig zu arbeiten, die Kinder zu betreuen, mit ihnen Schularbeiten zu machen und für alle zu kochen, trieb viele Familien an den Rand des Wahnsinns. Eltern, die im Unternehmen präsent sein mussten, kamen mit der fehlenden Betreuung in Schulen und Kindertagesstätten häufig nicht zurecht.

Veränderungen ignoriert

Schulpolitik ist in Deutschland Sache der Bundesländer. Wenn es um weitreichende Entscheidungen geht, stimmen sich die zuständigen Landesminister in der Kultusministerkonferenz (KMK) ab. Deren Credo lautete seit dem Beginn des neuen Schuljahres im August: Der Präsenzunterricht sei unter allen Umständen aufrecht zu erhalten.

Daran änderte sich auch nichts, als im Spätherbst die Infektionszahlen bundesweit immer weiter anstiegen. "Sowohl bei Lehrkräften, als auch bei Schülerinnen und Schülern gibt es keinerlei Anzeichen dafür, dass Schulen in dieser Situation Infektionstreiber sind", sagte Schleswig-Holsteins Kultusministerin Karin Prien Mitte November. Ihr Kollege aus Hamburg, Ties Rabe, ergänzte ein paar Tage später: "Es ist nicht logisch und auch nicht empirisch belegt, dass sich infizierte Kinder und Jugendliche vor allem in der Schule infizieren."

Superspreader an einer Hamburger Schule

Zu diesem Zeitpunkt hätte es Rabe bereits besser wissen müssen. Ihm lag die Untersuchung eines Corona-Ausbruchs in einer Hamburger Schule vor, bei der ein einziger Schüler im September knapp 40 Mitschüler und Lehrer angesteckt hatte, wie eine Genomanalyse des Virus ergab. Doch Rabe ignorierte den Fall. Aufgebrachte Eltern sorgten schließlich dafür, dass die Untersuchung des Superspreader-Events publik wurde. 

Auch die übrigen Kultusminister verschlossen die Augen vor der sich von Woche zu Woche weiter ändernden Infektionslage. Selbst dann noch, als die Nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina am 8. Dezember für eine Aufhebung der Schulpflicht plädierte. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt ohnehin bereits ab einem Grenzwert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen, Klassen zu teilen und zu unterschiedlichen Zeiten zu unterrichten.

Das Bild wird klarer

Die Wissenschaft hat seit dem Ausbruch der Pandemie kontinuierlich dazugelernt. In Österreich haben Massentests an Schulen ergeben, dass Schüler sich genauso wie Erwachsene anstecken. Doch weil Kinder häufiger symptomfrei bleiben und das Virus unbemerkt überstehen, werden sie seltener getestet und so machen sich ihre Ansteckungen schlicht weniger bemerkbar.

In Großbritannien ist laut der nationalen Statistikbehörde ONS (Office for National Statistics) der Anteil von Schulkindern bei den positiven Corona-Tests sogar besonders hoch. Betroffen sind vor allem Kinder, die älter als zwölf Jahre sind.Auch hier sind die Fallzahlen im Dezember, als in Großbritannien die Infektionszahlen überall stiegen, vergleichbar in die Höhe geschossen.

Mit 30 Kindern in einem Klassenzimmer

Lehrerin Sabine Klein erscheint es plausibel, dass die Schulen dem örtlichen Infektionsgeschehen folgen. An ihrem Gymnasium in Schleswig-Holstein gab es bis zum Lockdown Mitte Dezember offiziell keine Corona-Infektion. Gleichzeitig waren auch die Infektionszahlen in ihrem Landkreis vergleichsweise niedrig. "Wir hatten einige Schüler und Lehrer, die in Quarantäne waren, aber das gab es überall."

Deutschland | Klassenzimmer Coronakrise

Abstandsregeln gelten in den Schulen nicht

Als sicheren Ort hat Klein die Schule trotzdem nie empfunden. Wie an allen deutschen Schulen gelten keine Abstandsregeln. Wie auch, in Klassenräumen, in denen oft mehr als 30 Kinder zusammen unterrichtet werden. Das verpflichtende Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes im Unterricht wurde erst im Spätherbst eingeführt. Schon immer galt hingegen: Alle 20 Minuten muss gelüftet werden. "Das kostet leider viel Zeit, weil sich alle erstmal eine dicke Jacke, Mütze und Schal anziehen, die anschließend wieder ausgezogen wird", berichtet die Lehrerin.

500 Euro für Masken ausgegeben

In der Corona-Pandemie fühlt sich die Pädagogin von den Schulbehörden weitgehend alleingelassen. "Wir haben noch nicht einmal brauchbare Masken bekommen, erst kurz vor dem Lockdown im Dezember wurden einfache OP-Masken ausgeteilt", berichtet Klein. Wegen einiger Grunderkrankungen ist sie Risikopatientin und wagt sich nur mit einer gut filternden FFP2-Maske in die Schule. "Dafür habe ich bis jetzt rund 500 Euro ausgegeben."

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Wie hier in Mainz versuchen manche Schulen, die Luftqualität technisch zu verbessern

Während der Arbeitsschutz in Krankenhäusern vorsieht, dass eine FFP2-Maske alle zwei Stunden für 30 Minuten abzulegen ist, trägt die Lehrerin den Schutz viele Stunden am Stück. "In den zwei großen Pausen gehe ich draußen irgendwohin, wo niemand ist, ziehe die Maske aus und esse etwas." Nachmittags fährt sie nach Hause und hat Kopfschmerzen.

Wie kann es in den Schulen weitergehen?

Trotz aller Belastungen hadert Klein mit der Vorstellung, dass die Schulen länger geschlossen bleiben könnten. Schon allein, weil auch ihre Schule auf den digitalen Unterricht weiterhin nicht ausreichend vorbereitet ist. "Da hat sich seit dem ersten Lockdown herzlich wenig getan", berichtet sie. Es gab keine Fortbildungen für die Lehrer und es fehlt an ausreichend Endgeräten für Lehrer und auch für die Schüler.

Am Montag wollen die Kultusminister der Bundesländer entscheiden, ob und wie lange der Lockdown fortgesetzt werden muss. Streit ist wahrscheinlich. Während die einen nach wie vor auf Präsenzunterricht beharren, zeigen sich andere bereits einsichtig. Vom Deutschen Lehrerverband heißt es dazu, es sei doch klar, dass ein Normalbetrieb nach den Ferien nicht möglich sein werde.

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