Saudi-Arabiens unfreiwillige Emanzipation | Nahost | DW | 05.11.2013
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Nahost

Saudi-Arabiens unfreiwillige Emanzipation

Trotz aller Freundschaftsbekundungen: Saudische und US-Interessen gehen nicht nur im Syrienkonflikt auseinander. So sucht das sunnitische Königreich seinen eigenen Weg. Der ist stellenweise kurvenreich.

Ein hellgrünes Polster, eingefasst in goldfarben glänzendes Holz: Die Stühle, auf denen die beiden Diplomaten Platz nahmen, signalisierten eine freundliche, entspannte Atmosphäre. Dicht beieinander, getrennt nur durch einen kleinen, ovalen Tisch, markierten sie exakt jene vertraute Distanz, wie sie für schwierige Gespräche zwischen Freunden typisch ist. Vereint, aber mit dem nötigen Abstand, um gewichtige Argumente hin und her zu wenden: Das war das Bild, das der saudische Außenminister Saud al-Faisal von sich und seinem amerikanischen Gegenüber, US-Außenminister John Kerry, der Welt präsentieren wollte.

Entsprechend bedacht waren die Worte, die al-Faisal anlässlich von Kerrys Besuch am Montag (04.11.13) in Riad für das Verhältnis der beiden Staaten zueinander fand: Für Gefühle und Ärger gebe es keinen Raum, erklärte er. "Strategisch und beständig" seien die saudisch-amerikanischen Beziehungen, ergänzte Kerry. Und doch: Es gebe "sehr wichtige Dinge" zu besprechen, um das Verhältnis der beiden Staaten wieder "auf den richtigen Weg" zu bringen.

"Strategische Differenzen"

US-Präsident Rooseveltzu Gast bei König Saud, 1945 (Foto: pixel)

Alte Freunde: US-Präsident Roosevelt zu Gast bei König Saud, 1945

Tatsächlich hatten sich die Meinungsverschiedenheiten zwischen den USA und Saudi Arabien zuletzt immer deutlicher gezeigt - auch wenn es sich, wie die beiden Diplomaten versicherten, nicht um grundsätzliche, sondern bloß um "strategische" Differenzen handele. Diese beziehen sich zwar nicht nur, aber vor allem auf das weitere Vorgehen in Syrien.

Diese Differenzen werden die Beziehungen der beiden Staaten nicht dauerhaft belasten, sagt Christian Koch, Direktor für Internationale Studien am Gulf Research Center in Dubai. Allerdings empfänden die Saudis zunehmend Unbehagen gegenüber der US-amerikanischen Marschrichtung im Syrienkonflikt. "Die Machthaber in Riad haben das Gefühl, dass dieser Krieg, wenn er noch ein, zwei Jahre weiter geht, auch Auswirkungen auf die Situation innerhalb des Königreiches haben und den ganzen Nahen Osten in einen Flächenbrand setzen könnte. Das will man vermeiden."

Der iranische Hegemon

Umso schwerer wiegt es für Saudi-Arabien, dass seine und die US-Interessen in Syrienkonflikt auseinandergehen: Während die USA vor einem zu starken Engagement zurückschrecken, um es sich mit Russland nicht zu verderben, beobachtet man in Riad mit Sorge, dass Saudi-Arabiens Erzrivale Iran sich diesen Umstand im Sinne des eigenen Machtanspruchs zunutze machen will.

Bleibt nämlich Assad an der Regierung, ermutigt das den Iran, seine Vorherrschaft in der Region weiter auszubauen. Eben darum, so Koch, sei man in Riad entschlossen, die syrischen Rebellen zu unterstützen. "Saudi-Arabien sieht natürlich die Möglichkeit, durch den Sturz von Assad den Iranern einen Riegel vorzuschieben und ihren Vormarsch im Nahen Osten zu stoppen."

Sunnitisch-schiitische Rivalitäten

Mittelstrecken-Raketen der Armee der Revolutionswächter Iran bei einem Manöver am 01.07.2012

Macht am Golf: Iranisches Raketenmanöver

Zurück geht die Rivalität am Golf auf das Jahr 1979, als radikale Schiiten Schah Rezah Pahlavi stürzten und den Iran in einen Gottesstaat verwandelten. Seither hat sich die uralte Gegnerschaft zwischen Schiiten und den - geistlich traditionell von Saudi Arabien gelenkten - Sunniten noch einmal verschärft. Nach Lesart der Führung in Teheran ist der Konflikt darum nicht nur einer zwischen Iran und Saudi-Arabien, sondern einer zwischen den beiden islamischen Glaubensrichtungen generell.

Den arabischen Schiiten, so der Nahost-Experte Guido Steinberg, unterstelle man in Riad, "eine 'fünfte Kolonne' des schiitischen Nachbarn zu sein. Seit 1979 bemüht sich die saudi-arabische Führung deshalb, jeglichen Einflussgewinn der Iraner und damit jegliche Emanzipation der Schiiten in der arabischen Welt zu verhindern."

Sprachrohr der Sunniten

Sein Selbstverständnis als sunnitische Führungsmacht zeigt Saudi-Arabien mitllerweile auch auf globaler Bühne. So hat das Königreich Mitte Oktober den ihm zufallenden Status als nicht-ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrats abgelehnt. Zur Begründung erklärte der saudische Außenminister, "Arbeitsweise, Mechanismen und doppelte Standards" des Sicherheitsrats hinderten diesen daran, seine Pflichten und Verantwortung angemessen wahrzunehmen.

Als Beispiel verwies al-Faisal auf den weiterhin ungelösten israelisch-palästinensischen Konflikt und die Existenz von Massenvernichtungswaffen in der Region. Sämtliche Atomstaaten in Nahost müssten sich "ohne Ausnahme" internationaler Kontrolle unterwerfen - eine Anspielung auch auf das mutmaßliche israelische Atomwaffenarsenal.

Waffen in falschen Händen

Mit seiner Kritik an Israel bezieht Saudi-Arabien eine politische Position, die nicht frei von Widersprüchen ist. Einerseits ergänzt es die in Teheran lange Zeit gepflegte schiitische Israelfeindschaft um eine sunnitische Kritik am jüdischen Staat. Andererseits beobachtet es gemeinsam mit Israel die iranischen Expansions- und Atompläne mit großer Sorge.

Pilger bei der Hadsch in Mekka, 11.10. 2013 (Foto: Reuters)

Sunnitische Führungsmacht: Pilger bei der Hadsch in Mekka

Diese Sorge hat Israel und Saudi-Arabien zumindest im Hinblick auf den Iran längst zu Verbündeten werden lassen. Beiden ist an einer weiteren Ausdehnung der iranischen Einflusssphäre nicht gelegen. Dennoch finden Israel und Saudi-Arabien im Syrienkonflikt, in dem sich auch das Schicksal Irans als künftiger Regionalmacht entscheidet, nur bedingt zueinander. Israel bereitet vor allem die massive Präsenz ihm feindlich gesonnener sunnitischer Extremisten Sorge. Für die Saudis hingegen sind diese nach der abgeblasenen amerikanischen Militäraktion die stärksten Kräfte der Anti-Assad-Koalition.

Doch unterstützen, schreibt Tom Philipps, ehemaliger britischer Botschafter in Saudi-Arabien, in einem Gastbeitrag für den amerikanischen Fernsehsender CNN, dürfte das Königreich die Extremisten dennoch nicht. Denn eines habe man inzwischen gelernt: Waffen in den Händen sunnitischer Extremisten wenden sich am Ende auch gegen das Königreich selbst. Darum hätte man in Riad gerne die Amerikaner an der Seite. Die aber zieren sich. Die Saudis sehen sich darum verdammt zur Selbstständigkeit.

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