Saudi-Arabien: Wer seine Meinung sagt, lebt gefährlich | Nahost | DW | 25.02.2022
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Bürgerrechte

Saudi-Arabien: Wer seine Meinung sagt, lebt gefährlich

Menschenrechtler Raif Badawi ist nach zehn Jahren Haft laut seiner Frau wieder frei. Der prominente Blogger ist freilich nicht der einzige Aktivist, der in Saudi-Arabien wegen missliebiger Ansichten hinter Gittern sitzt.

Reporter ohne Grenzen l Protest gegen Festnahme von Blogger Raif Badawi

Freiheit für politische Gefangene in Saudi-Arabien: Kundgebung in Berlin, Oktober 2020

Menschenrechtler Raif Badawi war zwar international der prominenteste politische Gefangene in Saudi-Arabien, aber keineswegs ein Einzelfall - die Menschenrechtssituation in dem Land am Golf ist sehr kritisch. Wie viele politische Gefangene es in Saudi-Arabien  genau gibt, ist unklar. Die saudische Regierung behauptet wenig überraschend, es gebe überhaupt keine politischen Gefangenen in ihrem Land. Menschenrechts-Aktivisten sprechen jedoch von hunderten oder sogar - wie jüngst Amnesty International - von rund 3000 politischen Gefangenen in Saudi-Arabien.

Zwar wurden im Sommer 2021 einige prominente Frauenrechtlerinnen wie etwa Samar Badawi, die Schwester Raif Badawis, oder die Aktivistin Nassima al-Sadah aus dem Gefängnis entlassen. Dies ändert aus Sicht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) allerdings wenig an der anhaltenden Unterdrückung missliebiger Meinungen. "Die saudischen Behörden haben vielleicht einige Personen freigelassen, um den internationalen Druck zu mindern, aber ihre Haltung gegenüber Dissidenten bleibt die gleiche", heißt es unter Bezug auf ihren World Report 2022 auf der Webseite der Organisation.

In Saudi-Arabien werden Aktivisten und Reformer mit sehr unterschiedlichen Anliegen und unterschiedlichem Hintergrund verfolgt. Auch die Methoden von Verfolgung und Repression zeigen sich in unterschiedlichen Formen.

Spionage und Foltervorwürfe

Die bekannte Frauenrechtlerin und Aktivistin Ludschain al-Hathlul etwa wurde im Sommer 2021 unter Auflagen aus der Haft entlassen, nachdem sie 2018 festgenommen und Ende 2020 schließlich auf Grundlage eines Anti-Terror-Gesetzes verurteilt worden war. Ihre Familie erhob seinerzeit Foltervorwürfe. Nominell ist sie heute zwar frei, doch sie darf nicht ausreisen. Offensichtlich verfolgt der saudische Staat auch weiterhin genauestens alle ihre Aktivitäten, obwohl viele ihrer Forderungen - vor allem Auto-Fahrerlaubnis für Frauen - inzwischen umgesetzt sind. 

So erhielt al-Hathlul kurz nach ihrer Freilassung einen Hinweis des Digitalunternehmens Google: Dem saudischen Staat verbundene Hacker hätten versucht, in ihren Email-Account einzudringen. Daraufhin bat al-Hathlul das der Universität Toronto verbundene Software-Labor Citizen Lab, ihr iPhone zu untersuchten.

Das Labor entdeckte auf dem iPhone ein Spähprogramm des israelischen Unternehmens NSO. Ein Schock, denn Saudi-Arabien hatte dessen berüchtigte Spionagesoftware auch gegen den Regimekritiker Jamal Khashoggi eingesetzt. Dieser war 2018 von einem saudischen Kommando im saudischen Konsulat in Istanbul ermordet worden. Der Fall zeigte seinerzeit überaus eindringlich, mit welcher Brutalität Riad im Zweifel selbst gegen Kritiker im Ausland vorzugehen bereit ist.

Saudi-arabische Aktivistin Ludschain al-Hathlul

Unter Beobachtung des Regimes: Frauenrechtlerin Ludschain al-Hathlul

Schlafentzug und Elektroschocks

Ein weiteres Beispiel: 2018 wurde der damalige Angestellte des Roten Halbmonds, Abdulrahman al-Sadhan (37), verhaftet. Im April 2021 wurde er zu einer 20-jährigen Haftstrafe verurteilt. Sein Vergehen: Er hatte sich auf seinem anonymen Twitter-Account kritisch unter anderem zu Menschenrechts-Themen geäußert. Fast zwei Jahre lang hielten ihn die saudischen Justizbehörden in Isolationshaft. Al-Sadhans in den USA lebende Schwester Areej erklärte gegenüber der "Washington Post", die Behörden hätten ihren Bruder in Haft misshandelt. Berichtet wurde unter anderem über Elektroschocks, Auspeitschungen, Schlafentzug, Todesdrohungen, verbale Demütigungen und Einzelhaft. Zudem sei er gezwungen worden, Dokumente zu unterschreiben, die als Beweismittel in seinem Prozess verwendet wurden, ohne dass er die Möglichkeit hatte, sie zu lesen.

Brisant: Für die Enttarnung des Aktivisten und die Weitergabe seiner Daten nach Riad sollen seinerzeit zwei arabischstämmige Twitter-Mitarbeiter verantwortlich gewesen sein, berichtete das US-Medienunternehmen 'Bloomberg' damals. 

Saudi-Arabien Der Menschenrechtsaktivist Abdulrahman al-Sadhan

Menschenrechtsaktivist Abdulrahman al-Sadhan, hier mit seiner Schwester Areej, Archivbild von 2013

"Aufstachelung zu Protesten"

Der Menschenrechtler Mohammed al-Otaibi hatte bereits eine 14-jährige Haftstrafe abgesessen, als er im Dezember 2020 zu einem weiteren Jahr in Haft und wenige Monate später, im März 2021, zu nochmals weiteren Jahren verurteilt wurde - insgesamt addierte sich dies zu einer Haftstrafe von 17 Jahren. Al-Otaibis Vergehen: Er hatte zusammen mit drei weiteren Aktivisten eine 'Union für Menschenrechte' gegründet. Für diese hatte er bei den Behörden sogar offiziell einen Antrag auf Zulassung gestellt. Doch ein Sonderstrafgericht verurteilte ihn unter anderem für angebliche Vergehen wie "Teilnahme an Gründung einer Organisation und deren Ankündigung, bevor eine Genehmigung vorliegt", "Aufstachelung zu Protesten" sowie "Spaltung der nationalen Einheit, Verbreitung von Chaos und Aufwiegelung der öffentlichen Meinung".

Haft und Peitschenhiebe 

Immer wieder geraten auch Schriftsteller ins Visier der saudischen Behörden. So zählt die internationale Autorenvereinigung PEN das Land neben China und der Türkei zu den drei Ländern, in denen weltweit die meisten Autoren in Haft sitzen.

Ein Beispiel dafür ist der palästinensisch-stämmige Autor Ashraf Fayadh, der seit 2013 in saudischer Haft ist. Angeklagt war er der Apostasie (Abfall vom Glauben), unstatthafter Beziehungen mit Frauen sowie angeblich atheistischer und gotteslästerlicher Passagen in seinem Gedichtband 'Anweisungen von innen'. Der tatsächliche Grund für die Verhaftung könnte aber sein, deutet der PEN an, dass Fayadh seinerzeit Mitglieder der saudischen Religionspolizei dabei filmte, wie sie einen Mann auspeitschten und dieses Video dann ins Netz stellte. 2015 wurde Fayadh zum Tod verurteilt, im Jahr 2016 wurde das Urteil in eine achtjährige Haftstrafe und 800 Peitschenhiebe umgewandelt. Erst seit 2020 sind Peitschenhiebe als Strafmaß in Saudi Arabien abgeschafft. 

"Alles an diesem Fall ist beschämend", kommentiert dazu der syrische Schriftsteller Yassin al-Haj Saleh, derzeit Stipendiat des deutschen PEN-Zentrums, gegenüber der DW. Neben dem Verfahren sei besonders der Angriff auf Fayadhs Dichtung verwerflich, so sein syrischer Schriftsteller-Kollege: Mit dem Vorwurf der Blasphemie trügen saudische Gerichte dazu bei, dass eine ganze Kultur verarme. "Das ist überall dort der Fall, wo staatliche Tyrannei oder religiöser Fundamentalismus die Oberhand haben. Saudi-Arabien ist ein Beispiel für beides zusammen", so al-Haj Saleh.

Ashraf Fayadh

Seit Jahren in Haft: der Schriftsteller Ashraf Fayadh

Anklagepunkt "Sodomie"  

Auch Mitglieder der LGBT-Community leben in Saudi-Arabien gefährlich und in ständiger Angst, enttarnt zu werden. Grundlage für Gerichtsprozesse sind angebliche Verstöße gegen die "öffentliche Ordnung", "religiöse Werte" oder die "öffentliche Moral", weitere häufig bemühte Anklagepunkte lauten "Sodomie" oder auch "Ermutigung oder Förderung von Homosexualität".

2020 zum Beispiel verurteilte ein saudisches Gericht den jemenitischen Blogger Mohamed al-Bokari zu zehn Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe in Höhe von umgerechnet knapp 2400 Euro. In den Augen der Anklage hatte sich al-Bokari durch einen Beitrag in sozialen Medien schuldig gemacht, in dem er sich für LGBT-Rechte in Saudi-Arabien einsetzte. Saudische Sicherheitsbeamte, berichten Menschenrechtsgruppen, hielten ihn wochenlang in Einzelhaft, unterzogen ihn einer erzwungenen Analuntersuchung und schlugen ihn wiederholt, um ihn zum Eingeständnis seiner Homosexualität zu zwingen. Inzwischen ist Bokari wieder auf freiem Fuß und lebt in Sicherheit an einem unbekannten Ort. 

Proteste in Saudi Arabien

Proteste von Schiiten in Saudi-Arabien, Archivbild von 2011

Minderheit unter Druck

Auch Angehörige der schiitischen Minderheit in Saudi-Arabien geraten regelmäßig wegen kritischer Meinungsäußerungen ins Visier der Behörden. Auch Todesstrafen sind in diesem Zusammenhang schon verhängt worden, ebenso zahlreiche Haftstrafen. So wurde die Menschenrechtsaktivistin Israa al-Ghomgham im August 2018 zum Tode verurteilt, nachdem sie über schiitische Unruhen in der Region Al-Qatif berichtet hatte. Nachdem UN-Vertreter Sorge um die Aktivistin geäußert hatten, wurde das Urteil 2021 letztendlich in eine achtjährige Haftstrafe umgewandelt. Laut der Menschenrechtsorganisation 'Gulf Center for Human Rights' (GCHR) wurde al-Ghomgham zumindest in der Anfangsphase der Zugang zu einem Anwalt verweigert. Außerdem sei auch sie in Haft misshandelt worden. 

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Zwei Schwestern auf der Flucht aus Saudi-Arabien